Der falsche Freitag

    von Susanne Kirchner

    Es hätte vermutlich besser laufen können. Oder auch schlechter. Zu meiner Verteidigung muss gesagt werden, dass das ganze Desaster teilweise in meinen Genen liegt. Meine Familie ist herzlich, absolut liebenswert, laut und sehr chaotisch. Und gegen diese angeborene und vermutlich bereits generationenlang vererbte chaotische Verhaltensweise kann man eben nur sehr schwer ankämpfen. Was kann man schon dagegen tun, wenn man Chaos magisch anzieht? Eben. Daher kam es an diesem Sonntag, der eigentlich ein falscher Freitag war, so wie es eben gekommen ist.

    Es gibt in meiner Familie eine seit langem bestehende Tradition. Jeden Freitag kommen alle Familienmitglieder und Freunde bei meiner Tante Hermi – eigentlich Großtante, aber der einfachhalthalber lassen wir sämtliche erweiterte Bezeichnungen wie Groß-Tanten, Groß-Cousinen, Groß-Nichten, Ur-Enkeln  etc. generell weg, und mit Cousinen 2., 3. Grades fangen wir gar nicht erst an, da bei diesen Treffen vier Generationen zusammenkommen – im Süden der Steiermark treffen alle sich auf ein gemütliches Mittagessen, was manchmal in einen Nachmittagskaffee übergeht, der wiederum sehr oft im Sommer dann in einem äußerst lustigen Abend endet. Meine Tante ist bereits über 90 und stets rüstig, aktiv und humorvoll unterwegs. Diese Freitage sind bei uns zu einem sehr liebgewonnen Ritual geworden und uns allen heilig.
    In dieser Woche gab es jedoch eine Änderung. Die übliche Donnerstagsrunde meiner Tante, bestehend aus bis zu 8 Personen zwischen 60 und eben über 90 Jahren, die sich jeden Donnerstag zum dem Alter entsprechend eher frühen Abendessen treffen, konnte nicht an diesem Donnerstag stattfinden. Freizeitstress der Pensionisten.
    Daher wurde die Donnerstagsrunde um 18 Uhr auf Freitag um 14 Uhr verschoben. Was wiederum Auswirkunken auf unseren Freitag hatte, sprich, er konnte nicht stattfinden. Keiner von uns war davon sonderlich begeistert. Um sich nun nicht den Unmut der gesamten Familie auf sich zu ziehen, verlegte meine Tante den Freitag kurzerhand auf den Sonntag. Ausnahmsweise. Das erste und nach dieser Geschichte bestimmt auch das letzte Mal. Der Sonntag wurde also zum falschen Freitag. Wir waren alle happy damit. So weit, so gut. Soweit eben der Plan. Er sollte nur an der Umsetzung scheitern. Wie so vieles im Leben.

    Der Sonntag begann, wie ein typischer Sonntag im Sommer beginnen sollte. Die Sonne strahlte, die Vögel zwitscherten und ein köstlicher Duft von frischem Kaffee lag in der Luft. Es gibt generell zwei Möglichkeiten, wie ich zu meiner Tante komme. Entweder nehme ich die Autobahn, eine Autofahrzeit von ca. 30 Minuten, oder ich fahre über das Landesinnere, ca. 40 Minuten – außer es ist ein Traktor vor mir, dann kann die Strecke auch mal eine etwas unentspannte Stunde dauern. Das Eis, welches ich mitbringen sollte, war sowieso sicher in der Kühltasche verwahrt, also spielte das schon mal keine Rolle. Da das Wetter fantastisch, und, ich früh genug dran war, entschloss ich mich für die etwas längere, aber dafür schönere Strecke inklusive offenem Panoramadach. Ach, wie schön das Leben manchmal sein kann. Zumindest 15 Minuten lang. Dann begann dieser Sonntag seine gravierende Wendung zu nehmen.

    Wie bereits erwähnt war es Sonntag. Und wofür sind Sonntage am Land auch bekannt? Richtig! Für Umzüge. Es fand mitten in der wunderschönen Pampa ein Umzug statt. Welcher weiß ich bis heute nicht. Der Almauftrieb hatte bereits stattgefunden, und für den Almabtrieb war es noch zu früh. Vielleicht wurde irgendeine Winzerkönigin geehrt oder eine neue Weinsorte gefeiert. Was auch immer. Jedenfalls konnte ich den üblichen Weg nicht fahren, da es eine Umleitung gab.
    Diese Umleitung führte über eine weitere Umleitung, die wiederum von einer Umleitung umgeleitet wurde, welche schlussendlich tatsächlich in einer Sackgasse endete. Eine Umleitung, die in einer Sackgasse endet! Kompliment an den Witzbold, der sich das ausgedacht hatte.
    Meine einzige Chance bestand darin, diesen Umleitungen großräumig auszuweichen und über die andere Seite der Landstraße zu fahren. Nun hilft es zu wissen, dass ich zwar sehr oft bei meiner Tante bin und ich meine Wege kenne, aber eben MEINE Wege. Andere Wege entziehen sich meiner bereits eh nicht großartig vorhandenen geographischen Kenntnisse und münden sehr oft in neuen Gegenden und neuen Bekanntschaften, weil ich nach dem Weg fragen muss. Mein dämliches Smartphone aus der Steinzeit war im Sonntagsmodus, sprich, der Akku war leer, wie so oft, also half es auch nichts, Google nach dem Weg zu fragen. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Vermutlich waren alle bei dem Umzug.

    Die Zeit verging, die Kilometer wurden mehr und die geographische Verwirrung größer. Ich konnte auch niemanden anrufen, um zu sagen, dass ich später komme, da mein Smartphone außer Betrieb war. Das gute Eis lagerte noch gefroren in der Kühltasche, aber würde nicht ewig in diesem Zustand sein.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit, vielen seltsamen Straßen und neuen Ortsteilen kam ich schließlich statt zu Mittag am frühen Nachmittag an. Hungrig und etwas genervt. Aber ich kam an. Endlich.
    Mein Auto war allerdings das einzige Auto vor Ort. Ich stand dennoch ohne etwas verdächtig zu finden mit dem Eis in der Kühltasche vor der Gartentür und wartete. Nach 3-mal läuten wurde ich dann doch etwas misstrauisch. Es schien niemand da zu sein. Weder Cousins, noch Enkel, oder Nichten, und auch nicht meine Tante. Da entdeckte ich einen Zettel an der Eingangstür. Ja, an der Eingangstür. Meine Rasselbande will, dass ich mich sportlich betätige. Den Zettel gleich an der Gartentür anzubringen, wäre ja viel zu einfach gewesen. Daher kletterte ich wie eine betrunkene Gazelle zugegebenermaßen etwas tollpatschig und wenig graziös über den Zaun und ging zur Haustür.
    Susi – wir haben dich nicht erreicht. Sind spontan zur Buschenschank gefahren. Freuen uns dich dort zu sehen. PS: Kauf dir endlich ein neues Handy!

    Meine Familie! Zur Buschenschank war es eine gute halbe Stunde, das Eis würde sich auf dieser Fahrt endgültig in einen flüssigen Zustand verflüchtigen. Und dort würden wir es sowieso nicht essen. Daher ging ich zurück zum Gartenzaun, schnappte mir die Kühltasche samt Eis und spazierte mit ihr hinten ums Haus herum, durch den Garten zum Geräteschuppen, in dem ein zweiter Gefrier-und Kühlschrank stand. Das Versteck des Schlüssels kennend (nicht, dass jemals ein Einbrecher über ein Eis und tiefgefrorene Rippchen herfallen würde, aber was weiß man), verstaute ich schließlich das Eis, versperrte wieder den Schuppen, ging durch den Garten ums Haus herum und staunte nicht schlecht. Da standen sie. Zwei Autos, vier Mann hoch. Sie starrten mich ebenso erstaunt an, wie ich sie. Die Polizei war da. Anscheinend hatte ein Spaziergänger meine elegante Akrobatik über den Zaun beobachtet und sich bemüßigt gefühlt die Polizei zu verständigen, da er mich anscheinend für einen unsportlichen Einbrecher hielt. Na, super! Automatisch nahm ich meine Hände etwas hoch, woraufhin die Polizisten ihre Hände dezent auf ihre Waffen im Holster legten.

    „Ich bin unschuldig“, war meine erste Reaktion – das liegt nun mal im Blut von Juristen und vermutlich auch von Verbrechern -, die leere Kühltasche in meiner Hand nach oben haltend. Da kam zum Glück meine Tante inklusiver der gesamten Rasselbande an. Während die Polizei immer noch etwas ratlos herumstand, fing meine Tante, die die Situation als Erste überrissen hatte, herzlich an zu lachen. Meine Cousins und der Rest der Truppe stimmten sogleich mit ein.
    „Sie kennen die Dame?“, fragte ein Polizist schließlich nach.

    Meine Tante brachte vor Lachen kein Wort heraus, sie nickte lediglich. Meiner Cousine sei Dank, sie klärte die Situation schließlich auf. Ein Schmunzeln konnten die Polizisten nicht unterdrücken. Der Nachmittag endete dann doch noch im Guten. Es gab eine zweite Jause im Garten samt dem Eis und den vier Polizisten, die sich zunächst dagegen wehrten und es ablehnten, was bei meiner Familie aber ein zweckloses Unterfangen ist.
    „Eis ist keine Bestechung. Eis ist Eis. Machen Sie sich nicht lächerlich und essen sie!“, befahl meine Tante und die Polizei folgte. Nach dem Eis bedankten sie sich höflich und machten sich wieder auf den Weg, wahre Verbrecher zu schnappen, während wir alle noch fröhlich bis in die späten Abendstunden zusammensaßen und immer wieder aufs Neue die Geschichte erzählten, wie ich fast von der Polizei verhaftet wurde, nur weil ich Eis in den Geräteschuppen gab!

    Es gab seither nie wieder einen falschen Freitag. Wenn die Donnerstagrunde verschoben werden muss, dann auf den Mittwoch, so dass der Freitag uns gehört und der Sonntag chaosfrei sein kann.
    Und ja, ich habe inzwischen ein neues Smartphone. Man weiß ja nie, wann nicht doch wieder ein Sonntag zu einem falschen Freitag wird.

     

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