Die Schöpfungsgeschichte

    von Casjen Griesel

    Meine Finger zittern kaum merklich, als ich mein E-Mail-Programm auf dem Laptop schließe und ihn zuklappe. Ich blicke mich langsam um, fast so, als würde ich befürchten, dass meine Familie etwas bemerkt hat, doch sie sind gerade damit beschäftigt, den Frühstückstisch abzuräumen.
    „Julia, kannst du kurz helfen?“, vernehme ich die Stimme meines Vaters, der gerade dabei ist, viel zu viele Teller auf einmal vom Tisch zur Spülmaschine zu balancieren und dabei nicht bedacht hat, dass er sie so nicht wird einräumen können. Ich nicke, springe beinahe von meinem Stuhl auf und bemerke, wie mein älterer Bruder Patrick mich belustigt mustert, während ich mit zitternden Knien die Teller aus den Armen meines Vaters nehme und sie in der Spülmaschine verstaue.
    „Hast du mit deinem Freund geschrieben, oder was?“, mein Bruder grinst nun noch breiter, und ich werde rot, obwohl er nicht einmal ansatzweise erraten hat, mit wem ich in den letzten Tagen in E-Mail-Kontakt stand.
    Meine Mutter schüttelt den Kopf: „Mit 16 Jahren hat man noch keinen Freund.“
    Und damit ist das Thema beendet.

    Als die Küche vom gemeinsamen Frühstück aufgeräumt und gesäubert ist, gehen wir alle in unsere Zimmer und ziehen uns um. Natürlich haben wir unsere gute Sonntagskleidung, mit der wir gleich gemeinsam in die Kirche fahren werden, nicht zum Frühstück getragen. Erst vor kurzem hat meine Mutter mir ein neues, schlichtes Kleid gekauft, dessen Rock über meine Knie reicht und das meine Schultern ausreichend bedeckt. Ich lasse es im Schrank und gehe zum Zimmer meines Zwillingsbruders, Felix, mit dem ich mich schon immer viel besser verstanden habe als mit Patrick. Patrick ist einige Jahre älter als wir und schon vor einiger Zeit zu Hause ausgezogen, um in einer anderen Stadt ein Studium der katholischen Theologie zu beginnen. Meine Eltern sind damals natürlich geplatzt vor Stolz, und Felix, der ihnen eigentlich schon längst mitteilen wollte, dass er aus der Kirche austreten will, wird in diesem Herbst seine Ausbildung zum Gemeindepädagogen beginnen.
    Ich klopfe an Felix‘ Tür, und er öffnet sie, nimmt meine Hand und zieht mich in sein Zimmer, wo bereits das Hemd bereithängt, das wir vor einigen Nächten gemeinsam für mich ausgesucht haben. Zum Glück tragen Felix und ich die gleiche Größe, weswegen er mir spontan auch eine Hose mit Hosenträgern und eine Fliege ausleiht. Nach wenigen Minuten stehen wir nebeneinander vor dem großen Spiegel in Felix‘ Zimmer und betrachten uns.
    Unsere Kleidung unterscheidet sich lediglich dadurch, dass Felix im Gegensatz zu mir eine Krawatte trägt. Außerdem ist sein Haar ein bisschen länger als meins, er hat es zu einem Dutt zusammengebunden, während ich mir, unter starkem Protest meiner Eltern, die Haare vor wenigen Monaten kurzgeschoren habe. Wir sehen aus wie Zwillingsbrüder, und bei diesem Gedanken muss ich lächeln. Felix nimmt meine Hand und drückt sie, als er es bemerkt. Er ist der Einzige, der weiß, dass dieser fixe Gedanke von mir der Wahrheit entspricht. Ich bin sein Zwillingsbruder.

    Dann muss ich daran denken, dass es nicht stimmt, dass er der Einzige ist und sehe im Spiegel, wie meine Ohren erröten, als ich daran denke, wie viel Kraft und Mut es mich gekostet hat, den Pfarrer unserer Kirche zu kontaktieren. Felix war sofort Feuer und Flamme gewesen, als ich ihn von meinem Plan erzählte und hatte mich dann tatkräftig unterstützt, indem er die E-Mail-Adresse des Pfarrers unserer Gemeinde herausgefunden hatte.
    Wir hatten eine ganze Nacht gebraucht, um die Nachricht an Pfarrer Beck zu schreiben, in der ich ihm meine Situation erklärte und ihn darum bat, in der nächsten sonntäglichen Predigt auf das Thema „trans*“ einzugehen. Pfarrer Beck kannte meine Familie gut und wusste um die konservative Einstellung meiner Eltern. Bevor ich seine Antwort erhielt, fürchtete ich, dass er ihre Werte teilte, doch ich konnte erleichtert feststellen, dass das nicht so war. Er versicherte mir seine Unterstützung, wann immer ich sie benötigen würde, und arbeitete gemeinsam mit mir einen Plan aus, wie er das Thema in seiner nächsten Predigt bestmöglich ansprechen könnte. Am heutigen Morgen hatte ich ihm eine finale Nachricht geschrieben, in der ich mich für seine Hilfe und Offenheit bedankt hatte.

    „Bist du bereit, Julian?“, Felix blickt mich durch die spiegelnde Oberfläche hindurch an und legt den Kopf schief, während er meine Antwort abwartet.
    Ich nicke leicht, aber merke, wie meine Hände zu schwitzen beginnen, als er seine Zimmertür öffnet und mich erwartungsvoll anblickt. Für einen Moment frage ich mich, warum das Schicksal oder Gott oder wer auch immer so unfair ist und mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Ich frage mich, warum ich nicht Felix sein kann. Doch ich weiß, dass diese Fragen nicht zielführend sind und ich mit ihnen schon viel zu viel Zeit in meinem Leben verschwendet habe. Ich nicke erneut und verlasse gemeinsam mit meinem Bruder das Zimmer.
    Als wir im Erdgeschoss unseres Reihenhauses ankommen, stößt meine Mutter einen spitzen Schrei aus.
    „So nehme ich dich nicht mit, junges Fräulein!“, spuckt sie mir entgegen und verschränkt ihre Arme über der Brust und ich wage es nicht, sie anzugucken.
    Ich werde wütend auf mich selbst, weil ich bemerke, wie meine Augen sich mit Tränen füllen und fahre mir mit einer Hand durch mein kurzes Haar, das für meinen Geschmack schon wieder viel zu lang geworden ist.
    „Entweder so, oder gar nicht“, höre ich in dem Moment Felix‘ Stimme, und Patrick seufzt genervt, als er auf die Uhr blickt: „Scheiß drauf. Können wir los?“
    Beinahe erwarte ich, dass sich die Wut meiner Mutter nun gegen Patrick richten wird, weil er geflucht hat, doch sie ist scheinbar zu schockiert von mir, um es überhaupt zu bemerken.
    „Werner, sag doch auch mal was!“, versucht sie dann meinen Vater zum Mitreden zu animieren, der bereits mit einem Bein aus der Haustür raus ist und den Kopf schüttelt.
    „Entweder reden, oder Gottesdienst“, stößt er nur in einem ähnlich genervten Tonfall wie Patrick aus, der unserem Vater mittlerweile nach draußen gefolgt ist, und auch Felix und ich machen uns auf dem Weg zum Auto.

    Kurze Zeit später kommen wir an. Unser Dorf ist klein und die Kirche nicht weit entfernt. Den Weg vom Parkplatz zum Kircheninneren legen wir schweigend zurück. Unsere Eltern und Patrick laufen hinter uns, beinahe so, als würden sie nicht mit uns in Verbindung gebracht werden wollen, obwohl jeder hier uns seit Jahren kennt. Felix läuft direkt neben mir und lächelt mir aufmunternd zu, als einige der älteren Damen aus dem Dorf stehen bleiben und mich abschätzig mustern. Wir betreten die Kirche und setzen uns in eine der vorderen Reihen, Patrick und unsere Eltern sitzen neben uns. Meine Mutter hat trotz allem wie immer den Platz neben mir eingenommen.
    Als Pfarrer Beck die Kirche betritt, verstummt das Gemurmel der Gemeinde, und alle stehen auf. Er nickt mir kaum merklich zu und lächelt mich an, ich lächele zurück und fühle mich, als würde ich jeden Moment beginnen, zu weinen. Wir setzen uns.
    Ich kann Pfarrer Becks Worten kaum folgen, als er beginnt, die Schöpfungsgeschichte zu erzählen und anschließend darauf eingeht, dass Gott die Menschen zwar als Mann und Frau geschaffen hat, manche Personen sich aber nicht mit ihrem Körper identifizieren und dass das keine Sünde sei. Ich bemerke nur, wie ich kurz davor bin, mich zu übergeben und wie einige der älteren Gemeindemitglieder aufstehen und die Kirche verlassen. Er führt seine Ansprache unbeirrt fort und sagt, dass Gott keine Fehler macht. Dass ein solcher Umstand für eine Familie nicht bedeutet, ein Kind zu verlieren, sondern einen neuen Sohn oder eine neue Tochter dazuzugewinnen.
    Ich merke, wie meiner Mutter neben mir leicht den Kopf schüttelt und meine Hand verkrampft sich in die von Felix, der versucht, mich mit seinen Blicken zu beruhigen.
    Nachdem Pfarrer Beck seine ungewöhnlich lange Predigt beendet hat, sieht er mich schließlich an und spricht mit klarer und starker Stimme: „Deswegen möchte ich am heutigen Sonntag unser neustes Gemeindemitglied willkommen heißen: Julian Kessing.“

    In der Kirche herrscht Totenstille und ich halte den Atem an, als ich die starren Blicke auf mir spüre. Nach einigen Sekunden beginnt Gemurmel, aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie noch mehr Menschen den Gottesdienst verlassen und realisiere plötzlich, dass meine Mutter wutentbrannt aufgesprungen ist und mir dann ins Gesicht schlägt.
    Noch nie in meinem Leben habe ich mich so befreit gefühlt, wie in diesem Moment.

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