Nur ein Sonntag

    von Tessa Schwartz

    Er ist immer groß und stark gewesen. Ich weiß nicht viel über ihn, obwohl wir so lang zusammengelebt haben. Aber das weiß ich. Er war groß, und er war stark.
    Dass ich meinen Vater jeden Sonntag im Krankenhaus besuche, seitdem er erkrankt ist, davon würde ich gern erzählen. Aber es stimmt nicht.

    An einem Nachmittag vor fünfzehn Jahren, ich war noch ein Kind, kamen wir von einer Familienfeier zurück und wollten nach Hause fahren. aber unser Auto war auf dem Parkplatz eingeklemmt. Vorn und hinten parkten die anderen Autos zu dicht.
    Wir stiegen in unser Auto, meine Eltern vorn, ich hinten, und es begannen hektische Befreiungsversuche. Das Lenkrad wurde ganz nach links und gleich darauf ganz nach rechts gekurbelt, meine Eltern begannen zu streiten, sie wurden laut, sie wurden lauter, plötzlich stieg er ohne ein weiteres Wort aus.

    Es ist Sonntag. Zum ersten Mal bin ich hier. Seit zwei Stunden sitze ich vor der verschlossenen Tür der Intensivstation. In unregelmäßigen Abständen betätige ich die Klingel, die neben der Stationstür in die Wand eingelassen ist. Jedes Mal kommt eine andere Stationsschwester heraus, die mir erklärt, dass es wegen eines Notfalls noch dauere. Die Schwestern-Gesichter beginnen, ineinander zu verschwimmen.
    Irgendwann lässt mich eine von ihnen ein. Sie geleitet mich einen breiten Flur entlang zu einer Zimmertür. Ich gehe an der Schwester vorbei, betrete das Zimmer und mustere die beiden fremden Männer in den Betten. Ich drehe mich zur Schwester, um ihr zu sagen, dass ein Irrtum vorliegt, denn mein Vater befindet sich nicht in diesem Raum. Im ersten Bett liegt eine winzig graue, eingefallene Gestalt, die leise stöhnt, im zweiten ein bewusstloser Dreißigjähriger mit einem Kopfverband.
    Dann sehe ich, wie die Schwester zum Fußende des ersten Bettes geht und dort stehenbleibt.

    Vor fünfzehn Jahren, während ich auf der Rückbank des Autos saß und versuchte, mit meiner Stille die Lautstärke meiner Eltern auszugleichen, öffnete er die Beifahrertür und schob seinen riesigen Körper ächzend hindurch. Dann schlug er die Tür hinter sich zu. Von außen. Aber er ging nicht weg. Er stellte sich seitlich hinter das Auto, bückte sich und drehte das Autohinterteil mit einem mächtigen Laut aus der Parklücke heraus.
    Einfach so.

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