Forever young

    von Linda Bauer

    Gunhild sah zufrieden zum Kalender: „Sonntag, 19. September 2027“
    Während sie ihr Petticoat-Kleid herauslegte, schaute sie auf die Uhr. Ja, gleich ist es soweit, dann würde sie sich mit ihren Freundinnen und Freunden treffen und so richtig abtanzen!

    Schlag 16:15 Uhr schlüpfte sie flink wie ein Wiesel in ihr hübsches Kleid und in ihre Stöckelschuhe, schaute in den großen Spiegel und lächelte sich zu. Sie band sich eine rote Schleife in den Pferdeschwanz. Noch die Turnschuhe für den Rock `n Roll und „Yeah“, ein Luftsprung und ab zum Auto.
    Im Auto drückt sie gleich auf „Play“, und Elvis begrüßte sie mit „Roll over Beethoven“. Nach weniger als 30 Minuten erreichte sie ihr Ziel. Sie konnte es kaum erwarten. Die anderen Jungen und Mädchen strömten schon zu dem Tanz¬schuppen, alle um die 19 Jahre alt, Jungen mit langen Mähnen und Mädchen mit Pferdeschwanz oder flotter Kurzhaarfrisur.
    „Hallo, Gunni! Wie toll du wieder aussiehst.“
    Hermann holte sie am Auto ab.
    „Du Charmeur!“
    Gunhild wurde tatsächlich rot.
    „Da ist Elke. Oh, sie kommt heute mit Manfred, ist das ihr neuer Verehrer?“
    Gunhild lächelte, manchmal gab es noch Überraschungen und eine neue Liebe.
    „Naja, Klaus ist auch schon 3 Jahre tot. Schön für die beiden. Dieser Lungen¬krebs war so fürchterlich. Sie hat ihn bis zu seinem Tod gepflegt.“
    Hermann schaute den beiden nach. Auch Werner, sein bester Freund, kam nicht mehr, Herzinfarkt. Von den anfangs fast 70 kamen jetzt noch 35 bis 40, die sich jeden Sonntag Nachmittag hier trafen. Schade!
    „Da seid ihr ja alle wieder. Ach ist das schön, euch zu sehen! Da fühle ich mich gleich 50 Jahre jünger!“
    Klaus-Peter, der DJ, freute sich offensichtlich. Der Saal füllte sich.

    Klaus-Peter kannte sie alle schon lange, er war inzwischen fast 80, aber er legte für das „junge Gemüse“, wie er das Trüppchen liebevoll nannte, gerne die alten Platten auf. Schließlich war er mit der Musik groß geworden. Er machte das ehrenamtlich. Als Klaus-Peter einmal für einen Monat ausfiel – er bekam ein neues Kniegelenkt und musste anschließend in die Reha – gab es eine Ver¬tretung. Dennis wusste zwar, dass er die alten Klassiker auflegen sollte, aber er wollte auch ein bisschen „Techno“ und „Rave“ einfließen lassen. Er konnte nicht glauben, dass diese jungen Tänzer diese Musik nicht mochten. Wie waren alle froh, als Klaus-Peter wieder auftauchte!
    Aber Dennis wusste ja nichts von ihrem Geheimnis. Das wäre auch so ge-blieben, denn Klaus-Peter wusste zwar Bescheid, aber er hielt dicht.

    Bis…ja, wäre nicht dieser junge Journalist durch Zufall in diese Sonntag-Nach¬mittag-Veranstaltung geraten. Er hörte von Weitem die Musik, die seine Oma am liebsten hörte, und steuerte das Lokal an. Er sah dort lauter junge Menschen, die beim Rock `n Roll akrobatische Übungen und perfekte Tanzschritte hin¬legten.
    Er war begeistert von dem Elan dieser jungen Erwachsenen und sprach den erst besten an, den er antraf. Es war Reinhold. Keiner wusste hinterher, warum er geredet hat, vielleicht war es seine beginnende Demenz. Dabei hatten sie sich geschworen, dass niemand von ihrem Geheimnis erfahren sollte. „Donnerwetter, was für eine Stimmung hier. Warum tanzt ihr auf so alte Rock `n Roll Scheiben? Seid ihr so eine Art Boogie-Woogie-Club? Wie lange macht ihr das schon?“ fragte der Journalist.
    „Oh, das ist eine lange Geschichte. Sie beginnt bei meiner Geburt, 1945,“ be-gann Reinhold.
    „Wie 1945? Dann wären Sie ja jetzt 82 Jahre alt, Sie sehen aus wie Anfang 20…“
    Reinhold lächelte: „Da hätte Sie mich heute Morgen sehen müssen…“ Er be-gann zu erzählen.
    Gunhild sah die beiden im Gespräch, tanzte auf sie zu und umarmte Reinhold von hinten: „Komm, Reinhold, wir gehen auf die Tanzfläche.“
    „Ja gleich, Gunni, ich muss dem netten jungen Mann unsere Geschichte nur noch zu Ende erzählen. Ich freue mich gleich auf einen Blues mit dir“, sagte er augenzwinkernd.

    Gunhild merkte, dass es bereits zu spät war. Dabei hatten sie sich alle ge-schworen, es niemandem zu erzählen.
    Der Journalist hörte bis zum Schluss aufmerksam zu, ihm blieb die Spucke weg.
    ‚Wie verrückt ist das denn! Der Reinhold bindet mir einen Bären auf. Das muss ich zuhause recherchieren. Ich kann es nicht glauben!‘, schoss es ihm durch den Kopf.
    Fassungslos blieb er noch einen Moment sitzen und schaute den Tanzwütigen zu. Der DJ legte nun von Smokie „Lay Back in the Arms of Someone“ auf. Zwischen all den tanzenden Paaren machte er Reinhold und Gunhild aus. Eng umschlungen und selbstvergessen bewegten sie sich wie verliebte Teenager.
    Immer wieder schüttelte er den Kopf.
    ‚Nee, nee, das gibt’s doch nicht! Ich muss das aufschreiben. Das soll die Welt erfahren.‘

    Schnell machte er ein Handyfoto von den Tanzenden, fuhr nach Hause und setzte sich an seinem Computer. Tatsächlich fand er bei Wikipedia einen Eintrag über die besonderen Umstände 1945. Reinhold hatte sich die Geschichte offensichtlich nicht ausgedacht.
    Er schrieb seinen Artikel, verschickte ihn aber noch nicht. Er hatte all die fröhlichen Menschen vor Augen.
    ‚Wem nützt mein Artikel?‘, fragte er sich.

    ***

    Gunhild sah zum Kalender: „Sonntag, 26. September 2027“.
    Während sie ihr Petticoat-Kleid herauslegte, schaute sie auf die Uhr. Ja, gleich ist es soweit.
    16.00 Uhr: Gunhild stellte sich vor den Spiegel. Ihre Gesichtshaut wurde straff, die Haare färbten sich kastanienbraun, der schrumpelige Hals glättete sich lang¬sam. Ihre Haltung wurde aufrecht, sie zeigte Körperspannung, Taille und Hüfte formten sich perfekt, und der Busen wurde straff. Während Gunhild sich im Spiegel drehte und ihre schmale Taille umfasste, merkte sie, wie sich die Muskeln schön herausbildeten. Am besten gefiel ihr der knackige Po. Sie wippte auf den Zehenspitzen, die Wadenmuskeln anspannend und machte vor lauter Übermut ein paar Kniebeugen.
    Schlag 16:15 Uhr schlüpfte sie flink wie ein Wiesel in ihr hübsches Kleid und in ihre Stöckelschuhe, schaute noch einmal in den großen Spiegel und lächelte sich zu. Sie band sich eine rote Schleife in den Pferdeschwanz. Noch die Turnschuhe für den Rock `n Roll und „Yeah“, ein Luftsprung und ab zum Auto…

    ***

    Der Journalist schaute auf den Kalender, rief seinen Artikel noch einmal auf, der seit einer Woche im Computer schlummert und las nachdenklich:

    „Forever young
    Hochbetagte tanzen wie 19jährige! Hintergründe des Phänomens
    von Marvin Kessler

    Zwischen 1936 und 1945 arbeiteten ca. 1600 Zwangsarbeiterinnen und Zwangs¬arbeiter in einer Munitionsanstalt der Luftwaffe in der Nähe von Bremen. Als das Lager kurz vor Kriegsende evakuiert wurde, wurde der Zug von britischen Fliegern bombardiert. 300 Frauen nutzten die Gelegenheit zur Flucht. Mehr als die Hälfte der Frauen überlebte.
    78 Frauen waren zu dem Zeitpunkt schwanger. Sie wurden von den Amerikanern in ein Lager in der Nähe von Bremen gebracht, wo sie ihre Kinder zur Welt bringen konnten. Man versorgte sie mit frischen Lebensmitteln, und ab und zu bekamen sie von Soldaten Schokolade zugesteckt. Die Kinder, die alle 1945 zur Welt kamen, entwickelten sich prächtig. In den 1960igern merkten sie, dass sie sich immer sonntags um 16 Uhr in 19jährige junge Männer und Frauen verwandeln. Was die Ursache war, weiß heute niemand. Die Betroffenen denken, dass ihre Mütter mit der ungewohnt guten Nahrung etwas aufgenommen haben, was diese Verwandlung immer wieder auslöst. Vielleicht war es auch die Arbeit in der Munitionsfabrik.
    Seit 2005 treffen sich die „Teenager“ regelmäßig zum ausgelassenen Tanzen in einem Schuppen in der Nähe von Bremen.“

    Ihm kamen Zweifel: ‚Wer glaubt denn so eine Geschichte? Das klingt alles zu phantastisch! Außerdem: Wenn Reinhold nicht geplaudert hätte, wüsste heute niemand von ihrem Geheimnis. Soll ich es wirklich preisgeben?‘
    Er drückte auf „Alles markieren“ und „Entfernen“. Nun ging es ihm besser.

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