Rot gegen braun

    von C.B. Jackson

    Cord saß am Frühstückstisch, hielt seine Zeitung halb gesenkt und betrachtete die Frau in dem hellbraunen Leinenkleid. Ihr Haar hing in feinen, energielosen Strähnen über ihren Schultern, als wäre ihm die Lust am Leben irgendwann zwischen jetzt und früher vergangen; das Kleid, das sie an diesem Morgen trug, wirkte zwei Nummern zu groß für sie.
    „Kannst du mir den Wetter-Teil rauslegen, Schatz?“

    Wie jeden Sonntag um halb neun schwängerte eine Geruchsmischung aus Eiern, Speck und Kaffee die morgendliche Luft. Cord warf einen kurzen Blick auf die Blätter, die er bereits neben ihren Teller gelegt hatte und schwieg, während seine Augen wieder zur Rückenansicht der Frau glitten.
    Auf Zehenspitzen holte sie einen weiteren Teller aus dem Hängeschrank neben der Kochplatte. Ihr Hintern zeichnete sich dünn und knochig unter dem Leinen ab.
    „Wie viele?“
    Cords Augen huschten zu dem strähnigen Hinterkopf.
    „Hm?“
    „Wie viele Eier?“
    Drei. Drei du dumme Kuh, wie jeden verdammten Sonntag seit sechs Jahren, dachte er in einem Anflug von Wut.
    „Drei, Babe …“
    „Gibst du mir deinen Teller?“
    Cord faltete die Zeitung zusammen, legte sie neben die Kaffeekanne, griff seinen Teller und reichte ihn weiter.
    Sie nahm ihn mit spitzen Fingern entgegen.
    „Speck?“
    „Klar.“

    Er beobachtete, wie sie ihm die Eier auflud und sein Magen krampfte sich zusammen. Plötzlich verspürte er einen betäubenden Drang, aufzustehen, zu gehen und sie mit ihren Eiern allein zu lassen.
    Das ist mein Leben, dachte er sich. Sie ist mein Leben.
    Und es hatte eine Zeit gegeben, in der er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte. Die Frau in dem hellbraunen Kleid, eines, das zu groß für sie wirkte, hatte ihn in der ersten Minute verzaubert.
    Damals war ihr Kleid rot gewesen. Eine Signalfarbe, wie er heute wusste, und vielleicht hatte sie deshalb seinen Blick sofort auf sich gezogen. An einem Sonntag wie diesem, in einer Bar, die kurz vor der Sperrstunde noch immer gut besucht gewesen war und in der sich die Menschen an eine kleine Theke gedrängt hatten. Irgendwo dort an jener Theke hatte sie in ihrem roten Kleid gesessen und ihn angelächelt. Cord hatte damals bereits gewusst, dass er sie heiraten würde, und das, obwohl er Zeit seines Lebens nicht an Liebe auf den ersten Blick geglaubt hatte.
    Hätte ihm damals jemand gesagt, dass er heute hier sitzen und all das anzweifeln würde, er hätte gelacht. Aber er saß hier. Und er zweifelte.

    Sie stellte den Teller vor ihn und fuhr mit der Hand durch sein zerzaustes Haar.
    „Lass es dir schmecken!“
    Er wartete nicht, bis sie sich selbst einen Teller angerichtet und sich gesetzt hatte, denn das würde nicht geschehen. Die Frau in dem braunen Kleid aß kein Frühstück mehr. Sie sagte, sie hätte es früher nur wegen ihm getan, aber sie sei einfach kein Frühstücksmensch. Schwer zu glauben, denn die Frau in dem roten Kleid – Sue – hatte gern mit ihm gegessen.

    Er beobachtete über die Gabel hinweg, wie sie sich den zuvor erbetenen Teil der Zeitung nahm und ihn unter unerträglichem Rascheln aufschlug.
    „Wenn das Wetter so bleibt, können wir heute in den Park.“
    „Klar.“
    Cord führte die Gabel zum Mund.
    Er hatte Sue den Antrag in jenem Park gemacht. Sie hatte ihn dort gefragt, ob er sich eine Familie vorstellen könne. Lange bevor man ihnen sagte, dass der Wunsch allein keine Kinder zeugte und eine gewisse Spermienanzahl unabdingbar war. Eine Zahl, die er nicht besaß.
    Und das hatte ihm die Beine weggerissen. Er hatte eine ziemlich schlimme Zeit durchgemacht, bis Sue eines morgens zu ihm gekommen war, einen voll beladenen Teller für sich und ihn auf den Tisch gestellt und ihm durch das Haar gestreichelt hatte.
    „Ist okay, Großer“, hatte sie in einem sanften Ton gesagt.
    „Wir versuchen es einfach weiter.“
    Cord hatte sie auf seinen Schoß gezogen, und sie hatten es noch an diesem Morgen versucht. Wie auch die folgenden drei Jahre, ehe Sue zu einem Spezialisten gegangen war. Und nun lag ein wunderschönes, kleines Mädchen in einem Zimmer im Obergeschoss. Es hätte also gut sein müssen. Alles hätte gut sein müssen. Doch das war es nicht.

    Die Frau in dem braunen Leinenkleid beugte sich über den Tisch und tauschte die Wetterseite gegen den Rest der Zeitung.
    „Kaum zu glauben, dass sie den Kerl immer noch nicht gefasst haben.“
    Cord vermutete, dass sie Bezug auf die Titelseite nahm und nickte, während er sich einen weiteren Bissen hinunter zwang.
    „Ja.“
    Er hatte Sue geliebt. Er war ihr immer irgendwie verfallen gewesen. Er hatte sich nie mehr gewünscht, als am Morgen neben ihr aufzuwachen und am Abend neben ihr einzuschlafen. Und das tat er. Noch immer.
    Als sie sich kennengelernt hatten, war er ein kleiner Büroangestellter gewesen. Er hatte sich hochgearbeitet. Natürlich hatte die Ehe Einschränkungen bedeutet. Er konnte nicht mehr in der keinen Band spielen, die er gemocht hatte. Seine Gitarre lag auf dem Dachboden. Aber es waren kleine Einschränkungen gewesen, wenn man bedachte, dass Sue einen ganzen Kontinent hinter sich gelassen hatte, um bei ihm zu sein. Dass sie ihre Stelle als Lehrerin aufgegeben und in Colorado bis heute keine neue Anstellung gefunden hatte. Dass sie ihre Familie nur einmal im Jahr sah.
    Eine Anfänger-Band gegen all das. Ein rotes gegen ein braunes Kleid. Was sollte es schon.

    „War Michael gestern eigentlich wieder arbeiten?“
    „Ja. War ja nur bis Donnerstag krankgeschrieben.“
    Sie nickte und nahm einen Schluck ihres Kaffees.
    Ich hasse diese Gespräche. Ich hasse es, wie du mit der Zeitung raschelst. Ich hasse die Art, wie du jeden Sonntag vorschlägst, in den Park zu gehen. Ich hasse dich. Weißt du das? Ich hasse dich.

    Er legte die Gabel auf den Teller, schloss die Augen und presste sich den Handballen gegen die Stirn. Die Zeitung raschelte erneut, während sie gesenkt wurde.
    „Hast du Kopfschmerzen, Schatz?“
    „Nein.“
    „Soll ich …“
    „Nein.“
    Er öffnete die Lider und sah in ihre Augen. Große blaue Augen. Die Jahre hatten die Farbe ein wenig herausgewaschen, dennoch wirkten ie warm, besorgt und herzlich. Das Haar fiel sanft auf ihre Schultern und ihre kleinen Brüste füllten das Kleid trotz ihrer mageren Größe vollkommen aus.
    Du bist es, dachte er erstaunt. Du bist es, nicht sie.
    „Ich brauche nur ein wenig frische Luft.“
    „Soll ich mitkommen?“
    Wieder dieser liebevolle, besorgte Tonfall in ihrer Stimme.
    „Kyra schläft noch. Sie ist gestern erst spät ins Bett. Sie kann doch immer so schlecht schlafen, wenn du nicht da bist.“
    „Nein. Schon gut, ich bin gleich wieder da.“
    Cord stand auf, trank seinen Kaffee aus, nahm sich seine Jacke vom Haken und trat in den Vorgarten des kleinen Reihenhauses. Am Gartentor und ehe er die Straße erreichte, blickte er sich noch einmal um.
    Ich dachte wirklich, ich liebe euch. Er öffnete das Tor.

    In jenen Augenblicken, die am Zaun begannen und an der Ecke der Straße, in der sie lebten, endeten, war er Single. Er spielte in einer Band. Er war ein kleiner Büroangestellter und ging sonntags zu den Spielen der Schulmannschaft. Er besaß keine Frau, die ihr Leben für ihn aufgegeben hatte und kein Kind aus einem Reagenzglas.
    Er war einfach nur Conrad Mennings.
    Warum sollte ich nicht einfach gehen? Warum sollte ich jemand sein, der ich nicht bin? Warum sollte ich es nicht hinter mir lassen. Würde sie es nicht tun, wenn sie könnte?

    „Cord?“
    Er drehte sich herum und sein Blick fiel auf die Frau in dem hellbraunen Kleid, fiel auf die Hand, die sie ihm entgegen treckte.
    „Ich hab mir Sorgen gemacht, geht’s dir besser?“
    Er lächelte dünn.
    „Ja. Ich schätze schon.“
    „Dann komm, lass uns nach Hause gehen.“
    Cord nahm ihre Hand und, als sie das kleine Tor ihres Hauses erreichten, dachte er: Nur ein rotes gegen ein braunes Kleid.

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