Der Riese aus den Alpen

    von Max Kaplan

    Als Kind lebte ich für das Zeichnen. Ich zeichnete alles, mit was die Erwachsenen uns Kinder beeindrucken wollten: Sandige Landschaften, wie sie laut dem Lehrer in den Kolonien unseres Reiches existierten. Große, beeindruckende Banner, wie sie sogar bei uns auf dem Land aus zahlreichen Fenstern und an Gebäuden hingen. Das Gesicht des Mannes, der unser Land angeblich in eine bessere Zukunft führte. Ich war noch zu jung, um mich von der Bedeutung dieser Dinge beeinflussen zu lassen. Sie mussten es nur schaffen, mich zum Staunen zu bringen, und das taten sie.
    Umso größer war mein Staunen, als ich jemandem begegnete, der all dem widersprach. Ich hatte mich aus dem Bett geschlichen, da mich ein Heißhunger nach Keksen gepackt hatte. Seit die Hauptstadt Vaters Instrumente aufkaufte, war unser Vermögen beträchtlich gestiegen. Plötzlich konnten wir uns einen dauerhaften Vorrat an Keksen leisten. Umso weniger konnte ich Vaters trübe Stimmung verstehen. Einmal meinte er sogar, dass er für diese Geschäfte zur Hölle gehen würde, doch es war seine einzige Möglichkeit, Mutter und mich zu umsorgen.

    Ich fuhr zusammen, als ich in unserer Küche auf eine dürre Gestalt traf, die sich an einem Stück Brot zu schaffen machte. Er zuckte zusammen und fuhr herum, als ich plötzlich hinter ihm stand. Ich starrte in seine panischen Augen, die sich hinter seinem wilden Bart und den darin hängenden Brotkrümeln verbargen. Ich überlegte, ob ich schreien sollte. Doch in seinem Gesicht lag eine Verzweiflung, fast schon ein Flehen, das mir die Stimme abschnürte. Und so rannte ich zurück in mein Zimmer, wo ich die Türe zuwarf und an dieser schwer atmend zu Boden sank. Jetzt waren es nicht mehr die Kekse, die vor meinen Augen kreisten.
    Es war das Bild eines Mannes, mager und angsterfüllt, und das in einer Welt, die makellos und majestätisch sein sollte. Zwischen sandigen Paradiesen, Bannern und dem Gesicht eines scheinbar allmächtigen Führers beeindruckte mich das Bild dieses Mannes am meisten, denn solche Schwäche und Hilflosigkeit war mir in einer scheinbar perfekten Welt noch nie begegnet, und ich hatte ihn mit eigenen Augen gesehen. Es berührte mich wie kaum etwas zuvor. Und so setzte ich mich noch in derselben Nacht an meinen Schreibtisch und zeichnete sein Bild.
    Ich schaffte es bis zum Sonntag, kein Wort über meine nächtliche Begegnung zu verlieren. Doch der Sonntag war ein Tag, an dem uns ein wichtiger Mann jede Woche einen Besuch abstattete.

    Heino, wie ich ihn nennen durfte, war ein hohes Tier in unserem Landkreis, den Vater nur mit „Herr General“ adressierte. In der Woche sprach er so wenig wie nur irgend möglich über unseren wöchentlichen Besucher. Das störte mich nicht im Geringsten, denn ich war von Heino begeistert. Im Vergleich zu den anderen uniformierten Männern, denen ich begegnete, war Heino kein stumpfer Militärmann, der nur schrie und seine Macht genoss. Er war freundlich, charismatisch, und seine Uniform mit ihren vielen Abzeichen und Insignien war stets in makellosem Zustand.
    Begeistert begrüßte ich Heino als erster, wenn er sonntags hereinkam. Im Gegenzug hob er mich in die Luft und nannte mich das zuverlässigste Flugzeug des Reiches.

    Mein Vater und Heino tranken auch an diesem Sonntag den Kaffee, den wir uns dank Vaters Geschäften mit der Hauptstadt leisten konnten. Vater umklammerte seine Tasse mit beiden Händen, während er mit leeren Augen und einem aufgezwungenen Lächeln über dem Tisch hing. Heino saß währenddessen locker in seinem Stuhl, ein Bein über das andere gelegt. Die Tasse setzte er nie ab. Mit einem sympathischen Lächeln sprachen sie über irgendwelche Leute aus dem Dorf und ihre Akten. Es ging um einen „Dienst“, den Vater ihm scheinbar erwies, parallel zur Herstellung exquisiter Instrumente. Im Gespräch ließ Heino meinen Vater nie aus den Augen, beobachtete jeden Winkel seines Gesichtes. Irgendwann zündete er sich wie gewohnt eine Zigarette an, und obwohl er wusste, dass mein Vater nicht rauchte, bot er ihm wie gewöhnlich eine an.
    „Es überrascht mich immer wieder aufs Neue, dass du nicht rauchst, Joachim“, stellte er sanft fest, „ich dachte, ihr Künstler raucht alle.“
    „Ich bin aber kein Künstler, Herr General. Ich baue nur Instrumente.“
    „Und das ist keine Kunst? Kunst ist Präzisionsarbeit. Alles muss stimmen, und zwar auf den Punkt. Wenn der Klangkörper nicht ideal geformt oder die Saiten nicht perfekt gespannt sind, wird keiner dem Instrument jemals die richtigen Töne entlocken, auch der talentierteste Musiker nicht. Sie sind ein großer Künstler, Joachim. Das wissen die Hauptstadt und vor allem ich zu schätzen.“
    „Ich danke Ihnen vielmals, Herr General.“
    „Umso wichtiger ist es, nach dem Rechten zu sehen. Gerade die größten Talente des Reiches darf man unter keinen Umständen aus den Augen lassen.“
    Heino grinste und zog an seiner Zigarette. Mein Vater nickte in bedrückter Zustimmung.
    „Auch dein Sohn, Joachim. Seine Zeichnungen zeugen jetzt schon von einem außerordentlichen Talent. Ich habe einen direkten Draht nach ganz oben. Ich könnte ihm einen besonderen Platz an der Kunstakademie offenhalten. Wie hört sich das an?“
    „Das ist sehr großzügig, Herr General“, meinte Vater ungerührt.
    „Na dann…“
    Heino hob seine Kaffeetasse und genehmigte sich einen großzügigen Schluck.
    „Auf unsere wundervolle Abmachung.“

    Ich lauschte ihrem Gespräch aus dem Wohnzimmer. Sofort packte mich der Drang, Heino mein Werk von letzter Nacht zu zeigen. Und so stürmte ich einen Augenblick später mit meiner Zeichnung in die Küche. Vater schreckte auf, Heino musste lachen.
    „Huch, da ist jemand aber flink auf seinen Füßen!“, rief Heino aus und hob die Arme.
    „Ich ergebe mich.“
    Vater musterte mich besorgt, während ich auf Heino zuging und ihm stolz meine Zeichnung überreichte.
    „Ah, ein neues Werk.“
    Heino setzte mich auf seinen Schoß.
    „Dann wollen wir doch mal sehen, was der Meister dieses Mal geschaffen hat.“
    Interessiert musterte Heino die Darstellung des hungrigen Mannes in unserer Küche. Dann sah er in die besorgten Augen meines Vaters und strich mir durchs Haar.
    „Das ist doch mal eine interessante Darstellung. Es hat so etwas… Realistisches an sich.“
    Heino sah mich an.
    „Papa darf sich dieses Meisterwerk doch sicherlich auch einmal ansehen, oder nicht?“
    Ich nickte stolz und Heino übergab meinem Vater die Zeichnung. Als der sie betrachtete, merkte ich, wie sein Gesicht zu zucken begann. Er versuchte, jegliche Reaktionen zu verbergen, doch die Darstellung kam zu unerwartet. Vater legte die Zeichnung zur Seite und nickte.
    „Sie haben recht, er kann wirklich gut zeichnen.“, hauchte mein Vater.
    „Oh, weit mehr als gut.“
    Heino packte mich an der Schulter, stärker als gewohnt, was mich leicht irritierte.
    „Er hat ein fantastisches Auge. Er gibt das, was er sieht, in einzigartigem Detail wieder.“
    Ohne von meiner Schulter abzulassen, flüsterte Heino mir ins Ohr: „Wer ist das denn auf dem Bild?“
    Vater sprang auf.
    „Ich würde Ihnen jetzt die neuen Violinen vorführen, Herr General. Der Klang ist wirklich ein ganz anderer.“
    Doch Heino hob nur die Hand und ließ meinen Vater verstummen. Sein Blick durchbohrte mich, während er auf eine Antwort wartete, und plötzlich war jene Sympathie und Freundlichkeit, die Heino zuvor ausgestrahlt hatte, verschwunden. Plötzlich sah ich in die Augen eines Raubtieres, das Blut gerochen hatte. Ich begriff, wer der Jäger war und wer der Gejagte. Ich spürte, dass ich ihm die Wahrheit um keinen Preis verraten durfte. Doch er würde mich nicht loslassen, bevor ich ihm nicht geantwortet hätte. Hilflos sah ich auf zu meinem Vater, doch Heino führte meinen Kopf sofort wieder zu sich.
    „Na sag schon. Heino kannst du alles erzählen.“
    „Herr General…“
    „Lass deinen Sohn ausreden, Joachim.“
    Ich musste mir etwas einfallen lassen, und es gab nur einen Weg, den ich gehen konnte.
    „Das ist der Riese aus den Alpen“, antwortete ich.
    „Ein Riese aus den Alpen?“, entgegnete Heino mit einem Lächeln.
    „Ja! Ein Riese, der unter meinem Bett wohnt. Er kommt aus einem Schloss in den Alpen.“
    „Ist das so?“
    „Und er ist sehr nett. Er isst nur Brot und giftige Beeren, aber giftige Beeren haben wir ja nicht. Jede Nacht schleichen wir gemeinsam in die Küche. Ich gebe ihm Brot und er holt für mich die Kekse vom Regal. Da komme ich ja nicht ran.“
    Heino machte große Augen. Mein Vater versuchte, seine zittrigen Hände unter Kontrolle zu bringen, indem er sich am Tischrand festhielt.
    „Und dieser Riese war einfach so da?“
    „Er war da, als wir in dieses Haus gekommen sind.“
    „Und warum will er nicht zurück in sein Schloss in den Alpen?“
    „Weil er Höhenangst hat.“
    Heino schwieg. Ich spürte nur den Zigarettengeruch, der aus seinem Mund kam und mir ins Gesicht kroch. Dann lachte er laut und strich mir ein zweites Mal durchs Haar.

    „Dein Junge ist wie kein anderer, Joachim! Eine unglaubliche Fantasie, die er an den Tag legt.“
    Endlich ließ Heino von meiner Schulter ab und ließ mich von seinem Schoß.
    „Und jetzt zu den Violinen, Joachim.“
    Mein Vater lächelte erst Heino an, dann mich. Dieses Mal war es ein echtes Lächeln.
    Als Heino sich an diesem Tag auf den Weg machte, verabschiedete ich ihn nicht. Es war mein Vater, der zu mir ins Zimmer kam, sobald der General verschwunden war. Ich rechnete mit großem Ärger, doch es kam anders. Mein Vater nahm mich bei der Hand und führte mich in seine Werkstatt, wo er einen Teppich beiseite zog und eine Luke offenbarte.
    An diesem Tag lernte ich einen Mann namens Isaac kennen. Ein Mann, den Vater versteckte und mit dem ich mich über viele Jahre anfreundete. Ich besuchte ihn jeden Abend, bis er unseren geheimen Keller sicher verlassen konnte. In dieser Zeit erzählte er mir vieles, vor allem die Wahrheit um Heino, die Banner und das, für was sie wirklich standen. Und wie sich herausstellte, hatte Isaac tatsächlich Höhenangst.

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