Der frühe Vogel frisst den Wurm

    Jan Wagner, Guerickes Sperling, Berlin-Verlag, Berlin, 2004, ISBN 3-8270-0091-2

    Endlich einmal einen Lyrikband besprechen: Das war Wunsch des Rezensenten. Nun denn, ran an die wenigen Seiten, überwiegend weiß, wenig schwarz. Häufig ist die Enttäuschung beim Lesen von Lyrik größer als die weiße Fläche um das Gedruckte herum.

    Jan Wagner gehört noch nicht zu den arrivierten deutschen Poeten. Geboren 1971, also erst knapp über dreißgjährig, ist er aber auf dem besten Weg dazu. Aufmerksamkeit erregte die geradezu jubelnde Besprechung des vorliegenden Bandes, was zu einem Spontankauf führte. Es ist manchmal hilfreich, wenn man über eine zugeneigte Mutter verfügt, die wiederum die Zeit hat, beim Zeitunglesen an ihren gedichtversessenen Sohn mit der viel zu wenigen Zeit zu denken. Welch positive Fügung, die zu dieser Besprechung führt!

    Und in der Tat war das Schwelgen der FAZ Literaten nicht zu tief gegriffen. Es ist schon eine wunderbare Sache, die kleinen Werke dieses lakonischen Wortakrobaten zu lesen. Es stellte sich dabei immer wieder die Frage, woher Jan Wagner diese Abgeklärtheit hat, wenn man sein Lebensalter in Betracht zieht:

    „der letzte schlittenhund ist filetiert
    und unser tisch ist immer festlich weiß.
    die welt, von der man alles substrahiert,
    nur hunger, tod und kälte nicht, das eis…“
    (1. Strophe des Gedichts „Von einer Scholle im Weddellmeer – Shackleton-Expedition, 1915)

    Und so geht an anderer Stelle weiter:

    „M/S CHIMERA

    unter uns dehnte sich der gewaltige
    muskel der Strömung, stampften die kolben.
    bö an bö nahm maß an uns
    mit salzigen fingern, reste von rotwein
    schürften tief in den plastikbechern…“

    Was für ein Reichtum an subtilen Bildern und überraschend originellen Metaphern! Ein Meister der beschreibenden Sprache, wahrlich.

    Ganz groß auch der fünfzehnteilige Sonettzyklus „Görlitz“, ein Höhepunkt deutscher Sonettdichtung, und das im 21. Jahrhundert. Empfehlung: Kaufen und lesen. Besser geht es kaum. Zu hoffen wäre, daß Jan Wagner noch ein paar Reserven hat, diesen Band in Zukunft zu toppen. Der deutschen Lyrik und Jan Wagner wäre es gegönnt, und für beide ein Segen.

    Netfinder: http://www.berlinverlag.de/

    Weltweitweb, im Dezember 2005

    Walther

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