Eiskalte Schreibe

    Thomas Hettche, Woraus wir gemacht sind, Kieperheuer & Witsch, Köln 2006, ca. 320 Seiten, ISBN 3-462-03711-0

    In der Tat, wie es der Deckeltext verspricht: „anteilnehmend und eiskalt wie Truman Capote“. Der Autor hat eine große Distanz zum Stoff und zu seinen Protagonisten, die dadurch merkwürdig gefühllos erscheinen. Die zutiefst lakonische Schreibe könnte beinahe erschrecken.

    Der Protagonist, selbst Autor von Biografien, erscheint als sezierender Beobachter, der in richtigen Leben, in dem, das hier beschrieben ist, irgendwie in der Rolle des unbeteiligten Beobachters stehen zu bleiben scheint. Wenn man sich vorstellt, dass er während des Schreibens einer Biografie von eines Beteiligten bei der Entwicklung der amerikanischen Atombombe, um seine schwangere Frau gebracht wird. Das Ziel dieser Entführung ist, von ihm Informationen zu erpressen, die er offensichtlich nicht hat.

    Daraus entspinnt sich – in Deutschland beginnend – eine Odyssee durch die Weite der USA, die im texanischen Niemandsland endet. Dort verliert der Protagonist nicht nur den Bezug zu Ort und Zeit, sondern auch zu seinem Leben. Es schwemmt ihn in eine undurchsichtige Intrige, deren Handelnde sich verwirrend ver- und entflechten. Am Ende ist er derartig lebensmüde im wahrsten Sinne des Wortes, dass er sogar das Ziel, seine Frau zu befreien, aus dem Auge zu verlieren droht.

    Der abschließende Showdown, der alles auflöst, ist ebenso konsequent wie überraschend. Mehr sei hier nicht verraten.

    Das Buch ist in einer unglaublichen Weise spannend und zugleich erschreckend. Wie kalt das moderne Leben ist, kann an dieser Geschichte erspürt werden. Die Menschen sind Getriebene einer Gier, deren Erfüllung selbst zu einem Nebeneffekt im Lebensreigen geworden ist.

    Wo kein Glaube mehr ist, verblassen Wärme und Ziel. Wo keine Verortung mehr ist, wird Heimat relativ. Der Kosmopolit unserer Zeit scheint auf dem Mars zu leben, immer in der Nähe des absoluten Nullpunkts. Wo Geschichte ein anderes Wort für Schuld ist, kann es keine Vergebung geben, und die Rache ist nicht mehr Gottes, sie ist unser.

    Ein ebenso befremdliches wie spannendes Werk, das zum Kauf all denen empfohlen werden kann, die noch etwas Wärme an dieses Leben zu verschwenden haben. Kurz: ein echter Kauf.

    Netfinder: www.kiwi-koeln.de (Verlag)

    Weltweitweb, den 18.02.2007

    Walther

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