Ich und die Musik

    Ich und die Musik

    von Dennis Kimm

    Starre Schemen in der Dunkelheit, undeutliches Geschnatter aus der Menge, und auf der Bühne: Ich. Ganz allein stand ich da, während mir die Scheinwerfer die Stoppeln von der Kopfhaut brannten, blau und rot und heiß. War ich zu groß für den Laden? Oder die Decke zu niedrig?
    Keine Ahnung, spielte es auch keine Rolle, alles nebensächlich, völlig egal. Denn das hier war mein Augenblick, mein Element, das, wofür ich zu leben glaubte. Für einen Moment sollte alles mir gehören: der Geruch von Bier und Rum und Cola, der verklebte Teppichboden unter meinen Füßen, und die Stille, die jetzt an den Tischen einkehrte. Mein Plektrum glitt über die Stahlsaiten der Gitarre und ließ den ersten Akkord erschallen: Cadd9.
    Ich spürte die Vibrationen im Arm, der auf dem Korpus ruhte, fühlte sie in den Fingerkuppen, die auf die Saiten drückten. Ein Dur Akkord, fröhlich, eigentlich, wäre da nicht die große None, ein Ton hinzu, und alles klingt nach Sehnsucht, Schmerz und Melancholie. Für mich klang es nach ihr.
    Veronika. Sie lehnte an der Theke, keine drei Meter von mir entfernt und nippte an ihrem Drink. Aus dunklen Augen schaute sie mir zu, während ich meine Lippen an das Mikrofon bewegte, sie öffnete für das erste Wort. You. Du. Sie. Veronika. Wir hatten uns kurz vor meinem Auftritt kennengelernt und ein bisschen gequatscht, schließlich kam es selten vor, dass sich so ein hübsches Gesicht in diese versiffte Kneipe verirrte.
    „Du spielst hier?“
    „Fast jeden Abend.“
    „Oh wow. Und was so?“
    „Ein bisschen Dylan, CCR, ein wenig Cash, zwei drei eigene Dinger. Nichts Weltbewegendes.“
    „Oh.“ Ein Lächeln und: „Wow.“
    Ich wechselte den Akkord, meine Finger schweiften über das Griffbrett aus Palisander, das Holz so braun wie ihr Haar, das sie sich aus dem Gesicht wischte und mit einer Hand hinters Ohr klemmte. Verlegen lächelte sie, denn sie musste fühlen, die Zeilen, die ich sang, waren allein für sie. Nur heute, an diesem Abend, jetzt, genau in diesem Moment. Doch dann: Ihr Blick fiel zu Boden, sie drehte sich weg. Mit dem Rücken am Tresen stand sie da, andächtig das Glas in der Hand, beinahe abwesend.
    Was auch immer, Baby.
    Ich schloss die Augen und ließ die Musik von mir Besitz ergreifen.

    Jeremy, treue Seele, bester Freund. Wann immer ich wollte, ließ er mich in seiner Kneipe auftreten, kochte mir zum Dank ein Abendessen und verkaufte mir sein Bier zum Freundschaftspreis.
    Oh, I get by with a little help from my friends.
    Heute gab es Holzfällersteak mit Pommes, das Fleisch medium-rare, ein Häubchen aus Kräuterbutter verlief in den dunklen Rillen, die das Grillrost hinterlassen hatte. Ein einfaches Essen für einfache Männer, rustikal und herzhaft. Ich wollte mir gerade das letzte Stück Fleisch in den Mund schieben, da entdeckte ich sie. Veronika schlängelte sich an den Tischen vorbei, die sich ihr wie flache Pilze in den Weg zu stellen schienen. Ich hatte sie schon vermisst, hatte Angst gehabt, sie wäre ohne mich verschwunden. Wahrscheinlich war sie bloß auf der Toilette gewesen. Schnell wischte ich mir mit meiner Serviette das Fett von den Lippen, dann winkte ich ihr zu.
    „Na, da ist er ja, der Rockstar.“
    „Hat es dir gefallen?“, fragte ich und wies sie an, sich zu mir zu setzen.
    Grazil ließ sie sich auf den Stuhl gleiten. Wir saßen uns gegenüber, Auge in Auge, lächelnd und nah. Mein Herz schlug wild, ich konnte es spüren.
    Sie erklärte mir, wie toll sie mich fand, meine Musik und das Gitarrenspiel. Sie begann zu erzählen, von sich und ihrer Welt, plapperte vor sich hin und hörte gar nicht mehr damit auf. Sie müsse hier auf jemanden warten, sagte sie, deshalb sei sie hier. Er sei noch auf der Arbeit, und sie wollten später auf eine Party. Sie kicherte nach jedem Satz, als hätte sie einen Witz gemacht, doch ich fand’s tierisch süß. Irgendwann hörte ich gar nicht mehr hin. Was sie sagte, war nebensächlich geworden. Alles, was verblieb, war ihr Duft und ihr Lächeln und die Art wie sie den Kopf dabei zur Seite neigte. Hätte sie mich jetzt gefragt: „Sollen wir von hier verschwinden?“, ich hätte sie bei der Hand genommen und wäre mit ihr davongelaufen. Warum fragte ich sie nicht einfach? Ich bemerkte den Gedanken, und mir lief es kalt den Rücken herunter.
    Ich könnte es tun, hier und jetzt, sie fragen und verschwinden. Tu es, frag sie! Wie lange ist das jetzt hier mit Nicole? Wie viele Monate, seit ich das letzte Mal…?
    Für einen Moment hielt ich inne, konnte nicht mehr denken, nur noch starren. Starren und staunen. Sie war so schön. Sie hielt mich gefangen, hatte mich eingelullt mit ihrer süßen Stimme, den leuchtenden Zähnen und der kleinen Stupsnase, die gerötet schien und doch so natürlich an ihr wirkte, als wäre sie mit einem Schnupfen auf die Welt gekommen. Ich musste weg von hier, weg von ihr, raus, allein, bevor ich irgendetwas sagte, was ich bereuen würde.
    Musste man denn immer irgendetwas sagen?Was wäre, wenn ich sie jetzt küsste? Sie bei den Armen nahm und an mich drückte, ihren Duft einsaugte und meine Lippen auf ihre legte? Würde sie erwidern? Mich wegdrücken, verscheuchen und verfluchen?
    Ich grinste und schüttelte den Kopf.
    „Was ist?“, fragte sie.
    „Nichts, nichts.“
    Sie hob ihr Telefon vom Tisch, entsperrte es mit einem kurzen Wischen und starrte auf das Display, während das weiße Licht ihr Gesicht erhellte. Dann lächelte sie.
    „Ich muss los“, sagte sie. „Mein Fahrer ist hier.“
    „Schickt man dir Limousinen? Wir müssen unbedingt beste Freunde werden.“
    „Nein“, kicherte sie. „Nicht ganz.“
    Hastig erhob sie sich, und warf beinahe ihren Stuhl um.
    „Ich muss los. Freut mich, dich kennengelernt zu haben“, sagte sie und umarmte mich zum Abschied, kurz, schnell, alles andere als fest, ein bloßes Gegeneinanderstoßen, als hatte sie Angst sich mit einer tödlichen Krankheit anzustecken. Dann zog sie davon.
    Ich setzte mich zurück an den Tisch und stocherte mit meiner Gabel in den Pommes herum. Mir war der Appetit vergangen. Ich ging an die Bar, wo ich ein Bier und einen Jägermeister bestellte.
    „Drinks gehen heute auf mich“, sagte Jeremy, als er die Gläser vor mich auf den Tresen stellte. „Aber mach mich nicht arm, okay?“
    Ich legte den Kopf in den Nacken und ließ den eiskalten Kräuterlikör meinen Rachen herunterlaufen.
    „Hey, Jeremy? Mach mir noch einen.“
    Er seufzte, drehte sich um und holte die grüne Flasche aus dem Eisfach.
    „Hier, mein Freund, weißt du was? Bedien dich.“
    Auf Jeremy war eben Verlass.

    Zurück in meinem Zimmer. Bahnhofsnähe, die Tapete blätterte von den Wänden ab. Mein eigener Schweißgeruch lag mir in der Nase. Ich wälzte mich im Bett herum. Es war spät, so spät, dass es eigentlich schon wieder früh war. Mir fehlte selbst die Energie, vom Herbstwind aufzuschrecken, der gegen das einfach verglaste Fenster hämmerte. Draußen kämpfte die rote Neonbeleuchtung des Hotels gegen die Dunkelheit. Flackernd. An, dann aus. Boxhiebe in die Nacht. An, aus. Aus und an.
    Die Matratze zu hart, das Kissen zu dünn, und die Erinnerung an sie, die mir anhing wie ein zähes Blatt dem Ahorn, das selbst der stärkste Schneesturm nicht losreißen konnte. Ich stellte mir vor, sie wäre hier. Ihr zarter Körper auf meinem, Haut an Haut. Gehüllt in die Wärme der Federdecke. Ihre Fingerspitzen streicheln meinen Unterarm. Sie fahren über dunkle Tinte, wandern über Schädel, Rosen und pechschwarze Flaggen. Sie erkunden die Linien meiner Hand, während sie mir meine Zukunft verrät.
    Es war abartiger Kitsch, aber so machte mich ein Abend mit meiner Musik. Ich war einer sonderbaren Sehnsucht verfallen, dank meiner Einsamkeit und Fantasie. Sie soll verschwinden, nichts wünschte ich mir mehr. Doch da waren sie wieder, ihre weichen Fingerkuppen. Zärtlich fuhren sie zwischen meine Finger. Wir griffen zu, beide zur gleichen Zeit.
    Ich drehte mich auf den Rücken und starrte die Decke an. Die Schatten der Straße tanzten von links nach rechts. Von rechts nach links, Berufsverkehr am Morgen. Ein LKW bretterte vorbei und ließ die leere Bierflasche auf meinem Nachttisch tanzen. Scheiß drauf. Ich setzte mich halb auf und blieb für einen Moment regungslos auf meinen Ellenbogen gestützt. Ich sah rüber zur Balkontür. Ich hatte Bock auf eine Zigarette. Dabei hatte ich vor drei Wochen aufgehört.
    Dieses Mal sagte ich’s laut: „Scheiß drauf.“
    Über kalte Fliesen ging ich hin zu meinem Gitarrenkoffer und öffnete die Schnallen. Ich fühlte mich wie ein Auftragsmörder, der sein Gewehr auspackte. Psycho Killer, Qu’est-ce que c’est. Da war sie, behütet in dem Aluminiumkistchen, das ich in einem kleinen Fach im Koffer versteckt hielt. Für Notfälle, absolute Notfälle, so wie diesen hier. Ich klappte das Kistchen auf. Gott, wie geil sie duftete. Ein zweiter Zug, tief durch die Nase. Wie königlich sie erst schmecken würde. Ich zog mir meine Lederjacke über und kramte das Zippo aus der Innentasche.
    „Brauchst du Feuer, Baby?“
    Mann, ich bin so durch, dachte ich, doch war’s mir egal, es ging raus, hinaus auf den Balkon. Der Wind brannte in meinen Augen, aber jetzt war nicht die Zeit zum Flennen. Jetzt war’s Zeit für mein Glücksstäbchen. Ich schob es mir zwischen die Lippen und schützte das Flämmchen des Feuerzeugs mit der Hand gegen den Wind. Der erste Zug kratzte beinahe, während der Rauch meine Lungen füllte.
    Wieder raste ein Auto vorbei, ich blies ihm meinen Qualm hinterher. Eine Seele auf ihrem Weg ins Irgendwo. Nebel zwischen den Lippen, Nebel im Kopf. Ich hielt mir die Zigarette vors Gesicht und beobachtete das Muster, das die Asche über dem glühenden Kern erschaffen hatte. Da bemerkte ich’s, mein Lächeln. Ich stand hier rum, und grinste wie ein Trottel in die Glut.
    All right now, baby, it’s all right now.
    Mit dem nächsten Song im Kopf grinste ich weiter und wartete, bis die aufgehende Sonne die Häuserreihen in das intensive Rosa eines Herbstmorgens tauchte.

    Similar Category Post

    Ein Gedanke zu „Ich und die Musik“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.