Tod im November

    von Alfons Russ

    Der Gefangene drehte sich auf seinem Bett um und fixierte das kleine Loch. Entweder die Wand anstarren oder das Loch, welches nur wenig Licht und Luft in die Zelle hereinließ, ein elender Tagesablauf. Wie oft hatte er um ein anderes Gelass gebettelt, in dem er freie Luft atmen könnte. Umsonst, keine Vergünstigung diesem Sturkopf. Hier nährte in nur das Brot des Jammers.
    „Euer Lästermaul und Euer stolzer Kopf stürzen euch vollends ins Unglück“, schnarrte der Verhörer grob.
    Viele Verhöre folgten, um ihn zum Widerruf zu bekehren und um festzustellen, ob sich an seiner Gesinnung etwas geändert habe. Aber davon war der Poet, der 1565 mit 18 Jahren Magister an der Universität Tübingen wurde, drei Jahre später Professor der Poetik und Geschichte, unendlich weit entfernt. Er, Nicodemus Frischlin aus Balingen, nahm kein Blatt vor den Mund, im Gegenteil, er riss ihn auf, so weit er konnte, um den Adel zu schmähen und ihm seine Verachtung entgegenzuschleudern.

    „Hat denn der Adel ein Privileg, dass man von seinen Lastern nicht reden oder schreiben darf?“ erhitzte sich der Poet.
    „Es hat sie verdrossen, dass ich ihnen gesagt habe, was für schöne Gesellen sie doch sind. Diese groben Prachthälse, die einen Poeten für den geringsten Hundsbuben halten.“

    Wie sollte der Verhörer bei solcher Schmähkritik gegen die Obrigkeit auch nur die geringste Demut erkennen, die Frischlin Erleichterung gebracht hätte? Nein, keine Reue, im Gegenteil, sodass ihm der Verhörer vorhielt, wenn er sein unverschämtes Schandmaul nicht hielte, würde er nicht mehr viele Gedichte machen.

    Dabei gab Schreiben ihm erst den Sinn in seinem Leben, mit beträchtlichem Erfolg. So sehr, dass Kaiser Rudolf II. ihn als Dichter zum „Poeta laureatus“ krönte und zum Pfalzgrafen ernannte. Witz und Humor, Komik und Groteske waren seine Stärke in vielen Komödien, Gedichten, Epigrammen und Satiren. Bissig waren sie, verletzend, damit gewann man keine Freunde. Auch nicht an der Fakultät in Tübingen.

    Dort kramte sein stärkster Gegner, Martin Crusius, eine alte Geschichte wegen Ehebruchs hervor und trieb Frischlin damit in die Verbannung. Aber sein größter Feind war er selber, der sich nirgends in die Verhältnisse schicken konnte. Das änderte sich auch in der Verbannung nicht.

    Überdrüssig seiner unverschämten Beleidigungen ließ der württembergische Hof ihn im März 1590 in Mainz verhaften. Der Erzbischof, ranghöchster Kurfürst jener Zeit, ließ ihn nach Württemberg ausliefern, froh, diesen aufmüpfigen Motzer endlich vom Hals zu haben. Und so nahm die Katastrophe ihren Fortgang.
    Herzog Ludwig ließ Frischlin auf Hohenurach einkerkern. Man trachtete ihm keinesfalls nach dem Leben, vielmehr sollte die Kerkerhaft ihn mürbe und demütig machen, ihn moralisch bessern. Und das alles ohne einen vorausgehenden Prozess.
    Monatelang ging das so, Verhöre, Vegetieren im Kerkerloch und doch konnten sie ihm seine beißende Kritik an Missständen und Autoritäten nicht austreiben. Um seine Gesinnung besser zu erfahren, gewährte man ihm Papier, Feder und Tinte. Außerdem erhielt er ein Bett anstelle des bisherigen Strohsackes, zwei weiße Hemden und Tücher, damit er nicht im Dreck verkommen würde. Sofort schrieb er dem Herzog, man möge ihn vor Gericht anklagen, wenn man ihn schon nicht freiließe. Kein Wort von dem erwarteten Widerruf mit Gnadengesuch.

    Frischlin sprach aus, was sein Gewissen ihm auszusprechen gebot. Aber sagen zu dürfen, was man dachte und wenn es dazu noch gegen die herrschenden Schichten gerichtet war, das war in jener Zeit undenkbar. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, dazu die Sorge um seine Frau, die ihm 16 Kinder gebar.
    Ihr schrieb er: „Was mein Leben anlangt, bin ich mit eisernen Türen eingesperrt, da wenig Luft und Licht, viel Ungeziefer und nichts als großer Durst, Traurigkeit und Unmut.“

    Ihre Antwort erreichte ihn nicht, diese kam in die Akten des Herzogs. So erfuhr Frischlin nichts von ihrem und der Kinder Elend, die überall abgewiesen wurden, dass mit ihnen im Unwert herumging, dass sie sich verschmäht sah, elend und verlassen.
    Äußerlich zerfallen war er aber innerlich noch immer kompromisslos gegenüber seinen Peinigern. Die Berichte des Aufsehers an den Herzog klangen nicht besser: Der Arretierte meinte, er müsste ersticken und bat täglich, man möge ihn doch an die Luft lassen.

    Zerlumpt und verlaust, trotz der beiden Hemden, die man ihm gab, einen jämmerlichen Anblick bot der brillante Poet, der Aristophanes ins Lateinische übersetzte, als Komödiendichter glänzte, elegante Gedichte, Oden, Epen verfertigte, eine lateinische Grammatik erstellte, die Hochzeit von Herzog Ludwig beschreiben durfte. Einst bei Hofe gern gesehen, zechte er mit Fürsten und dem Adel. Aber eines konnte er nicht: sein Lästermaul halten.
    Hoffnungslos, ohne Aussicht auf Besserung, zum öffentlichen Widerruf angehalten aber trotzig und nicht kompromissbereit, traf er eine Entscheidung. Ein Ausbruch sollte ihm, dem Fremdling im eigenen Land, die Freiheit wiederbringen.

    Frischlin zerschnitt Laken, Tischtuch und Hemden, knüpfte die Stücke aneinander und schlich damit zur Gefängnismauer hinauf. Es war ein gefährlicher Ort, wo er das Seil anschlug. In dunkler Nacht, vom 28. zum 29. November 1590 hing er daran, und dann zerriss das brüchige Leinenzeug. Der 43 jährige Gefangene stürzte von hoch herab und erlitt einen Genickbruch.

    Ein letzter Gnadenakt kam am Ende von Herzog Ludwig: Er ließ den unbequemen Querkopf nicht wie andere Häftlinge verscharren, sondern im Uracher Kirchhof bestatten, aber ohne Zeremonie.

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