„Schwer desillusioniert“ oder „Eine Lobrede auf die Vergeblichkeit“

    Frank Bröker, „Schwer Verletzt“, 2. Auflage Bliesdorf 2001, Verlag edition GALERIE VEVAIS, 2. Aufl. (1. Januar 2001), ISBN: 978-3936165050 144 S., Taschenbuch

    Frank Brökers Buch ist in der Tat ein schweres Stück jüngerer deutscher Literatur. Es ist, wie so manches Nachkriegswerk, zugleich auch schwer verdaulich.

    Der Autor Frank Bröker, geb. 1969 im katholischen Meppen, ist Krankenpfleger und Sozialarbeiter von Ausbildung und Drogenberater von Beruf. Von Berufung her ist er Musiker, Lyriker und Schriftsteller. Punk, Social Beat und Wavepophardcorefolk, kurz: Crossover, sind seine künstlerischer Heimat.

    Dem Band vorangestellt ist ein Vorwort von Alexander Scholz. Es ist nur eingeschränkt hilfreich bei der Entschlüsselung des Textes. Eher kommt es wie ein Nachwort auf eine Männerfreundschaft daher. Sicherlich bietet es einige wissenswerte Einblicke in die Szene, in der sich Frank Bröker bewegt. Der angekündigte Versuch, einer Einordnung des Buches zu dienen, ist jedoch grandios gescheitert.

    Der eigentliche Text setzt sich aus vier Teilen zusammen. Dem verunglückten „Vorab“ folgt das Auftaktgedicht „Schwer verletzt“. Danach bilden die drei Teile „Alles auf Anfang“, „Dirty Young Man“ und „Golgatha. Sieben Tage bis Mai.“ den Hauptteil, der als Prosa ausgelegt ist. Der anschließenden Kurzbiografie des Autors, von ihm selbst verfasst, schließt sich die siebenteilige Gedichtreihe „Paralyse City“ an.

    Die drei Teile des Haupttextes sollen den Bogen zwischen Woherkommen, Warumleben und Wohingehen spannen. Die Gedichte stellen aus der Sicht des Autors eine Katharsis eines harten Jahres 2001 und für den Rezensenten ebenso einen Spiegel des Prosatextes dar.

    Frank Bröker liebt das Symbolhafte (3 Teile, 7 Gedichte, Golgatha, sieben Tage) und Bedeutungsschwangere. Seine Sprache ist kräftig und ursprünglich. In den Gedichten schwingt der Beat des Hiphop und des Rap.

    Gelegentlich kommt der Erzählfluss in seinen Bildern allerdings reichlich angestrengt daher. Der Prosatext entzieht sich seiner Einordnung in ein Genre. Er folgt am ehesten dem Stream of Consciousness Virginia Woolfs. Die Aktion spielt sich im Kopf des Protagonisten ab, sei es in Träumen, Selbstgesprächen oder Erzähltem, Berichtetem. Das Handeln ist sparsam, eher beiläufig. Manchmal plagiiert der Autor auch persiflierend sein Vorbild Bukowski. Dabei gelingen ihm die nicht einmal schlechtesten Teile des Textes.

    Es muss heute wohl so sein, dass ein Bohême am Ende des 20. Jahrhunderts mindestens säuft, snifft und Extasy einwirft sowie sich der Prostitution und der Onanierkabinen der Sexshops bedient. Der Maler Toulouse Lautrec lässt grüßen. Auch scheint ein Leben, ein (sinn-)volles, heutzutage ohne künstliche Stimulanzien aller Art nicht mehr auszukommen. Die Gegenwart in der westlichen Hemisphäre bietet offensichtlich nicht mehr genügend Herausforderung, Abenteuer und Gefahr. Dem nicht genossenen Kitzel muss also artifiziell auf die Sprünge geholfen werden. Der Protagonist macht davon – und von den nachherigen Entziehungs- und Entgiftungskuren – reichlich Gebrauch.

    Es wird nicht klar, inwiefern Protagonist und Autor fließend ineinander übergehen. Autobiographische Elemente sind aus der Dichte des Textes heraus allerdings zu vermuten. Nur aus den Berichten Dritter sind die Halluzinationen des Protagonisten in seinen Drogenexzessen kaum erklärbar. Letztlich aber kann nur Frank Bröker selbst in diesem Falle Erhellung geben.

    Die Beschreibungen der Desillusionierung des Protagonisten ergeben einen poetischen Teppich, in dem literarische Höhepunkte, wirklich gelungene, ja meisterhafte Textteile, mit ihren diametralen Gegensätzen verwoben sind. Von Zeit zu Zeit hätte sich die Arbeit eines professionellen Lektors segensreich auswirken können. Der Ich-Erzähler ist, auch wenn er das immer weit von sich weist, ein zutiefst gläubiger Mensch, ein hoffnungslos Suchender. Er ist, in bester barocker katholischer Tradition, ein Lobpreiser der Vergeblichkeit des Erdenlebens und – ja, wenn zuweilen auch blasphemisch – des transzendierenden, heilsversprechenden Gottes.

    Gerade in dieser Hommage an die Vergeblichkeit und die Endlichkeit des Erdenseins gelingt ein insgesamt überdurchschnittliches Stück tief enttäuschter Glaubenssehnsucht, der Suche nach dem Sich, dem Selbst, der Achtung und Selbstachtung, dem Sinn dieses Seins.

    Die abschließenden sieben Gedichte variieren das Thema der Prosa und reflektieren es. Auch hier stehen gelungene Passagen tiefen Abstürzen Vers an Vers, Strophe an Strophe gegenüber. Glänzenden Wortgebäuden folgt das Zerfasern in Hohl- und Bemühtheiten.

    Frank Brökers Ich-Erzähler ist nicht eigentlich „schwer verletzt“, er ist mehr „schwer desillusioniert“. Den Glauben an sich, das Selbst und den Sinn dieser Welt kann man jedoch nur in sich selbst finden. Woanders liegt der Sinn im Zeitalter des kultivierten Skeptizismus und der stilisierten Perspektivlosigkeit nicht. Das Betäuben durch Drogen und Lärm steht der Selbsterkenntnis eher im Wege, als dass es dabei helfen würde. Der Preis der Freiheit ist ein hoher. Spätestens nach dem Lesen des Bandes von Frank Bröker wissen wir das. Wir wissen, wie sehr ein Individuum, das ganz auf sich selbst reduziert ist, leidet.

    „Verletzt sein“ nämlich setzte doch Fremdeinwirkung voraus. Seine Schmerzen fügt der Protagonist aber sich immer selbst zu. Und sein ganzes Elend entsteht und entfaltet sich aus der Erfahrung, dass genau dieses Elend niemanden, nicht einmal seinen Sozialarbeiter, wirklich interessiert und anrührt. Das ist die ultimative Einsamkeit, das vollkommene Zurück-geworfen-Sein auf sich selbst dessen, der alle Verbindungen zuvor willentlich gekappt hat.

    Die Vergeblichkeit des Versuchs, den Lebenssinn durch Drogengenuss, lautem Kreischen extremer Texte und dem Hören von Technobeats, dem Schreien nach irgendeiner Veränderung (wohin denn bitte, mit welchem Ergebnis), dem Fordern nach dem Eintritt des Paradieses zu Lebzeiten zu erreichen, das ist, gerade weil so erschreckend unspezifisch und eigentlich völlig visions- und ziellos, der Holzweg des Protagonisten und seines Autors, ja, seiner ganzen Generation.

    Diese Vergeblichkeit wird im letzten Kapitel des Prosatextes schlüssig zum „Lied vom Tod“ und führt in denselben. Und „Paralyse City“, der abschließende Gedichtreigen, spielt denn dieses Lied dann auch. Voller Inbrunst.

    „In Paralyse City kannst Du wählen
    Zwischen legalem und illegalem Junk
    Nichts hören & sehen & wissen
    Süchtig ist der Affe Nummer vier
    Nur Dealer überleben Paralyse City
    Einer nimmt und einer gibt
    Einer kommt und einer bleibt
    Einer stirbt und einer plündert
    Einer wird der letzte sein.“

    Aus: Frank Bröker, Schwer Verletzt, S. 130f

    Metzingen / Weltweitweb, den 22.03.2003

    Walther

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