Mara Laue: Von der Idee zum fertigen Text VSS Verlag

Von der Kunst des Prosaschreibens – Die Kunst der Perspektive

4. Ich-Perspektive

Kluge Hinweise von Mara Laue

Die Ich-Perspektive ist eine Unterart der personalen Perspektive, die eine Geschichte ausschließlich aus der Sicht einer Ich-Figur schildert. Gleichzeitig ist sie aber auch (je nach verwendeter Variante; siehe unten) eine Sonderform der auktorialen Perspektive, in der die Ich-Figur als allwissende Autorin/allwissender Autor den Lesenden ihre Geschichte erzählt oder die Geschichte eines anderen berichtet, deren Zeuge sie/er war (z. B. Dr. Watson als ich-erzählender Biograf von Sherlock Holmes). Die Ich-Perspektive schränkt unsere Möglichkeiten insofern ein, dass wir sie nicht wechseln können beziehungsweise nicht wechseln sollten, denn der (ursprüngliche) Sinn dieser Perspektive ist, nur eine einzige Person Ereignisse aus ihrem Leben schildern zu lassen. Wer eine Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählen möchte, sollte von vorn herein die wechselnde personale Perspektive mit er/sie wählen, statt zwei Ich-Erzählende agieren zu lassen. Doch das ist letztendlich Geschmackssache.
Ein gravierender Nachteil der Ich-Perspektive ist jedoch, dass sie einen Teil der Spannung „tötet“. Die Lesenden wissen vom ersten Satz an, dass die Hauptfigur – „Ich“ – alles überlebt. Wie sehr sie auch in Gefahr gerät, ihr Leben bedroht sein mag, Katastrophen ohne Ende über sie hereinbrechen – sie überlebt alles, weil sie sonst nicht ihre Geschichte erzählen könnte. Das verhindert, dass die Lesenden jemals wirklich Angst um sie haben. Doch gerade die Möglichkeit des Scheiterns und auch Sterbens einer Hauptperson erzeugt ein zusätzliches Maß an Spannung.
In der Ich-Perspektive sind alle Schilderungen ausnahmslos subjektiv und können nur das wiedergeben, was die Ich-Figur sieht, erlebt und weiß. Allenfalls kann man Andeutungen machen wie „Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, was noch auf mich zukommen würde“, wenn „Ich“ jemandem über ein Ereignis aus der eigenen Vergangenheit berichtet oder die Lesenden direkt anspricht.
Zwar hat es schon mehr oder weniger gelungene Versuche gegeben, Ich-Perspektive und personale Perspektive (aus der Sicht einer anderen Figur als der der Ich-Erzählenden) kapitelweise zu mischen oder sogar in einem einzigen Roman mehrere Personen in der Ich-Perspektive erzählen zu lassen. Das ist aber ein sehr zweischneidiges Schwert, da die Lesenden dadurch nur allzu leicht verwirrt werden können, wenn man nicht einige grundlegende Dinge dafür beachtet (siehe unten), und man jedem Kapitel namentlich voranstellen muss, wer in ihm berichtet. In so einem Fall ist es besser, von Anfang an die wechselnde personale Perspektive in der dritten Person Singular (sie/er) zu wählen.
Die Ich-Perspektive setzt jedoch je nach verwendeter Variante (siehe unten) ein gewisses schreibtechnisches Können voraus und ist deshalb für Neulinge bei Romanprojekten eher ungeeignet. Sehr oft vergessen noch wenig(er) Erfahrene, dass sie in der Ich-Perspektive ausschließlich in der Sichtweise und Erlebenswelt ihrer Ich-Figur bleiben müssen und flechten versehentlich Informationen ein, die diese gar nicht haben kann. Oder sie schildert unbewusst ein Ereignis aus der Perspektive einer anderen Person. Außerdem bleibt durch die Einschränkungen, die die Ich-Perspektive mit sich bringt, keineswegs nur bei Neulingen manchmal auch die Spannung auf der Strecke, weil die Erzählweise nur allzu leicht ins Auktoriale abgleitet. Bei Kurzgeschichten fällt das dagegen nur wenig ins Gewicht. Sie gewinnen durch die Ich-Perspektive oft eine eigene Dynamik.
Ein Problem ist, dass die Ich-Perspektive je nach Handlung eine plastische Beschreibung nach der Prämisse „Show, don’t tell!“ nur eingeschränkt ermöglicht bzw. in manchen Situationen der Handlung sogar unmöglich macht. Wo wir in der personalen Perspektive freimütig (auktorial/semi-auktorial) beschreiben können, wie die Straße aussieht, in der unsere Figur wohnt und die sie gerade entlanggeht (obwohl wir ihr dazu unbedingt immer einen konkreten Anlass geben sollten!), braucht die Ich-Figur für eine solche Beschreibung einen verdammt guten Grund. Sie ist nämlich mit ihrem Aussehen vertraut und hat keine Veranlassung, daran zu denken, dass alle Häuser in der Straße im viktorianischen Stil gebaut sind, während sie an ihnen vorbeigeht. Demnach würde sie das auch nicht thematisieren.
Wollen wir den Lesenden trotzdem diese Information geben, müssen wir ein Ereignis konstruieren, das die Aufmerksamkeit unserer Ich-Figur auf das Aussehen der Häuser lenkt. Zum Beispiel, indem ihr Blick auf einen Neubau fällt und sie sich ärgert, dass dessen modernes Design die ansonsten viktorianische Kulisse der Straße komplett verschandelt und diese herrlichen Bauten mit ihrer charakteristischen Architektur (die an dieser Stelle aus Sicht von „Ich“ beschrieben wird) optisch abwertet. Jedoch können solche konstruierten „Angelpunkte“ schnell aufgesetzt wirken, wenn wir sie zu häufig verwenden und/oder sie nicht glaubhaft begründen und/oder sie keine Relevanz zur Handlung haben.
Eine weitere Situation, in der die Ich-Figur keine Beschreibungen liefern kann (zumindest nicht glaubhaft), ist, wenn sie in einer Situation steckt, in der sie an solche Dinge gar nicht denken kann oder würde. Wenn der Ich-Erzähler sich mordsmäßig wütend mit seiner Frau streitet, verschwendet er in dem Moment garantiert keinen Gedanken daran, dass sie einen schicken neuen Pulli trägt, der ihr gut steht und wird diese Information auch nicht den Lesenden mitteilen. Täte er es, würde das in dieser Situation unglaubhaft wirken und außerdem die Dynamik aus dem Streit herausnehmen.
Ebenso unmöglich ist es, dass die Ich-Figur thematisiert, dass sie zum Beispiel „wütend die Stirn runzelte“, ihre „hübsch gelockten blonden Haare kämmte“, ein „gedankenverlorenes Gesicht machte“ oder ähnliche Dinge nennt. Solche Beschreibungen sind ein Bruch der Ich-Perspektive. Mit ihnen mischt sich die Stimme der Autorin/des Autors ein, um den Lesenden die entsprechenden Informationen zu geben, an die die Ich-Figur garantiert nicht denkt. Niemand, der „wütend die Stirn runzelt“, denkt in dem Moment, da er das tut, daran, dass er das tut. Einzige Ausnahme: Er täte das absichtlich und würde die Wut durch das Stirnrunzeln bis zu einem gewissen Grad nur vortäuschen. Geschieht das wütende Stirnrunzeln aber aus der emotionalen Situation heraus, denkt kein einziger Mensch auf der ganzen Welt, während er mordsmäßig über etwas oder auf jemanden wütend ist: „Ich runzele wütend die Stirn“!

Dasselbe Problem haben wir, wenn wir das Aussehen der Ich-Figur thematisieren, während wir in ihrer Perspektive sind. Wer denkt denn, wenn man sich morgens im Bad vorm Spiegel die Haare kämmt, daran, welche Haarfarbe oder Struktur die Haare haben? Das tut kein Mensch, sofern er nicht gerade frisch vom Frisör kommt mit einer neuen Frisur und eventuell auch frisch gefärbten Haaren und nun bewundert, wie gut sie ihm stehen. Deshalb können wir in der Ich-Perspektive dies auch nicht die Ich-Figur tun lassen. Wenn deren Aussehen thematisiert werden soll, müssen wir das in einen Dialog packen, in dem jemand die Ich-Figur auf eben dieses Aussehen anspricht: „Hey, Goldlocke! Geh mir aus dem Weg!“, schnauzte mich der Typ an. Schon wissen die Lesenden, dass die Ich-Figur lockige blonde Haare hat.

Und ob die Ich-Figur ein gedankenverlorenes, trauriges oder sonstiges Gesicht macht, kann sie nur dann wissen und thematisieren, wenn sie in dem Moment in einen Spiegel blickt und mehr oder weniger überrascht ihren Gesichtsausdruck darin sieht. Niemand hat jemals, während er in Gedanken versunken waren, in dem Moment daran gedacht, dass er dabei ein „gedankenverlorenes Gesicht“ macht. Also können wir so etwas auch nicht unsere Ich-Figur bemerken lassen. (Ausnahme: Unser „Ich“ schauspielert, macht jemandem bewusst etwas vor und bemüht sich bewusst, ein trauriges, betrübtes etc. Gesicht zu machen. Das müssen wir in dem Fall aber den Lesenden deutlich sagen: „Ich bemühte mich, ein richtig trauriges Gesicht zu ziehen, als trüge ich alles Leid der Welt und hoffte, dass mir das einigermaßen gelang.“)

Doch gerade diesen Fehler – er ist der häufigste – begehen sehr viele Schreibende und beileibe nicht nur Neulinge. Er passiert auch Bestsellerschreibenden, deren Lektorierende sie hin und wieder oder sogar permanent übersehen haben, weil er ihnen nicht aufgefallen ist.

Vielleicht kommt jetzt die Frage auf: „Wie soll ich den Lesenden denn meine Ich-Figur beschreiben, wenn das gar nicht oder nur sorgfältig konstruiert geht?“ Grundsätzlich gilt: Deren Äußeres müssen wir in der Ich-Perspektive nicht beschreiben. Ja, richtig gelesen: Es ist nicht zwingend erforderlich – übrigens auch nicht bei den anderen Perspektivarten –, das Aussehen (Haarfarbe, Augenfarbe, Figur etc.) überhaupt zu benennen. Eben weil „Ich“ sich keine Gedanken darüber macht. Was den Charakter der Ich-Figur betrifft, so beschreiben wir den gar nicht. Stattdessen lassen wir ihre Taten und ihre Gedanken für sie sprechen, ohne sie zu kommentieren. Aber gerade Letzteres hat wieder die Tücke, dass man als Autorin/Autor, nur um den Lesenden etwas mitzuteilen, dazu neigt, „Ich“ etwas denken zu lassen, das sie/er gar nicht denken würde.
Durch all diese eingeschränkten Möglichkeiten der Beschreibung kann ein Text in der Ich-Perspektive schnell „blass“ wirken. Das zu vermeiden, erfordert, wie schon gesagt, ein gewisses Geschick. Aber auch hier macht die Übung die Meisterschaft.

Grundsätzlich kann man, entgegen dem, was manchmal behauptet wird, auch in der Ich-Perspektive die Figur Dinge aus der Sicht eines anderen Menschen beschreiben lassen, obwohl sie nicht in dessen Haut steckt. Voraussetzung dafür ist, dass sie mit dieser Person vertraut ist und ihre Gedanken, Gefühle und Reaktionen einschätzen kann.

Ich-Perspektive:
Vater starrte auf das zerbrochene Modellschiff, die Miene ausdruckslos, gefasst. Gerade das machte mir Angst, denn diese Ausdruckslosigkeit zeigt er immer, bevor er explodiert. Er sah mich aus verengten Augen an. Ich wusste, was er in diesem Moment dachte. Er hatte es mir oft genug vorgehalten: dass ich ein Nichtsnutz, ein Tollpatsch, ein Taugenichts sei, eine Enttäuschung auf der ganzen Linie und dass er sich wünschte, irgendein anderer Junge wäre sein Sohn, da alle anderen Jungen besser seien als ich.

Dieselbe Szene aus einer personalen Perspektive:
Sein Vater starrte auf das zerbrochene Modellschiff, die Miene ausdruckslos, gefasst. Gerade das machte Ben Angst, denn diese Ausdruckslosigkeit zeigte sein Vater immer, bevor er explodierte. Als er ihn aus verengten Augen ansah, wusste Ben genau, was er in diesem Moment dachte. Er hatte es ihm oft genug vorgehalten: dass er ein Nichtsnutz, ein Tollpatsch, ein Taugenichts sei, eine Enttäuschung auf der ganzen Linie und dass er sich wünschte, irgendein anderer Junge wäre sein Sohn, da sie alle besser seien als er.

Wir erhalten hier dieselben Informationen, weil Ben seinen Vater kennt und ähnliche Situationen schon öfter mit ihm erlebt hat. Deshalb weiß er genau, was sein Vater in diesem Moment denkt und fühlt.
Nur wenn der Mann nicht Bens Vater, sondern ein Fremder wäre, den er nicht oder kaum kennt, müsste die Szene in der Ich-Perspektive anders geschrieben werden:
Der Mann starrte auf das zerbrochene Modellschiff, die Miene ausdruckslos, gefasst. Gerade das machte mir Angst, weil mir diese Ausdruckslosigkeit angesichts der totalen Zerstörung des wahrscheinlich liebevoll gebastelten Schiffes unnatürlich erschien. Er sah mich aus verengten Augen an. Verdammt, was ging in dem Kerl vor? Was würde er tun? Würde er mich rauswerfen? Oder sogar schlagen? Oder sah er wie mein Vater in mir nur einen verachtenswerten Nichtsnutz, einen Tollpatsch und Taugenichts, der solche Anstrengungen nicht wert war?

 

Varianten der Ich-Perspektive

Wir haben drei Möglichkeiten, eine Geschichte in der Ich-Perspektive zu gestalten. Die am häufigsten verwendete Methode ist die, dass die Ich-Figur den Lesenden „auktorial“ berichtet, was sie erlebt hat:
Ich bin ein ganz durchschnittlicher Mensch. Zumindest war ich das bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem ich den größten Fehler meines Lebens beging. Alles begann damit, dass ich auf dem Parkplatz vor der Firma die Kurve nicht kriegte und den Wagen des Chefs touchierte.
Derselbe Text in der auktorialen Perspektive würde so lauten:
Tom war ein ganz durchschnittlicher Mensch. Zumindest war es das bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er den größten Fehler seines Lebens beging. Alles begann damit, dass er auf dem Parkplatz vor der Firma die Kurve nicht kriegte und den Wagen des Chefs touchierte.

Je nachdem, wie wir diese Variante aufbauen, unterscheidet sie sich kaum von der auktorialen Perspektive, außer dass sie in der ersten („ich“) statt in der dritten Person Singular („er/sie“) geschrieben ist. Wegen dieses Wegfalls einer anderen oder mehrerer anderer Perspektiven können wir jedoch manche Informationen, die in der Geschichte gleichzeitig zu einer Handlung der Ich-Figur stattgefunden haben, erst später den Lesenden mitteilen. Das geht meistens nur als Nacherzählung oder als Dialog.

Nacherzählung:
Später (oder – je nach Situation – „In diesem Moment erst …/ Und nun …“) habe ich erfahren, dass mein Chef keineswegs unschuldig an dem Missgeschick war. Er hatte seinen Wagen absichtlich so geparkt, dass ich ihn touchieren musste, egal wie vorsichtig ich gefahren wäre. Der Grund? Er brauchte ein Alibi, um seiner Frau zu begründen, warum er an dem Tag später nach Hause gekommen war, weil er nach Feierabend zwei Stunden mit seiner Geliebten verbracht hatte.

Dialog:
„Hey, Tom! Hast du schon gehört, dass der Alte zu Hause rausgeflogen ist?“
„Wieso das denn?“
Wollte ich nicht wirklich wissen. Bernd steckte immer voller Neuigkeiten, aber mich interessierte nicht, was der Chef für Eheprobleme hatte. Ich hatte genug eigene Sorgen. Aber ich wollte nicht unhöflich sein.
„Seine Frau ist dahintergekommen, dass er ein Verhältnis hat. Und weißt du was? Er hat damals seinen Wagen absichtlich so geparkt, dass du ihn anbumsen musstest. Er brauchte einen sichtbaren Schaden an der Karre, um einen angeblichen Unfall bei seiner Frau als Ausrede für Verspätung vorschützen zu können für die Zeit, in der er mit seiner Geliebten zusammen war.“
In der wechselnden Perspektive könnte man die Überlegungen des Chefs und den Streit mit seiner Frau in einer eigenen Szene ausarbeiten und die Details preisgeben, die zu seinem Entschluss geführt haben, Tom zum Sündenbock zu machen. In der Ich-Perspektive ist das nicht möglich.

Die zweite Möglichkeit der Ich-Perspektive ist, dass die Ich-Figur die Lesenden anspricht und mit ihnen in eine direkte Kommunikation tritt:
Mein Name ist Tom, und ich bin ein ganz durchschnittlicher Mensch, glauben Sie mir. Zumindest war ich das bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem ich den größten Fehler meines Lebens beging. Alles begann damit, dass ich auf dem Parkplatz vor der Firma die Kurve nicht kriegte und den Wagen des Chefs touchierte. Wie das passieren konnte, wollen Sie wissen? Tja, das frage ich mich bis heute auch.
In dieser Variante – sie wird manchmal auch als „Du-Perspektive“ bezeichnet, obwohl das nicht korrekt ist (siehe unten) – können wir auch die erforderlichen lebendigen Beschreibungen problemlos und ohne besonderen Grund einflechten, weil die Ich-Figur den Lesenden „ihre“ Welt zeigen will:
Damit Sie eine Vorstellung von den Verhältnissen auf dem Parkplatz haben, muss ich Ihnen sagen, dass er nicht sehr groß ist. Er bietet gerade mal Platz für fünf Wagen und ist an einer Stelle mit Blumenkübeln zugeparkt, weil die Frau des Chefs der Meinung ist, rote und gelbe Blumen würden das triste Anthrazit des Bodenbelags aufheitern.

Eine Variante dieser Form der Ich-Erzählung ist der Tagebuchroman, der ausschließlich aus Texten besteht, die, mit Wochentag und Datum oder nur mit dem Datum als Überschriften versehen, wirken, als wäre ein Tagebuch abgedruckt worden. Eine weitere Variante ist der fiktive Briefwechsel bzw. E-Mail-Austausch.

Die dritte Möglichkeit ist, die Ich-Erzählung bis auf notwendige Dialoge komplett als inneren Monolog zu gestalten und die Lesenden in den Kopf der Ich-Figur schlüpfen und sie ausschließlich deren Gedanken „hören“ zu lassen:
Der Kommissar starrt mich an, als wäre ich ein Kaninchen und er die Schlange. Glaubt er etwa, dass mich das beeindruckt? Keine Chance! Ich bin mit ganz anderen Kalibern fertig geworden. Und einschüchtern lasse ich mich schon mal gar nicht. Aber ich muss hier raus. Schnellstens. Und wenn ich ihn nicht überzeugen kann, dass ich unschuldig bin, hält er mich vierundzwanzig Stunden lang fest.
„Okay, ich war die ganze Nacht bei Lisa.“
Er glaubt mir nicht, das sehe ich ihm an. Aber er wird es überprüfen und feststellen, dass ich die Wahrheit sage.

Hier erleben die Lesenden die Handlung hautnah im „Jetzt“, weshalb sie immer im Präsens als Erzählzeit geschildert wird. Sie läuft ab, während man sie liest. Der Nachteil dieser Form und ihre Schwierigkeit ist, dass wir sie konsequent durchhalten müssen und deshalb unsere Ich-Figur keine auktorialen Erklärungen abgeben lassen können, weil sie sich ausschließlich auf ihre eigenen Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle beschränkt und konzentriert, die in diesem Moment stattfinden. Wer denkt zum Beispiel daran, welche Kleidung er trägt, während er darin über die Straße geht oder welche Farbe seine Schuhe haben? Also müssen wir bei dieser Ich-Erzählungsform unserer Ich-Figur eine besonderen Grund geben, um an ihr Aussehen oder andere Alltäglichkeiten zu denken, oder wir müssen solche Dinge durch eine andere Person im Dialog erwähnen lassen:
Lisa starrt mich an, als hätte ich Aussatz. „Kannst du dir nicht mal was anderes anziehen, als Jeans und diese furchtbaren gelben Hemden?“
Hä? Woher kommt denn das auf einmal? Bisher haben ihr meine gelben Hemden gefallen. Verdammt, was geht es sie überhaupt an, was ich anziehe?

Eine weitere Schwierigkeit dieser Form der Ich-Erzählung ist, dass sie sehr schnell übertrieben oder langweilig wirken kann, wenn wir einen ganzen Roman in ihr schreiben. Eine andere ist, wie schon erwähnt, dass wir mit ihr weniger Möglichkeiten haben, den Lesenden lebendige Beschreibungen oder andere wichtige Informationen zu liefern (siehe oben). Täten wir das nach den herkömmlichen Methoden, würden wir den inneren Monolog verlassen und die Lesenden dadurch aus der Identifikation mit der Ich-Figur herausreißen. Sie wären irritiert, es sei denn, wir legen die Beschreibung einem Dialogpartner der Ich-Figur in den Mund. Die muss aber auch in diesem Fall sehr gut begründet werden, um eine „Daseinsberechtigung“ zu haben.
Der innere Monolog als Ich-Perspektive eignet sich aus diesen Gründen am besten für Kurzgeschichten, die durch diese Erzählform eine ganz eigene Dynamik gewinnen.

 

Doppelte Ich-Perspektive

Grundsätzlich rate ich davon ab, in einem Text außerhalb von Briefromanen/E-Mail-Romanen zwei verschiedene Ich-Perspektiven zu verwenden; eine einzige sauber hinzubekommen ist schwer genug. Der Grund: Die Ich-Perspektive ist von Anfang an als „Einzelperspektive“ konzipiert worden, deren Reiz eben darin liegt, dass man nur eine einzige Perspektive hat, in der ein „Ich“ aus ihrem/seinem Leben erzählt. Nimmt man zwei Ich-Perspektiven, ist dieser Effekt dahin. Wer sie dennoch schreiben will, sollte Folgendes beachten.

  1. Pro Kapitel darf immer nur ein einziges „Ich“ agieren, niemals beide! Sonst können die Lesenden sie nicht mehr auseinander halten, oder wir müssten jedem Abschnitt, in dem das Ich wechselt, dessen Namen voranstellen, was den Text nicht nur optisch auseinander reißt.
  2. Jedem Kapitel muss namentlich vorangestellt werden, wessen Perspektive die Lesenden erleben, auch wenn zwei aufeinanderfolgende Kapitel mit demselben „Ich“ besetzt sind.
  3. Wir müssen ganz besonders darauf achten, dass jede Ich-Figur ihre eigene, individuelle Erzählstimme hat! Die Lesenden müssen die beiden Ichs auch sprachlich auf Anhieb unterscheiden können. Das ist nicht nur generell wichtig, sondern besonders dann, wenn eins der Ichs ein Mann, das andere eine Frau ist. Männer denken, sprechen und empfinden anders als Frauen. Gerade bei der Ich-Erzählung MUSS das berücksichtigt werden, sonst bleibt die Glaubwürdigkeit mindestens eines Ichs auf der Strecke. (Für Neulinge empfehle ich deshalb, für die ersten Versuche mit der Ich-Perspektive unbedingt beim eigenen Geschlecht zu bleiben. Sobald man genug Schreiberfahrung gesammelt hat, kann man problemlos wechseln.)
  4. Die Chronologie muss verstärkt beachtet werden. In der einzelnen Ich-Perspektive können wir – wie auch bei der Doppelten – zwar das Ich rückblickend über Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit berichten lassen oder auch Hinweise einflechten à la „Hätte ich geahnt, was auf mich zukommen würde …“, aber die Handlung als solche muss chronologisch ablaufen. Verwenden wir zwei Ichs, ist deren jeweiliges Erleben miteinander verknüpft, auch wenn sie gerade nicht zusammen in derselben Szene sind. Deshalb funktioniert es nicht, wenn eins davon in einer anderen Zeitebene agiert als das andere und eins von „heute“ berichtet, das andere aber noch in „letzte Woche“ feststeckt. In solchen Fällen beginnen wir mit der Schilderung jener Ich-Figur, die chronologisch als Erste die Handlung „betritt“, z. B. „letzte Woche“ (wodurch diese letzte Woche zum „heute“ der Handlung wird) und lassen die zweite Person erst auftreten, wenn deren Handlungsstrang dieselbe Zeit wie die der ersten erreicht hat.

Was jedoch funktioniert, wäre, wenn Ich-1 vor hundert Jahren als Ich-Figur agiert und Ich-2 heute, weil wir dann zwei komplett voneinander unabhängige Handlungen haben. In dem Fall müssen Sie nur die jeweilige Jahreszahl dem Namen des Ichs am jeweiligen Kapitelanfang hinzufügen: „1880 – Irina“ (oder „Irina, 1880“) und „2015 – Nora“ und noch stärker die Sprachunterschiede berücksichtigen, denn vor hundert Jahren redete man ganz anders als heute.

Ferner ist zu beachten:

  1. Auch in der Ich-Perspektive müssen wir den Plot nach allen Regeln der Kunst mit einem spannenden Anfang, unerwarteten Wendungen, Originalität und einem konsequenten Ende sowie allen „Dingen dazwischen“ aufbauen.
  2. Wenn Beschreibungen erforderlich sind, müssen wir auch in der Ich-Perspektive die Prämisse „Zeigen, nicht erzählen!“ beachten. Gerade bei dieser Perspektive ist das immens wichtig, weil man im „Ich-Modus“ allzu leicht zum platten Erzählen („Labern“) neigt. Am besten lassen wir auch hierbei „Ich“ oder andere Personen durch Handlungen, Dialoge oder gedankliche Reflexionen die Lesenden die Gegebenheiten und vor allem den Charakter von Menschen zeigen, statt sie einfach nur aufzuzählen.
  3. Der Spannungsbogen muss durchgehend erhalten bleiben und darf nicht abfallen.

 

In der nächsten Folge:

  • Du-Perspektive
  • „Mauerschau“ und „Botenbericht“

 

In weiteren Folgen:

Perspektivbrüche und ihre Folgen

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