Versetzte Berge und Seelen
Kurzgeschichte von Karin Megla
Ab und zu gönnte sich Marie eine Melange in einem traditionellen Wiener Kaffeehaus. Manchmal traf sie dort andere Stammgäste und kam mit ihnen ins Gespräch. Marie war eine zierliche Frau, der man ihre Zielstrebigkeit nicht auf Anhieb ansah. An diesem Tag überflog sie zunächst die Überschriften der Zeitung, die dort für Gäste auflag. Ein Artikel fiel ihr besonders auf, als Elisabeth, eine alte Bekannte, in einem dunkelblauen Kostüm das Kaffeehaus betrat. Sofort steuert Elisabeth auf den Tisch von Marie zu und sah Marie mit fragendem Blick an. Natürlich bot Marie einen Platz an ihrem Tisch an. Sie freute sich immer über Gesellschaft. Elisabeth bestellte Apfelsaft und Apfelstrudel.
Dann erzählte sie, dass sie gerade von einem Begräbnis komme. Marie fragte vorsichtig, ob es sich bei dem Todesfall um einen nahen Angehörigen handelte. Elisabeth verneinte. „Es war ein Tischler aus der Nachbarschaft, Krebs, ging ganz schnell“, berichtete sie. „Im Jänner war er noch mit den Sternsingern unterwegs, auch bei meiner Wohnung und jetzt nach nur wenigen Wochen ist es aus“ stammelte sie. Aber das Begräbnis war sehr beeindruckend.
Marie dachte: „Wie kann ein Begräbnis beeindrucken?“ und fragte nach. Elisabeth schilderte, was sie in der Kirche gehört hatte. Nicht das, was der Pfarrer leierte war interessant, sondern viel mehr die Rede eines Angehörigen vor der Trauergemeinde in der recht gut gefüllten Kirche.
Der halbwüchsige Sohn, den Elisabeth schon seit seiner Kindheit kannte, weil er jedes Jahr als einer der Heiligen Drei Könige von Haus zu Haus marschierte, um dort mit Texten und Liedern für die Kirche und gute Zwecke Spenden zu sammeln, hielt eine sehr emotionale Rede. Er berichtete, dass die Familie mit dem Vater am Sterbebett ein gute Flasche Wein geöffnet hatten und sich alle auf ein Wiedersehen im Paradies freuten. Der Vater nahm sein Schicksal als von Gott gegeben ohne es zu hinterfragen an. Die Familie war sehr gläubig und haderte nicht mit dem Schicksal. „Wo nehmen diese Leute bloß den Glauben her?“, fragte Elisabeth.
„Das kann ich dir sagen“, erklärte Marie beiläufig. Und schon begann sie, von einer Schulfreundin namens Ruth zu berichten. Marie begann damit, dass sie in eine Klasse mit vielen auswärtigen Schülerinnen kam. Dort begegnete sie Ruth, die, wie es der Zufall so wollte, ihre Sitznachbarin in der neuen Schule wurde. Weil für diese Klasse der Turnunterricht für den Nachmittag festgesetzt wurde und Ruth in den zwei Stunden Pause unmöglich nachhause hätte fahren können, beschloss Marie, sie zum Mittagessen zu ihrer Mutter mitzunehmen. Maries Mutter war wie üblich gastfreundlich und hatte nichts gegen die wöchentlichen Besuche. Langsam entstand so zwischen Marie und Ruth eine Freundschaft.
Irgendwann gestand Ruth, dass sie Zeugin Jehovas war. Das störte Marie nicht weiter. Und sie nahm die Einladungen, die von Ruths Eltern für einige Wochenenden mir Übernachtung folgten, gerne an. Ruth durfte als Zeugin Jehovas weder Geburtstag, noch Weihnachten feiern. Für Zeugen Jehovas zählt nur, was sie in der Bibel lesen. Vieles davon wird wörtlich interpretiert. Wie jeden Samstag fand die Versammlung der Zeugen Jehovas im Königreichsaal des kleinen Städtchens mitten in Maries Wohnort statt. Bei Maries erstem Besuch ging sie natürlich mit, denn einerseits war sie neugierig, was dort vor sich ging und andererseits wollte sie die Familie von Ruth nicht davon abhalten, ihren Glauben auszuüben.
Dann berichtete Marie: „Das war so. Die Gruppe saß in dem Saal und ein Vorbeter, ein sogenannter Ältester, las aus dem Wachtturm, der Zeitschrift dieser Gemeinschaft vor. Dann wurden zu dem gelesenen Text Fragen gestellt und die Anwesenden konnten sich melden. Für jede Antwort gab es ein riesengroßes Lob, auch wenn die Antwort gar nicht so passend war. Man schulte so die Mitglieder, auf alle möglichen Fragen im Zusammenhang mit der Bibel stets Antworten parat zu haben“.
Marie erzählte so begeistert aus ihrer Schulzeit und den Besuchen bei den Zeugen Jehovas, dass ihre Melange kalt wurde. Ruth hörte ruhig zu und nippte an ihrem Apfelsaft. Offensichtich war Marie von dem Erlebnis aus ihrer Schulzeit noch immer emotional ergriffen. Marie ließ Elisabeth kaum mehr zu Wort kommen und redete weiter auf diese ein: „Nach der Versammlung trafen sich die Mitglieder noch im Freien vor dem Versammlungssaal. Da kam auch Ruths Cousine, die wie fast die ganze Familie überzeugte Zeugin Jehovas war und fragte mich, wie es mir denn gefallen hätte. Ich antwortete damals ganz ehrlich. Ich erklärte, dass ich das alles für Manipulation halte. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort der Cousine: Ja, aber Manipulation zum Guten. Ich habe klar gesagt, dass ich nicht weiter an dem Thema interessiert bin, und so verliefen die nächsten Schuljahre auch ohne irgendwelche Belästigungen. Aber Ruths Familie ist nach wie vor fest davon überzeugt, dass ihr Glaube der einzig wahre ist. Die Gehirnwäsche hat gegriffen.“ Endlich stoppte Marie ihren Redeschwall.
Elisabeth, die inzwischen ihren Apfelstrudel fast fertig gegessen hatte, meinte nur: „Du glaubst also, dass der Glaube anerzogen ist?“
„Ja, vermutlich“, murmelte Marie und hielt Elisabeth die Zeitung vor das Gesicht. „Wie kannst du dir sonst erklären, dass eine 14-jährige dem IS die Treue schwört und verspricht, Ungläubige ermorden zu wollen? Da muss doch wer Interesse daran haben, und Leute für sich und seine persönlichen Ziele einsetzen und manipulieren.“
Elisabeth wollte nicht weiter über das Thema reden. Sie bezahlte und verabschiedete sich rasch. Auch Marie verließ das Kaffeehaus. Auf dem Nachhauseweg kam sie bei einer Kapelle vorbei und machte, wie sie es seit ihrer Kindheit gewohnt war, ein Kreuzzeichen.

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