Spannung, zart kbribbelnd ...

Von der Kunst des Prosaschreibens – 21. Show, don’t tell! – Spannungserzeugung 1

von Mara Laue

Spannungserzeugung 1: Die Grundlagen

Spannung im literarischen Sinn ist ein dichterisches Mittel, um die Neugier und das Interesse der Lesenden in gesteigertem Maß zu wecken und wach zu halten. Dies gilt für jede Art der belletristischen Literatur, nicht nur für Krimis und Thriller, die der Inbegriff der Spannungsliteratur sind. Auch alle anderen Genres brauchen ein Mindestmaß an Spannung, um die Lesenden nachhaltig aus dem Alltag zu entführen. Sie erwarten eine Handlung, die sie idealerweise atemlos die Seiten verschlingen lässt in dem Bestreben, möglichst schnell zu erfahren, wie die Geschichte weiter- und ausgeht. Sie möchten mit den Heldinnen/Helden mitempfinden, mit ihnen leiden, hoffen, lachen, sich mit ihnen freuen, um sie bangen. Ohne eine wenigstens zart kribbelnde Spannung sind Romane langweilig. Schon Voltaire meinte: „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“

Ein Teil des Interesses wird bereits durch das Thema selbst geweckt und dadurch, wie originell und mitreißend es sich schon in den ersten Sätzen/Absätzen des Textes präsentiert. Jedoch, das sei hier vorab gesagt, liegt es „im Auge der Betrachtenden“, was als spannend oder langweilig empfunden wird. Manche empfinden jede Handlung als langweilig, die nicht möglichst viel Action enthält und können selbst dem spannendst präsentierten psychologischen Konflikt nichts abgewinnen. Andere fühlen Spannung erst, wenn sie mörderisch zuschlägt und empfinden Langeweile, wenn sie nur zart kribbelt, weil sie diese zärtliche („cosy“) Variante der Spannung nicht „für voll“ nehmen.

Ein weiterer Teil der Spannung ergibt sich grundsätzlich in den meisten Fällen aus der Handlung bzw. der beschriebenen Situation. Ist die Heldin in die Hände ihres Feindes gefallen, muss man nicht zwangsläufig noch eine besondere Spannung erzeugen (darf das aber gerne tun), denn die Situation ist durch die Gefahr, in der sie sich befindet, per se spannend. Gelingt es ihr, sich in der Nacht von ihren Fesseln zu befreien und sie schleicht zum Ausgang ihres Gefängnisses, dann passiert in dieser Situation genau genommen „nichts“, außer dass die Heldin etwas mühsam einen Strick aufbindet und durch einen Raum zum Ausgang geht. Die Spannung entsteht dadurch, dass es sich nicht um einen beliebigen Raum handelt, sondern um ein Gefängnis in feindlicher Hand. Jeden Moment kann der Feind auftauchen und die Flucht vereiteln.

Anderes Beispiel: Zwei Liebende küssen sich auf der Straße und jemand sieht das. Diese Situation ist an sich völlig unspektakulär und unspannend. So etwas geschieht täglich auf den Straßen nahezu jeder Stadt in Deutschland und anderswo auf der Welt unzählige Male. Ist aber derjenige, der den Kuss sieht, der Mann, der die Frau des küssenden Paares liebt und hat sie ihm womöglich vorgelogen, dass sie sich mit einer Freundin zum Essen trifft, wird dieselbe Situation dadurch spannend, weil der Geliebte jetzt weiß, dass die Frau ihn betrügt. Wie wird er reagieren?

Unabhängig vom Thema und der Situationsspannung gibt es etliche Methoden zu garantieren, dass das gesamte „Gewebe“ der Geschichte – egal ob lang (Roman) oder kurz (Kurzgeschichte) – ein Grundmaß an Spannung enthält, das die Lesenden sie bis zum Ende lesen und sie hinterher mit dem Gelesenen zufrieden zurücklässt. In dieser und den nächsten Folgen werden diese Methoden vorgestellt.

Die verschiedenen Arten der Spannung

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen den folgenden Spannungsarten.

  1. Jeder Konflikt ist bis zu seiner Lösung spannend, weil bis dahin der Ausgang ungewiss ist, also in der Schwebe hängt.
  2. Die Handlung ist als solche spannend bzw. die Spannung erwächst aus der Handlung, z. B. das Entschärfen einer Bombe, die jeden Moment explodieren kann, eine Actionszene oder eine Verfolgungsjagd. Abenteuerromane leben fast ausschließlich von Handlungsspannung.
  3. Manche Situationen sind aufgrund ihrer Natur spannend, egal was tatsächlich in ihnen passiert. Stehen sich der Held und sein Todfeind gegenüber, beide fest entschlossen, dass nur einer von ihnen die Begegnung überleben soll, so ist allein diese Konstellation spannungsgeladen, selbst wenn sie einander erst einmal nur anstarren oder miteinander reden. Das gilt auch für jede andere Situation, in der die Hauptfigur und ihr Gegenpart aufeinander treffen, auch wenn sie keine Todfeinde sind.
  4. Eine Person in der Geschichte steht vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Die Lesenden fiebern mit, wofür sie sich entscheiden wird und was die Konsequenzen sein werden. Besonders spannend wird es, wenn jede Lösungsmöglichkeit einen erheblichen Nachteil beinhaltet und die Entscheidung die sprichwörtliche Wahl zwischen Teufel und Beelzebub ist. Nur: Welche Wahl ist der Teufel (das Schlimmste) und welche Beelzebub (das marginal weniger Schlimme)?
  5. Die Lesenden wollen wissen, wie die Handlung, die Geschichte weitergeht oder die Hauptfigur (und mit ihr die Lesenden) erwartet etwas Bestimmtes und will wissen, ob ihre Erwartung oder Befürchtung (Erwartung von etwas Negativem) zutrifft.
  6. Erklärungsspannung/Aufklärungsspannung. Hierbei steht die Erklärung einer Handlung oder eines Verhaltens oder die Auflösung eines Rätsels (im weitesten Sinn) im Mittelpunkt. Diese Erklärung/Aufklärung wirkt jedoch – zusätzlich zur Art der Beschreibung – nur dann spannend, wenn sie erstens etwas offenbart, womit die Lesenden nicht gerechnet haben. War sich der Verliebte sicher, seine Freundin habe ihn wegen eines anderen Mannes verlassen, wäre eine Erklärung, die das bestätigt, wenig spannend. Anders verhält es sich, wenn sie einen ganz anderen Grund hatte, vielleicht erpresst wurde. Zweitens: Zur Erzeugung von Spannung darf die Erklärung nicht „linear“ gegeben, also einfach der Reihe nach berichtet („heruntergeleiert“) werden, sondern sollte die Lesenden nach Möglichkeit bis zur Auflösung „zappeln“ lassen.

Diese verschiedenen Arten der Spannung kann man alle oder nur einige in einem Roman oder einer Story verarbeiten.

Erzeugung der Grundspannung

Der Aufbau einer spannenden Geschichte, eines spannenden Romans ist in drei grundlegende Stufen gegliedert:

  1. Der Hauptkonflikt der Handlung wird aufgebaut, angedeutet, als „geballte Ladung“ serviert oder anderweitig thematisiert.
  2. Verwicklung(en). Mögliche Lösungen oder Möglichkeiten zur Konfliktvermeidung und/oder Konfliktbewältigung werden durch unvorhergesehene Ereignisse oder widrige Umstände verzögert (idealerweise mehrfach) und/oder zunichte gemacht. Zusätzlich oder alternativ tauchen neue Konflikte auf, die sich (wenn passend) aus den Versuchen zur ursprünglichen Konfliktlösung ergeben.
  3. Auflösung des Konflikts/der Konflikte. Beim Spannungsroman muss diese Auflösung nicht zwangsläufig ein Happy End für die Hauptperson sein, sofern das Genre keins vorschreibt.

Dieser drei Stufen bilden die Grundspannung, den sogenannten Spannungsbogen. Zwar beziehen sie sich in erster Linie auf den Hauptkonflikt der Gesamthandlung, aber sie können innerhalb eines Romans mehrfach angewendet werden.

Es gibt Romane, die tatsächlich nur einen einzigen Konflikt beinhalten, um dessen Lösung sich die gesamte Handlung dreht. Oft sind Romane aber zugunsten der Spannung so aufgebaut, dass der erste (Haupt-) Konflikt durch seine Auswirkungen eine Reihe weiterer Konflikte nach sich zieht. Die Lösungsversuche des einen Konflikts haben direkte Auswirkungen auf das Umfeld, das Leben, die Zukunft der Heldinnen/Helden. Entscheiden sie sich für die falsche Lösung oder bleibt ihnen nur die berühmte Wahl zwischen zwei Übeln oder funktioniert die geplante Lösung nicht, ergeben sich daraus neue Konflikte und/oder andere „Unannehmlichkeiten“. Oder völlig unabhängig vom Hauptkonflikt kommen anderen Konflikte hinzu.

Idealerweise beinhaltet jede Komplikation für die Heldinnen/Helden das Potenzial, sie komplett scheitern zu lassen, sodass bis zum Schluss offen bleibt, ob sie Erfolg haben oder versagen (wobei gewiefte Lesende sowieso immer vom Erfolg am Ende ausgehen).

Die „Eintrittskarten“

Die erste Spannung bei den Lesenden, nämlich Erwartungsspannung = Neugier, erzeugen der Titel und das Coverbild. Eines von beiden fällt ihnen als Erstes ins Auge, erregt ihre Aufmerksamkeit und lässt sie zum Buch greifen, um den Klappentext zu lesen. Auf die Gestaltung des Coverbildes haben wir nicht bei jedem Verlag Einfluss, und auch der Titel wird letztendlich vom Verlag festgelegt. Wenn wir den jedoch originell und ansprechend wählen, steigen die Chancen, dass er übernommen wird.

Die Abbildung auf dem Cover sollte unbedingt zum Inhalt passen und den „Appetit“ anregen. Das kann durch eine außergewöhnliche Perspektive geschehen, bei der etwas Alltägliches aus einem ungewohnten Blickwinkel dargestellt wird oder durch die Bildkomposition mit außergewöhnlichen Elementen. Tag und Nacht auf demselben Bild und eine menschenähnliche Figur, die den „Angelpunkt“ bildet und zu je einem Teil aus beidem besteht, macht ebenso neugierig wie ein Fußabdruck im Sand, in dessen Konturen ein Gesicht zu sehen ist. Es gibt viele Möglichkeiten. Auch wenn wir kein Mitspracherecht am Cover bekommen, sollten wir uns nicht scheuen, den Verlag darauf aufmerksam zu machen, wenn er ein unpassendes Bild gewählt hat. Manchmal (leider nicht immer) lassen sich die Verlage überzeugen. Einen Versuch ist das im Interesse des Kauferfolgs allemal wert.

Wichtig ist, dass das Cover positiv auffällt, ins Auge springt und Kaufinteressierte zu diesem Buch greifen lässt und (zunächst) keinem anderen. Deshalb sollte das Titelbild immer „Alleinstellungsmerkmal“ haben und ausschließlich für dieses Buch und kein anderes designed worden sein und verwendet werden. Leider greifen aus Kostengründen immer mehr Verlage auf Bilder von Fotoanbietern wie „Pixaby“ oder „Shutterstock“ zurück – mit dem Ergebnis, dass es oft mehrere Bücher mit demselben oder sehr ähnlichem Cover gibt, weil das ausgewählte Foto auch anderen Verlagen gefallen hat. Und passé ist das Außergewöhnliche! Deshalb an dieser Stelle ein Tipp, falls man eines Tages die eigenen Werke selbst publizieren wollen: Unbedingt in Grafikerinnen/Grafiker investieren, die ein Titelbild nur für unser Werk nach unseren Wünschen anfertigen. Gute Grafikfachleute erstellen solche Bilder oft schon ab fünfzig Euro.

Noch mehr als das Cover zieht der Titel die Lesenden an. Deshalb sollte er bereits Spannung erzeugen. Auch hier gilt: Ungewöhnliches erregt mehr Aufmerksamkeit als Allerweltstitel, deren Bestandteile (z. B. Begriffe wie Liebe, Mord, Tod, Rätsel, Geheimnis u. a.) schon Hunderte von Büchern schmücken. Varianten dieser Begriffe können schon etwas bewirken, um ungewöhnlich zu klingen.

Auch der Titel muss selbstverständlich zum Inhalt passen, sonst haben wir „das Thema verfehlt“, wie es früher bei Schulaufsätzen so (un)schön hieß. Zwar bekommen wir für solche „Verfehlungen“ keine Fünf oder Sechs als Note, aber wir enttäuschen die Lesenden, weil wir falsche Erwartungen in ihnen geweckt haben. Der Titel sollte einprägsam sein und keine unaussprechlichen Begriffe oder Namen enthalten. Auch sollte der Titel sich rhythmisch wie eine Gedichtzeile sprechen lassen, sofern er nicht nur aus einem einzigen Wort besteht, denn auch das beeinflusst die Wahrnehmung und weckt Interesse, erzeugt Erwartungsspannung: „Was mag sich hinter diesem interessanten Buchdeckel verbergen?“

Je origineller und spannender wir den Titel wählen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Verlag ihn beibehält.

Für die Spannungserzeugung sollten wir uns merken: Beide sind die erste Eintrittskarte zu den Lesenden und sollten deshalb möglichst „appetitanregend“ sein und Aufmerksamkeit wecken = erste (Erwartungs-)Spannung erzeugen.

In der nächsten Folge: Die 7 Säulen der Spannung

In weiten Folgen:

  1. 20 Methoden der Spannungssteigerung (4 Teile)
  2. Spannung erhalten und retardierendes Moment
  3. Besonderheiten in Actionszenen

Mehr und Detailliertes findet man hier:

Mara Laue, Spannung, zart kribbelnd bis mörderisch, Frankfurt/Main 2021, ISBN 978-9403643328, 332 Seiten,  Taschenbuch, € 14,95, E-Book € 5,99

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