Mara Laue: Von der Idee zum fertigen Text VSS Verlag

Von der Kunst des Prosaschreibens – 14. Show, don’t tell! – Gefühle I

Show, don’t tell: Gefühle beschreiben 1

von Mara Laue

Gefühle zu beschreiben und dabei weder in Klischees zu verfallen, noch „platte“, nichtssagende Formulierungen zu verwenden, ist eine der schwierigsten Künste der guten Beschreibungen. Das Problem dabei ist, dass wir die Gefühle so plastisch und erlebbar beschreiben sollten, dass unsere Beschreibungen idealerweise diese Gefühle auch in den Lesenden hervorrufen, sie diese zumindest aber nachempfinden können. Konkret: Wir müssen die Gefühle unserer Hauptpersonen glaubhaft und nachvollziehbar vermitteln. Auch hierbei gibt es natürlich insofern Ausnahmen, dass es in einigen Situationen unserer Romane und Storys genügt, sie anzudeuten und es auch Situationen gibt, in denen eine detaillierte Beschreibung die Handlung ausbremst, z. B. in Actionszenen. Dies ist oft, wenn auch nicht immer, bei Kurzgeschichten der Fall, bei denen es ganz besonders auf eine straffe Schilderung ankommt.
Meistens genügen wenige Sätze, um ein Gefühl zu verdeutlichen; oder man packt es „zwischen die Zeilen“, sodass die Lesenden aus der Schilderung heraus den Schluss ziehen (müssen), dass die Person, deren Gefühle wir beschreiben wollen, diese eben deshalb empfindet oder empfinden muss, weil sie sich auf eine bestimmte Weise verhält. Beschreiben wir, dass der Ehemann, als er in der Küche für seine Frau einen Kaffee holt, hinter ihrem Rücken in diesen hineinspuckt, dann brauchen wir den Lesenden nicht ausdrücklich zu sagen, dass er seine Frau verabscheut oder sogar hasst, weil niemand, der seine Frau liebt, in ihren Kaffee spucken würde.
Schreiben wir, dass die Freundin beim Telefonat mit ihrem Freund die Augen verdreht und den Kopf schüttelt, nur weil sie ihm etwas zweimal erklären musste, bevor er es verstanden hat, müssen wir nicht ausdrücklich sagen, dass sie ungeduldig/genervt ist. Stellt eine Frau beim nach Hause Kommen und einem Blick in den Garderobenspiegel fest, dass sie „älter aussieht, als sie ist“, drückt das bereits aus, dass sie sich müde und/oder ausgelaugt/erschöpft fühlt, auch ohne dass wir ausdrücklich schreiben: „Sie fühlte sich unsagbar müde/alt.“
Wobei wir hier schon bei einer häufig gebrauchten Untugend sind, die wir nach Möglichkeit vermeiden sollten: Adjektive/Adverbien wie „unsagbar“, „wahnsinnig“, „unglaublich“, „unbeschreiblich“, „unaussprechlich“, „namenlos“ usw. sind allzu nichtssagend. Die Lesenden können sich unter diesen Begriffen nichts Konkretes vorstellen. Doch dass sie sich eben diese Dinge vorstellen, sie sogar nachfühlen können, ist das Ziel guter Beschreibungen. Nebenbei: Auch hier gilt natürlich, dass wir diese Begriffe innerhalb wörtlicher Rede gern verwenden dürfen und teilweise auch müssen (abhängig vom Charakter unserer Figuren), weil unsere Figuren reden dürfen, wie sie wollen. Aber hier geht es um die Beschreibungen, die wir als Autorin/Autor mit dem Ziel verfassen, den Lesenden eben diese Gefühle der fiktiven Personen zu zeigen, sie erlebbar und nachfühlbar zu machen.
Besonders schwierig wird das bei den tiefsten Gefühlen wie Liebe, Angst und Hass. Die zu beschreiben tun sich auch Profis oft schwer. Handelt es sich bei diesen Gefühlen um einen „dauerhaften“ Zustand, geht das, wie gesagt, ganz einfach, indem wir diese Gefühle durch die Taten der sie Fühlenden beschreiben (in den Kaffee spucken = Hass, Augen verdrehen = Ungeduld, gefühlt „älter aussehen, als man ist“ = Müdigkeit/Erschöpfung, der Frau zum Frühstück eine Rose auf den Teller legen = Liebe usw.).
Schwieriger wird es, wenn solche Gefühle spontan aus einer Situation heraus auftreten und über jemanden „hereinbrechen wie ein Hurricane“ (einschließlich der „Liebe auf den ersten Blick“, die es tatsächlich gibt). In dem Fall müssen wir Gefühle und Reaktionen beschreiben, die sich real innerhalb weniger Sekunden, höchstens Minuten abspielen. Zum Glück lassen auch solche Beschreibungen sich durch das Einbetten in eine Handlung schildern.

1. HASS

„In diesem Moment empfand sie einen wahnsinnigen Hass auf Jonas.“ Das klingt platt und transportiert kein nachvollziehbares Gefühl. Außerdem ist „wahnsinniger Hass“ ein sprachliches Klischee, das schon allzu oft benutzt worden ist, weshalb wir es nicht verwenden sollten (von besagten Ausnahmen innerhalb wörtlicher Rede abgesehen). Viel wichtiger ist: Wie fühlt sich dieser Hass an? Was empfindet die Frau in diesem Moment? Zum Beispiel dies:

„Innerhalb von Sekunden waren alle Gefühle, die Sandra noch für Jonas gehegt hatte, unwiederbringlich ausgelöscht. Ihr Magen verkrampfte sich, ihr Mund wurde trocken. Sie zitterte am ganzen Körper. Für einen Moment konnte sie nicht mehr atmen, doch schon im nächsten Augenblick brach die aufgestaute Luft aus ihr heraus. Sie brüllte, bis ein Hustenanfall sie zum Schweigen brachte.
Ihr Blick fiel auf Jonas’ Foto. Sie fegte es mit der Faust vom Regal, und das Klirren des zerbrechenden Glases gab ihrem Hass neue Nahrung. Sie rannte ins Schlafzimmer, riss Jonas’ Kleiderschrank auf, seine Sachen heraus und zerfetzte sie mit bloßen Händen, verletzte seine Sachen, wie er sie verletzt hatte, bis sie schließlich ausgelaugt und weinend zu Boden sank.“

Ganz schön lebendig, nicht wahr? Hier wird der „Wahnsinn“ des Hasses nicht als Adjektiv („wahnsinniger Hass“) erzählt, sondern wird durch Sandras Gebrüll und ihr Zerstörungswerk, das tatsächlich etwas Wahnsinniges hat (sie zerfetzt Dinge mit bloßen Händen), bildlich gezeigt. Ihr Wunsch, Jonas’ Sachen stellvertretend für ihn zu „verletzen“, wird nachfühlbar, und wir können uns unschwer vorstellen, was sie mit Jonas täte, wäre er in diesem Moment in „greifbarer“ Nähe. Sätze wie „In diesem Moment empfand sie einen wahnsinnigen Hass auf Jonas“ oder „Sie hasste ihn aus tiefstem Herzen“ tun das nicht. Sie vermitteln uns auch nicht, wie sich der Hass auf Sandra selbst auswirkt. Sie zerstört Jonas’ Sachen, „verletzt“ sie, weil er sie verletzt hat und fühlt sich hinterher nicht nur wegen der Anstrengung der Zerstörung erschöpft, sondern (immer noch) so verletzt, dass sie weinend „zu Boden sinkt“. Denn dass sie nicht weint und zusammensinkt, weil sie sich überanstrengt hat, sondern weil Jonas’ Verrat/Betrug/Verletzung ihr den emotionalen Halt geraubt hat, liegt auf der Hand. Wäre sie gefühlsmäßig noch halbwegs stabil, hätte sie wohl kaum seine Sachen mit bloßen Händen zerfetzt, wozu schon eine relative große Kraft gehört, die aus Wut oder eben Hass entsteht.
An dieser Stelle aber ein erster Hinweis auf unterschiedliche Reaktionen von Frauen und Männern auf dieselbe Situation (mehr dazu in einer späteren Folge). Dass in der oben genannten Schilderung eine Frau den Hass empfindet, verraten einige subtile Dinge unabhängig von der Namensnennung. Zwar hätte ein Mann auch zerstörend zugeschlagen, aber er wäre eher selten weinend zusammengebrochen. Stattdessen hätte er sich vielleicht im Anschluss an die Zerstörung in der nächsten Kneipe oder in seinem Wohnzimmer besoffen. Auch dass er sofort als Rache oder Betäubungsversuch mit der nächstbesten Frau ins Bett gegangen wäre, ist eine unter solchen Umständen häufige Reaktion, die Frauen eher selten zeigen. Gerade bei der Schilderung von Gefühlen sollten wir die unterschiedlichen Reaktionen der Geschlechter berücksichtigen, aber Klischees vermeiden. Letzteres ist nicht immer leicht, aber machbar.
Folgende Reaktionen/Auswirkungen von Hass sind (in unterschiedlicher Intensität und je nach Temperament) typisch für dieses Gefühl:

  • Intensive Wut; damit einher gehen: brüllen (bis zur Heiserkeit oder dem Versagen der Stimme), um sich schlagen, auf Gegenstände (z. B. Kissen) eindreschen und/oder die Verursachenden des Hasses verprügeln, randalieren, Gegenstände zerstören. Sogar das sprichwörtliche „Rotsehen“ kommt real vor, wenn durch die Wut der Blutdruck so stark gestiegen ist, dass die Sehfähigkeit dadurch beeinträchtigt wird und einem tatsächlich ein rötlicher Schleier oder rote Ringe vor den Augen tanzen.
  • Vernichtungswille, der sich gegen die Ursache des Hasses richtet; man will die betreffende Person oder Institution restlos vernichten, auslöschen bis hin zu Mordversuchen oder Bombenanschlägen, zumindest aber der Person/Institution den größtmöglichen Schaden zufügen, u. a. durch Zerstörung ihrer Existenz oder etwas bzw. einer Person, das/die ihr/ihm wichtig ist.
  • (Vorübergehender) Verlust des rationalen Denkens (bis hin zum „Blackout“)
  • Gefühl, jeden Moment den Verstand zu verlieren
  • Körperliche Symptome bei akuten „Hassattacken“: Zittern, auch „innerliches“ Zittern, das Gefühl, die gesamte Hautoberfläche stünde in Flammen, Atemnot, Herzrasen, das Gefühl, der eigene Körper sei plötzlich zu eng geworden und würde jeden Moment zerspringen (daher rührt das sprichwörtliche „vor Wut platzen“).
  • Rachefantasien aller Art von einfachen Dingen (Autoreifen zerstechen) bis hin zu übelster Folter und Verstümmelung; bei Männern kommen auch Vergewaltigungsfantasien vor, wenn das Ziel ihres Hasses eine Frau ist, wohingegen Frauen umgekehrt zu Kastrationsfantasien neigen.
  • Ausübung von Rache in allen möglichen Variationen.
  • Dem „Feind“ in Gedanken alles nur mögliche Üble wünschen.
  • Besäufnisse, Drogenkonsum, evt. Selbstverletzung („ritzen“) u. a., um das unerträgliche Hassgefühl zu mildern.
  • Synonyme für Hass: Abneigung, Feindschaft, Groll, Abscheu, Antipathie, Widerwillen, Ekel, Missgunst, Zwietracht, Feindseligkeit, Megärenwut (Megaira ist eine der drei Erinyen, der Rachegöttinnen der griechischen Mythologie und steht für „wütenden Zorn“ = Hass. Ihre Schwestern Tisiphone und Alecto sind zuständig für Rache und die gnadenlose Verfolgung von Schuldigen. „Megäre“ ist auch ein generelles Synonym für eine megawütende, „rasende“ Frau.)

Wenn wir auf der Klaviatur dieser Gefühls- und Reaktionspalette spielen und sie (zum Teil) wie in der Szene mit Sandra beschreiben, brauchen wir das Wort „Hass“ oft nicht zu verwenden, um den Lesenden unmissverständlich zu verdeutlichen, dass die Figur einen „wahnsinnigen Hass“ empfindet.

In der nächsten Folge: Angst

Weitere Folgen von „Show, don’t tell“:

  • Gefühle beschreiben: Liebe, Mut, Schock
  • Landschafts- und Ortsbeschreibungen

 

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