Geld - Bild von Kevin Schneider auf Pixabay https://pixabay.com/de/photos/geld-geldturm-m%C3%BCnzen-euro-2180330/

Ein Käfig voller Lämmer

Geschichte von René Gröger

Als der Bus stotternd anfährt, habe ich die Haltestange fest umklammert. Ich lasse einen verächtlichen Blick über mein Spiegelbild im Busfenster wandern, von meinen ausgelatschten Turnschuhen, über die löchrige Jeans und das verwaschene Polohemd, bis zu diesen traurigen Augen, die mir entgegen starren, wie die traurigen Augen eines anderen.
In Gedanken gehe ich meinen Tagesablauf durch: Zunächst ins Büro. Das Stempeln nicht vergessen. Malochen bis 13 Uhr, dann eine halbe Stunde Mittagspause. Das Stempeln nicht vergessen. Dreißig Minuten, das heißt: Ich habe zehn Minuten Zeit, um quer durch den Stadtteil zum nächsten Supermarkt zu hetzen. Zehn Minuten, um mir eine Buttermilch und eine von diesen billigen Laugenstangen zu kaufen. Zehn Minuten, um meinen verschwitzten Arsch rechtzeitig zurück ins Büro zu bugsieren, während ich mir im Laufen den armseligen Pausenfraß hinunterschlinge. Dann: weitermalochen bis zum Feierabend. Und das Stempeln nicht vergessen. Bloß das Stempeln nicht vergessen! Stempeln bis die Stechuhr qualmt.
Ein unangenehmer Duft fordert meine Aufmerksamkeit und reißt mich aus den Tagträumen meines Lohnarbeitnehmerdaseins. Es riecht nach einer Melange aus Schweiß, billigem Moschus-Duschgel und Scham. Ich verziehe meine Mundwinkel, hebe angewidert meine Augenbrauen und schaue mich pikiert um, auf der Suche nach der Quelle meiner Übelkeit. Da steht niemand. Wie jeden Morgen ist der Bus brechend voll, doch um mich herum zieht sich ein Kreis gähnender Leere. Dicht gedrängt stehen die Leute in den Winkeln des Busses und werfen mir angeekelte Schulterblicke zu. Ich bin unter Quarantäne gestellt, ein Ausgestoßener, unberührbar: Meidet mich ruhig, ihr Schweine, aber der schlechte Geruch gehört bei einem stolzen Proletarier zum guten Ton!
Der Bus hält an und spuckt mich auf den Bürgersteig. Ich kann spüren wie eine Welle stummer Erleichterung durch die Sitzreihen weht, ehe sich die Türen schließen und das Fahrzeug weiter durch den Morgenverkehr kriecht. Ohne den Kopf zu heben, gehe ich dem Bürogebäude entgegen. Mein Blick ist starr auf den Boden gerichtet, doch auch wenn ich das gläserne Krematorium nicht sehen kann, so kann ich den nahenden Tod doch spüren, wie ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtung. Das Tier weiß nicht, was geschieht, doch es fühlt, dass es allen Grund zur Beklemmung gibt, dass heute ein besonderer Tag ist, dass heute der Tag der Zerfleischung gekommen ist. Was gäbe ich dafür, in der Haut des Lamms zu stecken. Stattdessen muss ich mich jeden Tag aufs Neue auf die Schlachtbank setzen, werde täglich in den Fleischwolf des Kapitalismus gepresst und zu blutiger, willenloser Masse verarbeitet.

Ich arbeite erst seit ein paar Monaten bei der Marktforschung. Aus leichtgläubigen Opfern Informationen herauspressen, wie Saft aus Orangen, und sie schamlos für kapitalistische Zwecke missbrauchen – realistisch betrachtet ist es der mit Abstand schönste Job, mit dem mich das Leben bisher gestraft hat. Stundenlang sitze ich in einem grauen Büro und starre auf den Computer-Bildschirm. Wenn ich allein im Büro bin, lasse ich auch mal einen fahren. Zum Glück bin ich den überwiegenden Teil der Zeit allein. Ich habe schnell den Dreh rausbekommen, wie ich den Kollegen am besten aus dem Weg gehen kann.
Die meisten wissen nicht einmal, dass es mich gibt.

Vor dem Eingang des hohen Gebäudekomplexes bleibe ich stehen und atme noch einmal tief durch. Wie üblich ist die schmucklose Empfangshalle auch heute erhellt von fahlem Licht, das durch die breite Fensterfront fällt. Die großen, blutroten Lettern des Firmenlogos über dem Portal blenden mich: HBC Concept – Happy Buying Consumer.
Ich schwinge mich durch die Drehtür und marschiere über die matt-weißen Fliesen der Lobby, die dem Gebäude etwas steriles, Krankenhaus-ähnliches verleihen. In mir würgen sich wieder die Gedanken an Schlachtungen herauf. Ich schmecke Eisen auf meiner Zunge. Es riecht nach Tod, zumindest aber nach alten Menschen oder einsetzender Inkontinenz. Ich passiere grußlos den maritim-blauen Empfangstresen, schiebe die Stempelkarte in den gierigen Schlund der Stechuhr und suche mir ein freies Büro. Vertragslose Tagelöhner wie ich haben keinen festen Arbeitsplatz, man kommt dort unter, wo gerade Platz ist: Fluid-hybrider Working Space, wie mir beim Vorstellungsgespräch erklärt wurde. Das allein ist schon Grund genug, jeden Morgen eine Fresse zu ziehen, als bekäme man gerade einen Katheter gelegt.
Auf den ersten zwei Etagen sind die Telefonzentralen voll besetzt, die Leitungen glühen schon, es herrscht reges Treiben und Geschnatter. Jeder möchte möglichst viele Kandidaten für die Produkttests rekrutieren. Je mehr Opfer sie aus unseren Karteien einladen, desto mehr Prämien werden auf den Mindestlohn draufgeschlagen. Dabei sägen sie den Stummel ab, auf dem sie kauern: Denn sind erst mal alle Schäfchen fürs Experiment zusammengepfercht, gibt es auch nichts mehr zu Rekrutieren. Die freien Mitarbeiter schaffen sich im Grunde permanent selbst ab. Die Menschen in unserer Kartei werden nur als Futtermittel herangezüchtet und den Haien des Kapitals zum Fraß vorzuwerfen. Jeder beutet den anderen aus. Die Symbiose des Kapitalismus funktioniert, solang sich jeder selbst an der Spitze der Nahrungskette sieht. Die Ergebnisse, die wir bei HBC Concept liefern, sind das Rettungstuch, auf das die Marketing-Abteilungen der Großkonzerne fallen, wenn ein Produkt floppt. Niemand ist an ehrlicher, wissenschaftlicher Marktforschung interessiert. Das alles ist nur eine riesige Farce, eine Illusion, aber keiner hat die Eier, das zu sagen. Vielleicht checken es meine Kollegen in ihren winzigen Zellenbüros auch einfach nicht. Vielleicht sind sie wirklich so blöd, wie sie aussehen, denke ich, als ich an ihren Kammern vorübergehe, aus denen sie mir flüchtig entgegen starren wie scheue Lämmer. Jetzt fällt mir wieder ein, warum ich sie nicht mag. Sie denken nicht an das große Ganze. Sie versuchen nur ihren eigenen Arsch zu retten. Aber vielleicht ist es das ja, worum es im Leben geht: Ärsche.

Die Flittchen aus der PR-Abteilung im dritten Stock scheinen sich jedenfalls zu amüsieren. Ich versuche, mir stets einen Arbeitsplatz auf ihrer Etage zu sichern. Heute habe ich Glück, es ist noch ein Stall auf der anderen Seite des Flurs frei, direkt neben den Assistenten und Sekretärinnen.
Anfangs beging ich den Fehler, zu nett zu den Sekretärinnen zu sein. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass sie ihre Arbeit nur dann richtigmachen, wenn man sie von oben herab behandelt. Sie brauchen jemanden, der sie mit Dreck bewirft. Das dient ihnen als Bestätigung ihrer kümmerlichen Existenz und lässt sie dabei in dem Glauben, dass sich doch noch jemand für ihre Arbeit interessiert. Die meisten von ihnen sind verbittert, und sie betrachten ihre jungen Kolleginnen aus der PR-Abteilung mit neiderfülltem Blick. Manchmal bedenke ich sie mit Komplimenten oder streiche ihnen beim Vorbeigehen kaum merklich durchs Haar. Sie sind dankbar für jedes nette Wort, und ich bin kein Unmensch.
Ich schließe die Tür meiner gläsernen Zelle und sinke auf den roten Bürostuhl mit den schwarzen Plastik-Armlehnen, die jedes Mal, wenn ich an den Schreibtisch rolle, gegen die Kante stoßen. Das macht mich aggressiv. Ich frage mich, welche der Sekretärinnen so dämlich gewesen ist, Bürostühle ohne verstellbare Armlehnen zu bestellen. Verdächtig sind alle.
Ich habe die Unzweckmäßigkeit der Stühle ganz vergessen. Erst der Stoß gegen die Schreibtischkante zu Dienstbeginn ruft mir diesen unzumutbaren Zustand wieder ins Bewusstsein. Das macht mich besonders aggressiv. Ich lasse mich ein Stück zurückrollen, um im nächsten Moment mit Schwung gegen den Tisch zu bumsen. Das wiederhole ich ein paar Mal mit größer werdendem Abstand, bis ich mit Kampfgebrüll quer durch die Kammer auf den Schreibtisch zuschieße. Das gibt einen lauten Knall. Offenbar legen die Trutschis großen Wert auf Qualität und Verarbeitung. Jedenfalls sind die Armlehnen nur leicht lädiert. Ich befinde mich in einem Rausch. Meine Technik wechselt nun von kräftigen Bumsern mit Anlauf, zu schnellen Stößen mit hoher Schlagzahl. Hierzu halte ich mich mit beiden Händen am Tisch fest und ficke wie ein besessener gegen den Tisch. Mein Gesicht ist wutverzerrt. Die blutunterlaufenen Augen drohen mir aus dem Kopf zu springen. Der Speichel hängt mir in zähen Fäden vom Kinn. Es ist wie bei gutem Sex. Ich ackere wie ein Wilder. Ich gebe alles. Schließlich gibt die Halterung nach und die Armlehnen brechen nach hinten weg. Ein letzter, genussvoller Stoß und sie purzeln über den Nadelvliesteppich, wie einst der Kopf von Robespierre über das dreckige Trottoir der Pariser Straßen.
Ich verlasse das Büro, stolziere mit dem Siegeslächeln eines Matadors, nachdem er den Stier zur Strecke gebracht hat, den Flur entlang. Meine Arme sind aufgekratzt, das Polohemd blutverschmiert und zerrissen. Der Kampf hat mich gezeichnet, doch ich habe ihn gewonnen. Zum Beweis halte ich triumphierend eine Armlehne in der linken Hand. Die Stuten aus der PR-Abteilung schauen entgeistert aus ihren gläsernen Ställen. „Was für ein Mann!“, denken sie sicher.
Ich betrete die kleine Küche am Ende des Flurs und trinke einen Kaffee. Ohne Zucker. Ohne Milch. Einfach schwarz. Ich höre ein Rauschen in meinen Ohren, wie tosender Applaus. Wer braucht schon Prämien auf den Mindestlohn, wenn es Gratiskaffee gibt. Das wird ein guter Tag.

One thought on “Ein Käfig voller Lämmer

  1. Pingback: zugetextet.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.