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Gas zum Verlassen des Bahnhofs

Kurzgeschichte von Annemarie Aichele

Es ist dann doch kein Park geworden. Als der Bahnhof endlich unter der Erde war und die ersten Bäume für den Park angeliefert wurden, hatte man sich noch einmal umentschieden. Im Sinne der Nachhaltigkeit, der biologischen Fleischproduktion und des Umweltschutzes entstand ein zukunftsorientierter Forschungs- und Schaubauernhof. Gerade weil der Methangasausstoß von Kühen immerzu als umweltschädlich angeprangert wurde, wollte man hier an prominenter Stelle zeigen, dass es auch anders geht. Dass das schlechte Methan in etwas Gutes umgewandelt werden kann. Deshalb wohnen jetzt oben Kühe, wo unten Züge fahren.
Jeden Freitag kommt Professor Gerlach von der Uni Tübingen, um die Methangasmessungen zu überwachen. Seit drei Monaten erforscht er mit seinem Team die Möglichkeit der Wiederverwendung der von Kühen ausgestoßenen Methangase im Zugverkehr – oder wie es die Stuttgarter liebevoll nennen: Fahren mit Fürzen.

Deshalb steht nun Lora hier, deren Hauptaufgabe darin besteht zu fressen und das Gefressene wiederzukäuen. Das macht Lora sehr gut. Man kann sagen, sie widmet sich dieser Tätigkeit unermüdlich, 24 Stunden täglich, und fügt sich somit optimal in den Forschungsprozess ein. Wer Lora bei ihrer Arbeit zusehen möchte, kann dies täglich um 14 Uhr tun, wenn der hofeigene Elektrobus seine Rundfahrt übers Gelände macht. Bei dieser kostenlosen Tour erhalten die Besucher interessante Informationen rund um das Thema umweltschonende Fleischproduktion sowie aktuelle Erkenntnisse aus Professor Gerlachs Forschung. Wer möchte, darf Lora auch füttern – oder, um es exakt auszudrücken: Eine der 30 Loras, die hier im Schaubereich stehen. Dieser Teil des Hofes befindet sich rechts außen. Daher auch der Name: „LO30 rechts außen“, kurz „Lora“. Hier wird seit drei Wochen mit Maisgrieß gefüttert. Man darf gespannt sein, inwieweit sich die Messwerte dadurch verändern.

Nächste Woche wird Lora umquartiert, da ihr Hofbereich an das vollautomatisierte Hofsystem angeschlossen wird und somit kurzzeitig unbewohnbar sein wird. Lora kommt in der Zwischenzeit zu Lola im Bereich links außen. In diesem Gebäudetrakt läuft bereits eine Testphase zur Direkteinspeisung des Methangases. Dazu befindet sich in der Dachkonstruktion von Lolas Stall eine Gasabzugshaube. Das so abgezogene Methangas wird von dort aus durch die Messstation geleitet und anschließend zur Transformation in die technischen Anlagen.
Auch die Melkmaschine ist hier bereits direkt an das Transportsystem angeschlossen. Zwei Rohre leiten die Milch von der Melkanlage in den darunter liegenden Bereich des Bahnhofs, wo der Transportwagon für die Milch bereitsteht. In diesen wird die Milch direkt hineingepumpt. Das hat nicht nur den Vorteil extrem kurzer Transportwege, sondern eröffnet Professor Gerlach gleichzeitig die Möglichkeit seinen Methangasantrieb zu testen. Noch steht das Projekt ganz am Anfang, doch eines Tages wird der Milchwagon ganz ohne Strom aus dem Bahnhof fahren können. Den nötigen Anfahrtsschub wird der Milchwagon durch den in der Entwicklung befindlichen Methangasantrieb erhalten. Sollte Professor Gerlach hier der Durchbruch gelingen, stünde der Ausweitung des Antriebsmodells auf weitere Züge nichts mehr im Wege. Der Stuttgarter Bahnhof würde damit zum ökologischsten Bahnhof Deutschlands werden. Züge bräuchten keinerlei Strom mehr für das Verlassen des Bahnhofs. Die Rund-um-die-Uhr Methangasproduktion der Kühe würde ausreichen, um allen abfahrenden Zügen den nötigen Anfahrtsschub zu verleihen, wodurch der Strombedarf für die Fahrt erst nach Verlassen des Bahnhofs entstehen würde.
Dahinter steckt natürlich ein komplizierter, noch in der Forschung befindlicher Prozess, aber Sven, der die tägliche 14 Uhr Tour übers Gelände leitet, schafft es stets diesen technisch komplexen Prozess mit einem einfachen Satz zu erklären: Wenn das Forschungsteam sein Ziel erreicht hat, werden die Züge künftig einfach aus dem Bahnhof hinausgefurzt.

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