Im Augenblick der Freiheit Burghard Schlicht (c) Verlag Olga Grueber

519 Seiten Augenblicke der Freiheit

    Rezension von Anke Blacha

    Burghard Schlicht, Im Augenblick der Freiheit, Roman, Verlag Olga Grueber, Frankfurt/Main 2020, 528 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, Preis: € 26,00, ISBN 978-3-00-065307-0

    Ein Roman wie ein Film verspricht der Debütroman „Im Augenblick der Freiheit“ von Burghard Schlicht zu sein. Mit einem Blick auf die Biografie des Autors könnte da auf jeden Fall etwas dran sein. Burghard Schlicht ist – unter anderem – Schauspieler, Film-Ausstatter, Drehbuchautor und Journalist. Er hat ab den 1970ern unter anderem mit Rainer Maria Fassbinder, Wim Wenders sowie weiteren Regisseuren zusammengearbeitet, war als Journalist tätig und blieb als Drehbuchautor und Regisseur der Filmbranche treu.

    In seinem Roman lässt Burghard Schlicht die Filmwelt der 1970er-Jahre wieder auferstehen und macht sie zur Kulisse der Handlung. In diese scheinbar längst vergangene Epoche wird die 29-jährige Rebecca hineingezogen, die aus Amerika auftaucht, um im München der Anfang 2000er mehr über das Leben ihrer leiblichen Mutter Jenny zu erfahren. Sie lebte in den 1970ern in München, wollte von dort zu neuen Horizonten aufbrechen, blieb aber für einen Zwischenstopp in der Hippie- und Filmszene der Stadt. Der Roman verknüpft die Zeitreise in die Münchner Filmwelt in einer Epoche, in der alles möglich schien, mit einer Mutter-Tochter-Geschichte, die in den frühen 2000er-Jahren spielt.

    So nimmt das erste Kapitel die Leser*innen auch nicht die bunte, rauschende Hippie-Zeit mit, sondern führt sie am 11. September 2001 zum Augenarzt Gottfried, der in seiner Praxis auf Rebecca trifft. Gottfried ist Rebeccas erstes Bindeglied zur Vergangenheit: Er hat die große Zeit des Meister-Regisseurs Kantlehner (Fassbinder) hautnah miterlebt, war Teil der verrückten, unter Strom stehenden jungen Filmszene der 1970er und ist von dieser Zeit nie wirklich losgekommen. Gottfried verkörpert die Beschreibung eines weißen, älteren Mannes, der sich gelangweilt vom eigenen Leben in die glorreiche Zeit zurück tagträumt, während er seine Patienten behandelt. Mit einem kleinen privaten Filmmuseum mit unzähligen, mitunter makabren Erinnerungsstücken der großen Kantlehner-Zeit sowie mit Freundschaften zu mehr oder weniger gescheiterten Weggefährten von damals hält er die Vergangenheit am Leben.

    Rebecca ist nicht nur auf der Suche nach der Geschichte ihrer Mutter, sondern auch nach sich selbst. Die junge Amerikanerin, die irgendetwas mit IT macht, taumelt psychisch labil im Gothic-Style mit „Kuheuter“-Brüsten durchs Leben. Sie verkörpert das Bindeglied zwischen der „Alles-ist-möglich“-Hippie-Zeit und der von Terrorangst und Verschwörungstheorien geprägten Zeit der frühen 2000er. Doch dies sind nur zwei von vielen Lebenswelt-Gegensätzen, die von unzähligen Protagonist*innen auf den 519 Seiten durchlebt werden.

    Die Protagonist*innen nehmen die Leser*innen mit in ihre Welten und Zeiten und tauchen mit Rückblenden, Tagebucheinträgen und Schlichts Autorenwissen in die Vergangenheit ein. Wer die Münchner Film- und Hippie-Szene miterlebt hat, wird sich sicher an der einen oder anderen Stelle wiederfinden. Cineasten und vor allem Fassbinder-Fans wissen sicher, welche Filme sich wirklich hinter den beschriebenen Filmtiteln verbergen. Ein wenig Action und Agenten-Feeling bringen die Protagonist*innen der Gegenwart auf der Suche nach Rebeccas Mutter mit. Da ein guter Film erst mit der richtigen Musik zum Leben erweckt wird, verleiht Burghard Schlicht jeder Zeitebene den passenden Soundtrack und haucht den Charakteren und Szenen so Leben ein.

    Und doch: Wäre der Roman ein Film, hätte ich diesen nicht bis zum Ende geschaut. Das liegt für mich an zwei wesentlichen Punkten. Zum einen beschleicht mich beim Lesen hin und wieder das Gefühl der Unglaubwürdigkeit. Auf der Suche nach ihrer Mutter findet Rebecca immer wieder scheinbar zufällig das nächste Puzzleteil und das teilweise in absurden Szenen, wie bei der Hausschlachtung eines Schweins in einem abgelegenen bayerischen Dorfs. So gibt es einige Wendungen und Drehungen, bei denen nur noch schwer nachzuvollziehen ist, warum, wieso, weshalb. Dadurch wirkt der Plot leider häufig konstruiert. Zum anderen wünsche ich mir, Burghard Schlicht hätte sich mit weniger ist mehr zufrieden gegeben. Die Leser*innen werden mit einer Vielzahl von Handlungssträngen konfrontiert, wodurch der Erzählstrang verwässert wird. So ist die Roman-Gegenwart nicht nur die Gegenwart, sondern ausgerechnet der 11. September 2001. Die Geschichte springt in die 1970er Jahre nach München, die Leser*innen werden hier mitgenommen in die Welt der Kommunen und des „Neuen Deutschen Films“, und dann begleiten sie auch noch Rebecca bei der Suche nach ihrer Mutter. Mittels Tagebucheinträgen eines Filmstars erleben die Leser*innen eine weitere Perspektive mit einem anderen Blick auf die Siebzigerjahre und den Generationenkonflikt der Nazi-Eltern und Nachkriegskinder. Sie ziehen mit den Protagonist*innen durch München, Oberbayern, Italien, Marokko, Amsterdam, Jamaika, durchs Yukon-Territorium und und und. Und hier sind die Nebenhandlungen und -schauplätze noch nicht genannt.

    Der Roman „Im Augenblick der Freiheit“ von Burghard Schlicht ist definitiv ein gutes Buch für Fans des deutschen Films der 1970er und für alle, die in das Lebensgefühl dieser Zeit eintauchen wollen – plus ein wenig Action. Im Buchladen wäre ich an dem Werk jedoch sehr wahrscheinlich vorbeigegangen, ohne es näher zu betrachten, da mich weder das Cover noch der Klappentext ansprechen.

    Die Autorin Anke Blacha hatte dieses Buch als Auszeichnung für die beste Kurzgeschichte in der Doppelausgabe 9_10/2020 erhalten. Sie hat den Roman dankenswerterweise hier besprochen.
    Die Redaktion

     

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