Pantarhei

    von Mario Markovic

    Das Licht ist sehr grell. Die Augen haben sich noch nicht daran gewöhnt. Sie müssen immer wieder blinzeln, um den von dieser Helligkeit erzeugten, leichten Schmerzen zu widerstehen. Schließlich wird es besser. Die Umgebung wirkt nicht mehr so unscharf, weiße, matte Glaswände werden damit sichtbar. Lampen gibt es keine, es sind die Wände selbst, die das Licht ausstrahlen, wie hell leuchtende Displays.

    Junit sieht sich um. Schließlich bemerkt er eine Dame, die mitten im Raum steht und ihn anlächelt. Er hat keine Zeit sich zu äußern, da ihm diese Frau zuvorkommt: „Willkommen in der Zukunft!“
    Bis auf einen einzigen Tisch mit einem Stuhl davor kann er im Raum sonst nichts entdecken. Deshalb nähert er sich der Dame und spricht: „Ich möchte die Ergebnisse inspizieren.“
    „Mein Name ist Servia, und ich bin heute Ihre Führungsperson.“, sagt sie, verbeugt sich und deutet an, Junit solle sie begleiten. Beide begeben sich zu einer Wand. Ungefähr zwei Zentimeter oberhalb eines kleinen Lochs positioniert sie ihren Zeigefinger und dreht im Uhrzeigersinn einen Kreis um die Öffnung. Spiralförmig wird diese plötzlich immer größer, bis sie schließlich groß genug ist, um durch sie nach draußen zu gelangen.
    Eine sehr beeindruckende Stadt wird offenbart, die ultimative Symbiose von Technologie und Natur. Öffentliche Verkehrsmittel tanzen um Bäume und Wiesen herum, als ob sie füreinander bestimmt wären. Hohe Wolkenkratzer ragen an einigen wenigen Stellen in die Höhe, an weitaus mehr Orten stehen große, alte Laubbäume stolz. Junit hat Ähnliches schon öfter gesehen und ist noch unbeeindruckt. Nüchtern fragt er: „Wie ist die Gesellschaft aufgebaut?“

    Ohne auch nur die kleinste Veränderung an ihrem Lächeln beginnt sie zu berichten: „Ich präsentiere Pantarhei. Das Jahr ist 2072, wir haben den 5. Mai, um 14:22, in der Region Wien, Österreich. Es ist sonnig, wolkenfrei, mit leichter Windbrise. Das Leben nimmt seinen gewohnten Lauf, Erwachsene arbeiten, Kinder gehen in die Schule, glückliche Gesichter, wohin man sieht. Wenn Sie es sich genauer ansehen wollen, können wir Stabilbeweger verwenden.“
    Junit nickt. Servia tippt etwas in ihren Armbandcomputer ein, woraufhin innerhalb kürzester Zeit zwei Drohnen auf sie zugeflogen kommen und zwei an viereckige Stehroller erinnernde Gegenstände vor sie abstellen. „Wenn wir uns jetzt auf die Stabilbeweger stellen, die haptischen Anzüge anziehen und VR-Brillen aufsetzen, können wir in Rekordzeit überall hin.“

    Sobald sie auf die Geräte steigen, werden Scanner aktiviert, die, basierend auf der Anatomie des Benutzers, an den verschiedensten Orten weltweit aus Nanobots zusammengesetzte Avatare von ihnen erstellen können. „Um den weltweiten Anforderungen und Möglichkeiten der Gegenwart gerecht zu werden, wurden alle Flächen auf dem gesamten Planeten in 1m²-Schritten systematisch eingescannt und in das globale WorldNav Navigationssystem eingespeist, womit es nun möglich ist, Erkundungsflächen in der ganzen Welt zu reservieren. Wir können das gleich testen.“
    Über ihren Armbandcomputer reserviert sie eine Erkundungsfläche in der Inneren Stadt. „Wir haben Glück, es sind noch etwa 30 Plätze für heute frei. Täglich können in jeder Weltstadt maximal 40.000 Reservierungen vorgenommen werden, abhängig von der Größe vielleicht auch weniger. Für kleinere Ortschaften ist die Zahl noch geringer. Damit wurde umweltfreundlicher Tourismus revolutioniert.“

    „Wie wird dies alles finanziert?“, fragt Junit trocken. Bevor Servia antwortet, werden ihre VR-Brillen und haptischen Anzüge aktiviert. In der Inneren Stadt, nahe der Staatsoper, setzen sich NanoAvas, die exakt wie ihre Benutzer aussehen, zusammen. Junit und Servia können diesen Stadtteil nicht nur sehen und hören, sondern auch fühlen und riechen, so als ob sie direkt vor Ort wären. „Sehen Sie die Behälter in der Nähe der Ampeln? Diese enthalten die Nanobots. Umweltfreundlicheres Reisen kann man sich kaum vorstellen. Finanziert wird hier alles mit der stabilistischen Regionalwährung, im Fall Österreichs ist es der Schilling.“
    „Der Schilling?“, fragt Junit diesmal überrascht. Lächelnd setzt sie fort: „Ja, allerdings gleicht die heutige Währung der ursprünglichen nur im Namen. In Deutschland wurde die Mark wieder eingeführt, in Italien die Lira, in Frankreich der Franc. Das Ausschlaggebende ist aber nicht der Name, sondern ihre Funktionen. Es gab nicht einfach nur eine Wiedereinführung historischer Währungen, sondern die Entwicklung eines neuen Geldsystems: den Stabilismus. Seit der systematischen Trennung von Wirtschaft und Staat, beginnend im Jahr 2022, etwa zwei Jahre nach der globalen Corona-Krise und der darauffolgenden, horrenden Weltwirtschafts- und Finanzkrise, wurde schrittweise die Umsetzung eines parallelen Währungssystems eingeleitet, nämlich in eine einzige Wirtschaftsleitwährung für die gesamte Weltwirtschaft und in regionale Einzelwährungen für alle fundamentalen Gesellschaftsbereiche, welche die gesamte Bevölkerung betreffen.“
    Sie waren nun schon einige Minuten auf den Straßen Wiens unterwegs, als Servia plötzlich stehenbleibt. „Bereit für einen kurzen Ausflug nach München?“

    Junit nickt. Beide werden ausgeloggt und die Nanobots begeben sich automatisch in nächstgelegene Behälter. „Möchten Sie es versuchen?“
    Junit nickt wieder passiv. Sie reicht ihm einen Armbandcomputer, den er um seine Hand schnallt. Die Bedienung ist unglaublich einfach und übersichtlich, besser als bei allen Junit bekannten Smartphone- und Computermodellen. Doch nachdem er Erkundungsflächen in München reservieren möchte, wird ihm mitgeteilt, das Tagesmaximum sei überschritten und er solle es erst wieder in zwei Tagen versuchen. „Schade!“, meint Servia, „Wenn wir heute unbedingt nach München wollten, müssten wir dies mit einem EPKW, einer Bahn oder einem E-Flug tun. Wie sieht es mit Stuttgart aus?“
    Junit überprüft es und hat Erfolg: „Noch 14!“
    Nun sind sie mit Nano Avas in Stuttgart unterwegs. „Die Kernelemente des Stabilismus sind dessen Regionalität, die Unabhängigkeit von Weltwirtschaft, Börsen und Zentralbanken sowie die Bindung an eine in der Verfassung fest verankerten, konstanten Wertspanne. Letzteres bedeutet, dass inflationäre und deflationäre Veränderungen kaum eine Rolle spielen. Wird Geld für strukturelle Maßnahmen oder Verbesserungen benötigt, wird es digital verfügbar gemacht, ohne Schulden oder Geldwertminderung. Damit ist einerseits auch ein leistungsorientiertes Grundeinkommen finanzierbar, andererseits eine vollständige Steuerentlastung aller Wirtschaftsteilnehmer dieser Welt möglich. Stabilistische Regionalwährungen haben alle Steuern weltweit obsolet gemacht. Klima- und Umweltschutz samt Erweiterung erneuerbarer Energien sind ebenfalls gewährleistet.“

    Junit stellt eine weitere Frage: „Wie funktioniert die Wirtschaftsleitwährung?“
    „So wie es Währungen und das Geldsystem früher taten, sie ist weiterhin an Inflations- und Deflationsmechanismen gebunden und wird von Zentralbanken in Umlauf gebracht. Mit der Trennung von Wirtschaft und Staat wurde der Staat unabhängiger von der Wirtschaft und umgekehrt die Wirtschaft vom Staat. Die Privatwirtschaft ist vollständig von Steuern befreit, verfügt somit über deutlich mehr Eigenkapital, hat damit aber auch größere Kapazitäten für mehr Fremdkapital, insgesamt somit mehr Liquidität. Die gesamte Privatwirtschaft verwendet die einzige weltweite Privatwirtschaftswährung, den Globe. Der Globe setzt sich aus den zuvor stärksten Währungen, dem amerikanischen Dollar, dem britischen Pfund, dem chinesischen Renminbi, dem Yen, dem Rubel, den Schweizer Franken und dem Euro zusammen. Die Teilnahme an der Privatwirtschaft ist freiwillig, man kann es sich wie die Unterschiede zwischen Anleihen und Aktien vorstellen. Mit einem leistungsorientierten Grundeinkommen samt kostenloser Sozialversicherung kann man gut leben, und das Risiko ist gering. Zu wirtschaften birgt mehr Risiken aber auch die Chance auf enorme Erträge und Profite. Ambitionen und Erfolgsorientierung werden in der Privatwirtschaft weiterhin belohnt, sogar mehr denn je. Der Globe ist übrigens komplett digital, man kann sich aber für einen Druckkostenbeitrag auch Bargeld drucken. Für noch attraktivere Dienstnehmer und Dienstgeber-Verhältnisse können Unternehmen Personalkostenförderungen um bis zu 50% der Personalkosten beantragen, womit zusätzliche Kosteneinsparungen, aber auch Gehaltsboni gefördert werden können. Das ist, wie es sich für ein Sozialsystem gehören sollte, ein Belohnungssystem, kein Steuerstrafsystem.“

    „Und das leistungsorientierte Grundeinkommen?“, fragt Junit weiter.
    „Dabei handelt es sich um an Leistungen gekoppelte Einkommen. Schulen, Lehrer, Krankenhäuser, Ärzte, Pflegekräfte, Polizei, Feuerwehr, Politiker, aber auch alle zuvor gemeinnützig tätigen Menschen, Künstler, Sprachkursteilnehmer, Erwachsene in der Ausbildung, Lehrlinge und viele mehr, werden problemlos mit Regionalwährungen finanziert. Das sind die Vorzüge eines stabilistischen und damit stabilen Geldsystems.“
    „Gut! Ich habe genug gehört.“
    „Wollen Sie uns bereits verlassen?“, fragt Servia im Gegenzug. Junit nickt, er hat ausreichend Informationen über Pantarhei gesammelt. Sie beenden ihren Erkundungsaufenthalt in Stuttgart und steigen von den Stabilbewegern ab. „Haben Sie noch abschließende Fragen?“
    Junit schüttelt seinen Kopf. „Falls doch, können Sie jederzeit wiederkommen. Vielen Dank für Ihren Besuch, wir freuen uns darauf Sie bald wieder in Pantarhei willkommen heißen zu dürfen.“

    Nachdem Judith die Simulation beendet und sich mit ihrem Avatar Junit ausgeloggt hat, legt sie ihre VR-Brille ab. Sie ist in Wirklichkeit eine ältere Frau, die auf einem Computerbildschirm eine umfangreiche Tabelle betrachtet, mit weiteren bereits durchgeführten Simulationen, insgesamt über 100.000. Bei so ziemlich allen steht „gescheitert“ dabei, außer den letzten beiden „Astro Solaris“ und „Venus“, wo sie „potenziell“ dazugeschrieben hatte.
    Am Ende fügt sie eine neue Zeile für „Pantarhei“ ein. Ihre Endeinschätzung: umsetzbar.

     

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