Fließen der Identitäten. Stefan Hölscher & Geest-Verlag Literaturwettbewerb 2020

Wenn alles im Fluss ist

    Rezension von Lluviagata

    Stefan Hölscher & Geest-Verlag, Fließen der Identitäten, Vechta 2020, ISBN 978-3-86685-769-8, Hardcover, 148 Seiten, 12 Euro

    Vor mir liegt ein Band mit Gedichten, den ein impressionistisch anmutendes Frauenportrait ziert, ein Einband, der mir als Leserin schon mal zusagt, ein Gedichtband, der schwer in der Hand wiegt und aber auch mit zunehmender Seitenzahl mein lyrisches Herz über das auf vielen Ebenen beleuchtete Thema „Fließen der Identitäten“ in Freude schwerer werden lässt. Ich tauche ein in Erinnerungen und weine um meinen in Russland gefallenen Großvater, zittere mit meiner Großmutter auf der Flucht aus Pommern, steige über brandige Trümmer in die Kälte des Dresdner Winters und versuche, im Nebel meine demente Mutter zu umarmen. Ich altere mit den Protagonisten, während ich mit ihnen ihre Kindheit erlebe, wachse und zum Mann werde und zur Frau und zur Nymphe. Ich sehe Landschaften, fremde Erde, Meere, rieche Düfte, die man nur im Regen wahrnehmen kann und bin verliebt wie nie zuvor. Ich sehe mich selbst, stelle Ansprüche, bin eifersüchtig und ängstlich, beobachte, weine, versuche zu vergessen, hasse, blute und träume, um am Ende doch zu verlieren. Oder zu gewinnen.

    Fließen der Identitäten lautete das Thema des Stefan Hölscher & Geest-Verlag Gedichtwettbewerbes. Stefan Hölscher, Jahrgang 1965, selbst Autor und Lyriker, lässt es sich nicht nehmen, alljährlich unbekannte Schreibende zu lyrischen Höchstleistungen zu bringen, in dem er zu verschiedensten Gedichtwettbewerben aufruft. Über 2000 Beiträge, die aus ganz Europa zum Thema „Fließen der Identitäten“ eingesendet wurden, machten es der Jury nach eigener Aussage schwer, die geeignete Auswahl für die 6. Ausgabe der diesjährigen Ausschreibung zum Gedichtwettbewerb des Geest-Verlages zu finden. Nachvollziehbar, denn allein das, was ich in dem Bändchen lesen darf, ist wahrhaftig zu empfehlen. Schreibtechnisch gesehen ist dem Ganzen nichts hinzu zu fügen. Hier waren Menschen am Werk, die genau wussten, was sie wie taten, was sie uns sagen möchten. Das ist Lyrik.

    Mein Glückwunsch gilt nicht nur den 3 Bestplatzierten, sondern allen Autoren sowie Stefan Hölscher.

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