Ein Totschlag

    von Travis Millin

    Allmählich verlassen ihn die Kräfte.
    Nicht erst seit heute, nicht erst seit gestern, nicht erst morgen, wenn er – ohne es jemals gewollt zu haben, oder es morgen gewollt haben wird – eine Tötung vollzieht. Dass ihn – allmählich – die Kräfte verlassen, ist eine Feststellung, die auf einen längeren Prozess hindeutet, der bald, nämlich morgen, abgeschlossen sein wird. Lange war er stark, lange hielt er sich, er war widerstandsfähig.
    Dass es heute diesig, grau und zugezogen ist, dass es morgen in Strömen regnen wird, ist dabei völlig belanglos. Er hat Vieles gesehen: Die brennende Hitze der flimmernden Scheibe, die ihre Glut auf ihn wirft, welche er in seiner Schwärze gierig aufsaugt, das tiefe Blau über ihm, den anthrazitfarbenen Wolkendunst, aus dem mitunter Donner und Blitze bersten.
    Er hat die Winde erlebt, die an seinen Grundfesten rütteln, er wurde verfärbt von ätzendem Vogelkot. Er kennt die Sterne der Nacht, ohne sie benennen zu können – aber wer kann das schon.
    Das bleiche, wechselhafte Mondgesicht, das sich kalt auf ihn wirft. Die sanften, leicht kratzigen Vogeltatzen, die ihn kitzeln mit ihrem Umhergetappe, das ihn kaum berührt. Er fühlt Tropfen und Hagel, den grausamen Frost und den weichen frierenden Schnee. Seit vielen, vielen Jahren.
    Er hört im Hof spielende Kinder, den Verkehr der nahen Hauptstraße und die Glocken des Kirchturms. Die streunende Katze, die mit ihrem Gesang seit zwei Jahren die umliegenden Nebenstraßen belebt. Bellende Hunde und kläffende Anwohner. Lachen.
    Rufe – stets weit unten.
    Die Spaziergänger, die geschäftigen Leute, die ihre Einkäufe erledigen. Sieht Flugzeuge kreuzen und Vogelschwärme ziehen.
    Jetzt, am nächsten Morgen, als seine Kräfte ihn vollends verlassen haben, rutscht er zunächst schrittweise, um dann im freien Sturzflug – das Gehörte erstmals flüchtig betrachtend und einmal nicht in die Atmosphäre starrend, sondern schnell Hof und Straße erblickend – fällt also der alte Dachziegel, am Boden zerschmetternd die singende Katze erschlagend.
    Und zerbricht!

     

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