Der einäugige Gundolf

    von Guntram Wette

    »Ey, pass doch auf, Max! Wenn die Flaschen kaputt sind, haben wir den Weg hierauf umsonst gemacht.«
    Mein Atem geht schwer, Schweiß rinnt über die Wangen. Der Weg durch den Wald hinauf zur Anhöhe strengt an. Jedoch erstrahlt vor uns als Belohnung die Ruine der alten Burg Schauerstein in der Abendsonne.
    »Schieb mal keine Panik, Philipp! Ich bin nur über diese blöde Baumwurzel gestolpert.«
    Prüfend tastet Max den Rucksack ab, der mit Bier und Zigaretten bestückt ist.
    »Alles noch heil, Mann! Komm, wir setzen uns auf die Steine da vorne!«
    Max holt zwei Flaschen hervor, öffnet sie mit dem Feuerzeug und reicht eine herüber.
    »Auf die Ferien, Alter! Boah, ist das geil.«
    Wir prosten uns zu, nehmen den ersten kühlen Schluck. »Sechs Wochen keine Schule – und vor allem keine Lehrer.«

    Auf den vom Sommertag erwärmten Steinen nehmen wir Platz, hängen mit der Burgruine im Rücken unseren Gedanken nach. Minuten vergehen, ohne dass einer von uns ein Wort verliert. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen den Wald in tiefgrünes Licht, das Bier im Bauch lässt den Körper entspannen. Ein friedlicher Anblick.
    Es raschelt und knistert. Max hält mir die offene Packung Zigaretten hin.
    »Nun können wir den ersten Abend ungestört begießen.«
    Seine Hand deutet auf die alte Burg.
    »Um diese Zeit kommt hier oben bestimmt keiner mehr her. Der einäugige Gundolf schreckt die meisten ab.«
    »Häh, wer?« Ich nehme einen Zug und schaue meinen Freund fragend an.
    »Sag mal, Alter, kennst du nicht den einäugigen Gundolf? Ah ja, du bist ja nur zugezogen. Also, pass auf! Mein Opa hat mir früher die Geschichten der alten Burg erzählt. Vor 400 Jahren gab es hier in der Gegend einen furchtbaren Raubritter. Der zog eine blutige Spur durch den Landkreis und plünderte viele Schlösser und Burgen aus. Bis er zur Burg Schauerstein kam. In seiner Gier wollte er auch deren Goldschatz stehlen. Es war eine düstere Nacht – solch eine, wie sie uns heute erwartet, huaa – als seine Schergen und er die Burgmauern erklommen. Sie überwältigten die Wachen, wähnten die restlichen Bewohner im Schlaf. Doch Herzog Berthold war vor den Schurken gewarnt worden, stellte ihnen eine Falle. Und dann …«
    Es gluckert, Max nimmt einen großen Schluck, schnippt die Kippe weg.

    Autsch!

    Während ich Max Geschichte angespannt gelauscht habe, ist unbemerkt meine Zigarette heruntergebrannt. Ich lasse sie fallen, trete sie aus.
    »Und was dann …?«, frage ich wissbegierig, drehe mich verstohlen zu den Ruinen um.
    »Dann kamen die Ritter von Schauerstein aus ihren Verstecken, überwältigten die Bösewichter, brachten alle um. Bis auf einen, Gundolf. Der verlor im Kampf nur ein Auge, blieb ansonsten unverletzt. Aber das war der Plan, der Burgherr hatte etwas Besonderes mit dem Raubritter vor.«

    Ein leichtes Kribbeln macht sich im Nacken breit. Ich drehe mich weiter zu der alten Burg um, tauche in das Gehörte ein. Fast meine ich, die Ritter zwischen den Mauern kämpfen zu sehen, das Klirren der Schwerter und die Schreie aus vergangener Zeit zu vernehmen. Ich trinke hastig einen Schluck, verschlucke mich und huste.
    »Herzog Berthold ließ Gundolf in Ketten legen und auf den Burghof zerren. Dann gab er den Befehl, und der Einäugige wurde mit heißem Pech übergossen. Bis hinunter ins Tal waren die Todesschreie des Raubritters zu hören, stundenlang.«
    »Kraaah!«, erschallt es vom Waldrand.
    Meine Schultern zucken reflexartig in die Höhe, Eiswürfel rinnen über den Rücken. Im Dämmerlicht steigt etwas Schwarzes aus den Baumwipfeln empor, kräht noch einmal und fliegt davon. Mit zitternder Hand führe ich die Flasche an den Mund.
    »Verdammt, jetzt ist mir schon ein wenig unheimlich geworden.«
    »Alter, das ist nur eine Geschichte. Du glaubst den Quatsch doch nicht etwa?« Max lacht laut auf, schlägt mir auf die Schulter. Dann hält er mir die Flasche hin, wir prosten uns zu: »Auf den Sommer – und auf Gundolf!«

    – – –

    Als der Mond sein Licht auf die Burgruine wirft, öffnen wir die dritte Flasche. Mittlerweile erzählen wir uns Anekdoten aus dem letzten Schuljahr, grölen und lachen dazu. Da ertönt ein lang gezogener Schrei. Hinter uns, in den Ruinen. Erschrocken springe ich auf, verschütte das Bier. Mein Herz schlägt wild in der Brust, wie ein Hammer pocht es gegen die Rippen.
    »Was … Was war das? Der einäugige Gundolf?«
    Nur mühsam bringe ich die Worte heraus. Räuspere mich, da mir die Stimme versagt.
    Da ertönt schon wieder dieses »Ahhhhhhhhrrrrrggg!«. Schaurig hallt der Schrei durch die alten Mauern. Der Laut ist verzerrt, man erkennt weder ein Wort noch eine Stimme. Ob Mensch oder Tier, irgendetwas verbirgt sich in den Ruinen.
    Meine Hände werden feucht, im Hals bildet sich ein Kloß.

    Ich will nur weg hier!

    »Hm, könnte ein Tier sein? Oder der Geist von Gundolf?«, flüstert Max und grinst mich an.
    »Vielleicht schleicht er durch das Gemäuer auf der Jagd nach Opfern.« Leicht schwankend vom Alkohol steht er auf, streckt die Arme aus, die Hände zu Klauen geformt. Den Kopf schräg haltend, die Augen verdreht und mit heraushängender Zunge wankt er auf mich zu.

    »Uuuaaarrrhhh!«

    »Bist du bescheuert?«, schreie ich ihn an.

    Verdammt! Hoffentlich hat das keiner gehört.

    »Lass uns abhauen! Was, wenn er Jagd auf uns macht?«, flüstere ich.
    »Wenn das der Einäugige ist, treten wir ihm fest in den Hintern und reißen ihm sein anderes Auge raus. Komm, wir schauen mal nach!«
    Zielstrebig betritt Max das Innere der Ruine.

    Was soll ich nur tun? Lauf weg!

    Aber ich kann den Freund nicht im Stich lassen, ihn seinem Schicksal überlassen. Mit Gummi in den Knien setze ich langsam einen Fuß vor den anderen, folge ihm. Reste der ehemaligen Innenwände stechen ins Auge, die meisten sind hüfthoch. Der Boden ist mit Schotter und Holzbrettern bedeckt. Von einem Lebewesen, geschweige denn von einem Geist, ist nichts zu sehen.
    »Hallo, Gundolf, du alter Schluffen. Zeig dich, wenn du dich traust!«

    Hat der Alkohol Max jetzt völlig das Hirn vernebelt?

    Ruckartig drehe ich den Kopf in alle Richtungen, checke die Umgebung nach einer Bewegung ab. Das Kino im Kopf springt an. Ich sehe förmlich eine Gestalt hinter den Mauern hervortreten. Ein irrer Killer wie Michael Myers, mit einer schaurigen Maske und einem riesigen Messer. Er kommt auf mich zu, schlitzt mir den Bauch auf, von oben bis unten. Gedärme drängen wie dicke Würmer aus meinem Leib. Wie von selbst legt sich meine Hand auf den Bauch, tastet den Körper ab. Der Magen zieht sich vor Aufregung zusammen. Trotz der abendlichen Kühle ist mein Gesicht schweißnass.
    »Lass den Scheiß!«, flüstere ich Max zu. Er schaut mich nur an.

    Die nun folgende Stille wird abrupt von einem erneuten Schrei unterbrochen.
    »Hüüüüüüülllllfffffffeeeeeee!«
    Das kommt von irgendwo vor uns. Doch ich sehe niemanden.
    Vorsichtig schleicht Max weiter und entdeckt irgendwas am Boden.
    »Da vorne ist ein Krater. Vielleicht das Grab von Gundolf.«
    »Ahhhhhhhhrrrrrggg!«, ertönt es aus dem Schacht.
    Ich zucke bei dem schaurigen Schrei zusammen, springe einen Schritt zurück. Das Herz pocht laut, schnürt mir die Luft ab. Die Lippen beben, Furcht übermannt mich.
    »Lass uns abhauen, schnell! Wenn der hochkommt und uns schnappt, dann …« Meine zittrige Stimme erstirbt in einem Gejammer.
    »Dann macht er gar nichts.«
    Max zieht das Smartphone hervor. »Warte, ich leuchte mal! Will doch mal sehen, wie so ein alter Raubritter aussieht.«
    Die Taschenlampen-App lässt ihr Licht über den steinigen Ruinenboden wandern. Dann verschwindet der Schein in der Tiefe.
    »Oh, mein Gott!«, entfährt es Max. »Oh, mein Gott! Wie kommt denn …«
    Versteinert starre ich zu Max herüber, der vor dem Krater hockt und hinunterblickt.

    Was hat er nur entdeckt?

    »Jetzt schau dir das an! Mir scheint, Gundolf hat heute schon ein Opfer
    bekommen.«
    Er sieht zu mir hinüber, grinst. »Komm, Phil! Hier ist kein Geist.«
    Zum Loch gewandt ruft er: »Hallo Frau Pichler, alles in Ordnung? Können wir Ihnen helfen?«
    Erst jetzt bemerke ich die zerbrochenen Holzbretter am Rande des Kraters.
    »Wer ist denn da? Bitte helft mir!«, dringt eine Frauenstimme aus der Tiefe herauf.
    Als ich eine bekannte Stimme höre, gehe ich zu Max und linse vorsichtig über den Rand. Das Licht des Smartphones wirft den dünnen Strahl direkt in ein blutverschmiertes Gesicht, das zweifellos Frau Judith Pichler, unserer Klassenlehrerin, gehört.
    »Max und Philipp sind hier, Frau Pichler. Was machen Sie denn da?«
    »Philipp, Max? Gott sei Dank! Könnt ihr mir raufhelfen? Mein Knöchel ist verstaucht oder sogar gebrochen. Und den Kopf habe ich mir auch gestoßen.«
    Vorsichtig knien wir uns am Rand nieder und schaffen es nach einigen Anläufen, die Lehrerin aus der misslichen Lage zu befreien. Einen Anruf beim Notarzt lehnt Frau Pichler ab, ruft dafür ihren Mann, einen Hausarzt, an, um sie abzuholen.
    »Was machen Sie hier eigentlich so spät allein an der alten Burgruine? Das ist doch sehr gefährlich im Dunkeln.« Max hat das Wort übernommen, während die Angst langsam von mir abfällt. Mein Atem wird ruhiger, ich wische mir den kalten Schweiß von der Stirn.
    »Ach Jungs, ich wollte für das kommende Schuljahr recherchieren. Also bin ich heute Nachmittag hier hochgekommen, um für Geschichte einen Ausflug zur Burg Schauerstein zu planen. Das alte Gemäuer steckt voller Legenden, wisst ihr? Beim Rundgang bin ich in dieses Loch gefallen, als die Bretter durchbrachen. Lange habe ich um Hilfe gerufen, aber niemand kam. Und in dem Krater gab es keinen Handyempfang. Irgendwann bin ich vor Erschöpfung eingeschlafen. Als ich wieder aufwachte, war es bereits dunkel. Beim Versuch, aus dem Loch zu klettern, habe ich dummerweise den verstauchten Fuß zu sehr belastet. Dann hörte ich Stimmen und ihr kamt.«

    Sie schaut uns an, lächelt verschmitzt.
    »Was ihr hier macht, frage ich besser nicht. Ich bin ja froh, dass ihr mich gefunden habt. Vielen Dank für die Rettung! Aber trinkt demnächst nicht zu viel Bier – sonst seht ihr noch Geister.«

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