Philipp Böhms Schellenmann als Literarisierung eines kaum beschreibbaren Gefühls

    von Oliver Bruskolini

    Philipp Böhm, Schellenmann, Roman, Verbrecher Verlag, Berlin 2019, 1. Auflage, ISBN 978-3-95732-374-3, Hardcover, 224 Seiten, 20,00€.

    Der trockene Sommer liegt über der Stadt und drückt die Bewohner wortwörtlich zu Boden. Die Eichhörnchen fallen tot von Bäumen, die Kühe sterben einen seltsamen Tod. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Stimmung kippt und die Einwohner durchdrehen.

    In ihrer Mitte existiert Jakob. Man muss von existieren sprechen, denn es liest sich nicht, als ob er lebt. Maschinenähnlich geht er seinem Alltag nach, dem Job in der Fabrik, der beklemmenden Existenzfrage, der Verfolgung durch den Schellenmann und der einer Besessenheit gleichenden Freundschaft zu Hartmann. Doch Hartmann bricht aus der Routine aus und wirbelt Jakobs Leben damit zunehmend durcheinander.

    Philipp Böhm wurde 1988 geboren. Damit trennen uns fünf Jahre. Dennoch würde ich mich soweit aus dem Fenster lehnen, ihn als Kind der Neunziger zu bezeichnen. Zumindest schafft er es in seinem Roman Schellenmann ein Bild in mir zu wecken, das mir und vielen gleichaltrigen Menschen um mich herum vertraut vorkommt. Sollte man es graphisch beschreiben, gliche es einer verworrenen Linienzeichnung eines Kindergartenkindes in den verschiedensten Farben. Schlicht, turbulent, chaotisch.

    Es beschreibt das Leben in einer Gesellschaft, in der einem alle Möglichkeiten offenstehen. Jeder Traum ist erlaubt, jedes Ziel kann verfolgt werden. Doch diese vermeintliche Freiheit wirkt wie eine Gefangenschaft, denn die Vielzahl der Optionen lähmt einen und lässt die verzweifelte Frage aufkommen, wer man eigentlich ist und was man eigentlich will. Diese Frage wirkt lähmend und weckt den Wunsch, anzukommen.

    Auch Jakob möchte ankommen. Während alle in der Fabrik von ihren Lebensträumen berichten und sich ausmalen, wie es wäre, weiterzuziehen, fragt er sich, ob es verwerflich ist, mit dem Ort, an dem man sich befindet, und der damit einhergehenden Stagnation zufrieden zu sein. Jakob gleicht dabei der personifizierten Resignation vor den Turbulenzen des Lebens.

    Dass diese Einstellung nicht spurlos an der Psyche eines Menschen vorbeigeht, zeigt sich letztlich in einer weiteren Personifikation. Die namengebende Figur des Romans, der Schellenmann, liest sich wie eine verkörperte Angststörung. Immer wieder taucht er auf, verfolgt Jakob mal mehr und mal weniger intensiv, stellt eine durchgehende Bedrohung für Jakobs Sicherheitsempfinden dar, ehe es letztlich zu einer Art Aussöhnung kommt.

    Entfernt erinnert Philipp Böhms Schellenmann an einen modernen Bildungsroman, an eine Adoleszenzerzählung eines jungen Menschen, der seinen Platz im Leben sucht und finden muss. Ausgelöst wird der Bildungsprozess durch Hartmanns Verschwinden, das Jakob dazu veranlasst, sich selbst zu hinterfragen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Leben Bewegung bedeutet.

    Es ist interessant, zu lesen, wie Philipp Böhm eine Gesellschaft der Oberflächlichkeiten skizziert, wie demonstrativ er aufzeigt, dass sich ein bewegtes Innenleben kaum in Dialogen ausdrücken lässt, dass vermeintlich offene Ohren, vermeintlich stabile Beziehungen Illusionen sein können, während vermeintlich unscheinbare Begegnungen ein Gefühl von Tiefe erzeugen können.

    Schatten huschen durch die Straßen, verirrte Gestalten, die so schnell wie möglich nach Hause finden wollen. Jakob denkt, dass jede zufällige Begegnung zu dieser Tageszeit sofort eine Frage zwischen beide Passanten wirft, die stumm aneinander vorbeigehen. Es könnte daran liegen, dass es so wenige sind, die so spät noch unterwegs sind, so dass jede dieser Begegnungen ein Ereignis wird, auf das man sich schon einige Meter vor dem Zusammentreffen vorbereitet, um dann beschämt den Kopf zu senken (S. 146/147).

    Dieser Ausschnitt zeigt wunderbar, was Schellenmann ausmacht. Es sind kleine Beobachtungen, die innerlich reflektiert werden, einen Schluss auf das große Ganze ermöglichen, aber keine konkrete Artikulation finden, weil die Hemmschwelle der Figuren stets zu hoch ist. Im Verhalten und in den Gesprächen werden nur die Oberflächen gestreichelt, während sich im Innenleben Abgründe auftun, die mehr als überlegenswert sind. Philipp Böhm hat es geschafft, ein schwierig zu beschreibendes Gefühl zu literarisieren. Vielen Dank für diesen Input.

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