Gedanken eines Kulturreporters aus dem Dreiländereck (Region Basel) zur Ersten Kölner Kulturnacht

    Berichtender Kommentar von Matthias Jecker

    Passend zum Tag, an welchem die Erste Kölner Literaturnacht stattfindet (4.5.2019), bringt die taz ein Zitat von Ariadne von Schirach, welches einerseits den Zauber erklärt, welcher von vielen Lesungen und Performances ausgeht, andrerseits auch die Einsamkeit der Autoren, die sich mit ihren Werken in der Weite der intellektuellen Landschaft verlieren und durch ihre Teilnahme an dieser Veranstaltung mehr Beachtung zu finden hoffen.
    Von Schirach sagte: „Wenn die Ökonomisierung die Alchemie der Entfremdung ist, ist das Poetische die Alchemie der Aneignung“.

    Ob um 16 Uhr in den nüchternen Räumen der katholischen Pfadfinder oder um 23 Uhr bei Wein und Salzgebäck zwischen den wie absichtslos mit literarischen Klassikern befüllten Regalen der Kultbuchhandlung „Bittner“, immer schwebt der Hauch selbsternannter Poesie über den Köpfen der Insider, welche sich zum Dienst am Altar eines allumfassenden, alles vereinigenden Geistes getroffen haben, an Orten, die für den Ortsfremden nur mit Mühe zu finden sind, der anstelle eines brauchbaren Computerausdrucks eines versprochenen Stadtplans nur eine absolut nutzlose, immerhin sehr poetische Miniatur-Himmelskarte der „Stars“ des Abends ausgehändigt gekriegt hat. Zitat: „Wir dachten nicht, dass Leute von so weit her zu uns kommen…“
    Eine danach in der lokalen Zeitung getane Äusserung aus dem Kreis der Organisatoren macht mir klar, dass ich echt durch einen unglücklichen Zufall in diese Schar der Gläubigen geraten bin: „Die Literaturnacht spielt in viele Richtungen – sie zielt auf das Publikum, wirkt in die Szene hinein und zeigt der Kulturpolitik und Verwaltung, was hier los ist. Der Verein will ausdrücklich auch Lobby-Arbeit betreiben – für die Literatur. Wir brauchen nämlich eine starke Unterstützung in der Verwaltung und in der Kulturpolitik. Die Literatur hat ja einen der kleinsten Posten im Kölner Kulturetat. Da kann man dann schon einmal fragen, ob das so angemessen ist.“ (Interview im Kölner Stadtanzeiger)
    Hoffen wir, dass der ganzheitliche Ansatz mit Einbezug der Literatur ohne Passanten zu fragen (Häufigste Antwort: „Oh, da sind Sie ganz falsch mit Fragen, denn wir sind nicht von hier.“) an die passenden Dock in der Verwaltung anlegen und Brücken schlagen kann, obwohl sich Köln mit Brücken eher schwer tut.

    Und gehen wir zurück zum Tatsächlich Gesehenen und Gehörten. Zunächst der Besuch bei der Avantgarde der kommenden Jahrzehnte: Sebastian Loh zeigt und erzählt per Beamer auf Leinwand seine poetische, weil weltfremde und sprachspielerische Bilderbuchgeschichte „Der Fuchs, der keine Gänse fressen wollte“. Fünf verzückte Erwachsene und ein zurückhaltender kleiner Junge hören zu und stellen sich nach der Lesung der kindgerechten Aufgabe, die Geschichte rückwärts zu erinnern. Das klappt alles toll, dem Autor ist Erfahrung anzumerken. Und die wunderschönen Bilder verleiten zu einer Sicht auf die Wirklichkeit, mit der sogar Gänseblümchen als Gänse herhalten können.
    Etliche Fusskilometer weiter platzen die schönen Seifenblasen, die uns Loh aus dem Trog der Kinder-Literatur geschöpft hat, im Nu, als sich einem grauhaarigen
    Publikum zwei Damen gegenüber setzen, welche mit mässigem Erfolg Texte von Ulla Hahn gegen die miserable Akustik des Spielortes verteidigen. Zum guten Glück hat Ulla Hahn vorausgesehen, dass die Atmosphäre im Raum bei einer Wasserglas-Lesung schnell mal einschläfernd wirken könnte, und baute in ihren Text über das Lesen der Stadt viele Wiederholungen ein, an denen man sich entlanghangeln kann.
    Was allerdings Frau Hahns Seelenzustände mit dem Literaturétat der Stadt Köln zu schaffen haben, wurde dem Ortsfremden nicht klar. Mag sie für sich in der Poesie die Aneignung gefunden haben, ein wenig Entfremdung, ein wenig weniger „Kunst ist eine Tatsache“ hätte wohlgetan.

    Dem folgte zum Glück ein echtes Leckerchen, als in der Lengfeldschen Buchhandlung Helge Heynold mit kongenialem Schmunzeln Bölls Doktor Murke
    vortrug. Plötzlich verstand man, dass Aneignung auf dem an sich fruchtlosen Weg der poetischen Schreibweise durchaus auch Spass machen kann. Und Spass, Lachen bleibt nie ohne Folgen (welcher Kölner würde da widersprechen?). Ausserdem lachte aus einem der Regale das Gesicht von Edna St.Vincent Millay herunter, deren Gedichte leider amerikanisch, nichtsdestoweniger aber (oder vielleicht deshlab) ein gewichtiger Kontrapunkt zu Hahns verquasten Versen moderner Lyrik sind.
    Zuletzt wollte ich mir ein Bild machen von der heutigen Avantgarde. „Parasitenpresse“ klang vielversprechend. Der Mensch und sein Denken und Fühlen würden nicht funktionieren ohne Parasiten, nicht wahr? Nun stellt sich die Frage, ob die Parasitenpresse der Menschheit zu Liebe das Selfpublishing erfunden hat. Die vorgelesenen Texte waren teils nicht ohne einen gewissen Hang zu kreativen Irrungen, wie sie der Literaturetat offenbar so dringend braucht. Teils von einer so auffälligen Banalität, dass sich wieder eine neue Frage stellt: Haben im menschlichen Denken nicht längst die Viren gänzlich das Kommando übernommen? Was geschieht, wenn immer wie massiger Texte aus Facebook in Buchhandlungen finden? Gibt es dann eine Zweite Kölner Literaturnacht?

    Gibt es die, so wären die Besucher, welche nicht ganz gezielt die Lesung des Onkels oder der Enkelin anpeilen, dankbar für eine nutzbare Übersicht der Veranstaltungsorte und -zeiten und eine gut redigierte Beschreibung der Inhalte.

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