Berichte von der Insel – 9. Sportskanonen

    Eine Prosaminiatur von Walther

    Es gibt in der Rehabilitation eine Zweiklassengesellschaft. Da sind zum einen diejenigen, die die Deutsche Rentenversicherung (DRV) in die Reha schickt, um ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Auf der anderen Seite stehen jene, die die Krankenkassen zur Wiederherstellung der Gesundheit „rehabilitieren“ lassen – deren Arbeitsfähigkeit, da nicht mehr im Produktionsprozess, also nicht in Arbeit (oder potentieller), keine Rolle mehr spielt. Das ist zwar sicherlich eine grobe Vereinfachung, diese Beschreibung trifft aber für ca. 90% der Kurenden zu.
    Der Unterschied besteht darin, dass die von der Rentenversicherung Entsandten eine Sechs-Tage-Tage- und die von den Krankenkasse Eingeladenen eine Fünf-Tage-Woche haben. Den Bediensteten der Reha-Kliniken verdirbt das ein wenig das Wochenende, weil sie, besonders die Physio- und Psychotherapeuten, Ärzte, Assistentinnen und weitere Betreuerinnen und Betreuer ebenfalls am Samstag arbeiten müssen, dem sechsten Werktag also, den wir sonst immer einen Quasi-Sonntag mit Ladenöffnung und ohne Kirchgang verwandelt haben, denn „Samstags gehört Vati mir!“. Stand auf den Gewerkschaftsplakaten. Da steht viel. Aber das stand jetzt da nicht mehr.
    „Vati“ sagt heute keine Sau mehr. Das heißt jetzt „Alter“ oder „Dad“.

    Also samstagmorgens Sport. Warum auch nicht. Schließlich wollte ich gesünder und schlauer, wenigstens was meine Krankheit anlangte, nach Hause kommen. Die Sache hatte nur einen Haken. Der Morgen war die Ausgabe von „Sehr-früh-am-Morgen“, also Sport um kurz nach Mitternacht, wie ich meiner daheimgebliebenen Liebsten am ersten Freitagabend per Chat mitteilte. Die, knochentrocken, zurückschrieb: Der frühe Vogel fängt den Wurm.
    Genau, sie schrieb: Wurm.
    Sie meinte wohl den Sandwurm. Ein komischer Vogel, so ein Sandwurm. Wenn man am Strand entlanggeht und sich die See wieder aus dem flachen Sandwatt, das bei Ebbe trockenfällt, zurückzieht, sieht man ihre Löcher. Wirklich zu sehen bekam ich keinen. Wahrscheinlich waren sie durch die Möwen, Enten und Rabenkrähen gut trainiert im rasend schnellen Kopfeinzug.
    Jedenfalls waberten, wenn ich aufstand, noch Reste der Nacht durch das morgendämmrige Sichtfeld, das ich wie jeden Morgen aus meinem Fenster im zweiten Stock des Altbaus per Foto dokumentierte. Es gab noch kein Frühstück, da sich zur Zeit der Aerosol-Gymnastik am Strand gerade die Familien mit Kindern den Speisesaal der Fachklinik belegten. Der zweite Speisesaal wurde – wie bedauerlicherweise auch das Schwimmbad – gerade renoviert. Eine Fachklinik an der Nordsee ohne Meerwasserbad bei gleichzeitig geschlossenem Insel-Meerwasser-Wellenbad, das war sozusagen der Reha-technische Wasserspiele-Super-GAU. Meiner Stimmung tat das keinen Abbruch, der einiger anderer aber schon. Die Beurteilungen werden es in dieser Hinsicht in sich gehabt haben.
    Auch gut, das Leben ging weiter.
    Meiner einer ohne Frühstück, das ging – und geht! – unter gar keinen Umständen. Dafür wurde die Bananenreserve, erworben im örtlichen Spar-Franchise als Grundstock, angereichert mit Kir und Walnüssen sowie ein Spritzer Honig, zum Überlebenspaket. Ich jedenfalls kann meine morgendliche Pillenration nicht auf nüchtern Magen einnehmen, da bin ich anschließend mindestens eingebildet todkrank. Aktion ohne Frühstück kann man ebenfalls bei mir zur Gänze löschen.
    Und Sport ohne Brennstoff? Never ever, wie das meine große Kleine (Tochter) sehr treffsicher formuliert hätte.

    Nach der Energiezufuhr ging es an die Schichttechnik der Strandsportbekleidung. Untenrum: lange Skiunterhose, Sporthose, Langsporthose, warme Socken. Obenrum: Sportshirt, Sportpulli, Sportanorak mit Kappe, Schweißband, Sportbrille und Wollschal. Immer dabei: Lederhandschuhe, in Ermangelung von Sporthandschuhen, feste Allwettersneaker, wasserundurchlässig, extra-oft imprägniert (Spray war dabei für den Fall der Fälle). Handtuch ebenfalls, weil man sofort nach dem ersten Strandauslauf sich etwas kommod rubbeln sollte, wenn man gleich zum Frühstück hetzt, um gleich nach dessen Einvernahme die nächste Sporteinheit, wieder am Strand, aber diesmal Nordic Walking, durchzuziehen.
    Stand so auf dem Programm. Drei liebe Samstage lang. Danach Meerwasserinhalation, dann Pause bis elf und einmal Pilates und noch eine Runde Entspannungsgymnastik.
    Man gönnte sich ja sonst nix.
    Jedenfalls gab es an diesem Samstag wegen des tieffliegenden Schneesandgemischs, das über Sand und Strand und Strandpromenade peste und echtem Wintersturm der mittleren Gewichtsklasse zwei Strandspaziergänge, die gegen den Wind bereits fortgeschrittene Atemnot produzierten. Dennoch taten diese beiden Einheiten richtig gut, man kann das nicht glauben, wenn man es nicht selbst ausprobiert hat. Ja, es gab kein schlechtes Wetter, es gab nur falsche Klamotten und die falsche Einstellung. Die nächsten beiden Sonnabende verliefen dann wie ausgeschrieben. Auch diese beiden Einheiten habe ich richtig genossen.

    An diesem Tag hatte ich die Gelegenheit, mit zwei COPD Patienten zu parlieren, die ebenfalls an den Sporteinheiten teilnehmen sollten. COPD ist nichts anderes als das besser bekannte Lungenemphysem. Als Medizinlaie kann man es auch Bronchialasthma in der Luxusausführung nennen. Im Prinzip steckt eine permanente Verkrampfung der Bronchien dahinter, die mit einer vermehrten Schleimbildung einhergeht. Daher auch der sogenannte „Raucherhusten“, denn irgendwie muss, erstens, der Schleim aus der Lunge abgeführt werden und, zweitens, die meisten COPD-Erkrankungen sind das Ergebnis langen und starken Rauchens. Es gibt zwar auch andere Verursacher (Staub- und Asbestlunge usw.), die meist vom Arbeitsplatz herrühren, diese sind aber durch die modernen Arbeitsschutzbestimmungen glücklicherweise zur extremen Seltenheit geworden. Man mag mich jetzt der groben Vereinfachung zeihen, sollte dabei aber bedenken, dass ich nun einmal nicht der aussterbenden Profession der Pneumologen angehöre.
    Bei solchen Aktivitäten – und auch sonst beim Kaffee im Spiegelsaal der Fachklinik – ergaben sich Gespräche über den jeweiligen Befund, die Lungenkapazität und Erfahrungen sowie Hilfestellungen, die das Leben mit der eingeschränkten Lungenkapazität erleichtern oder gar verbessern können. Der Austausch mit Schicksalsgenossen ist eine Methode des Erfahrungstransfers – die Damen und Herren Doctores sind meist mit der Symptomatik und der Verschreibung chemischer Keulen voll ausgelastet; eine chronische Krankheit jedoch erzwingt in erster Linie Verhaltensänderungen, die vielleicht in Arztgesprächen angedeutet werden; Sport als solcher ist wie die Arznei- und Hilfsmittel nützlich und nötig, aber damit allein wird nicht der Rahmen geschaffen, mit der Krankheit zu leben. Nebenbei gesagt ist wesentlich, die richtige, dem Zustand des Körpers und dem Grad der Erkrankung angemessene Form der sportlichen Betätigung zu erfahren, um nach der Reha sein Sportprogramm darauf aufbauen zu können. Hier besteht eine erhebliche Nachbetreuungslücke.
    Wobei es eine ganz wichtige und notwendige Nebenbedingung, ja, Voraussetzung ist, sie, die Krankheit, erst einmal als unveränderlichen Teil des eigenen Lebens anzunehmen und sie auch innerlich in dieses Leben hineinzulassen; sie gehört ab ihrer eindeutigen Diagnose sozusagen zur eigenen Person wie eine schiefe Nase, abstehende Ohren, X-Beine und die Kurzsichtigkeit samt Altersweitsicht. Man kann sie, das ist das Dramatische, nicht einmal durch eine Schönheits-OP wieder loswerden.
    Was ich dort erfuhr, hat mir mein eigenes Schicksal als vergleichsweise erleichtert und mich Bescheidenheit in Sachen Selbstmitleid gelehrt. Wenn mal die Lungenkapazität bei 60% oder sogar weniger angelangt ist, kann man erstmal ermessen, was 85% Lungenkapazität wert ist. Die selbstbeobachtete Atemnot und Sauerstoffknappheit, die einen viel schneller ermüden lässt als früher, relativiert sich erheblich. Wenn man, bei unter 50% oder gar 30%, auf einmal nicht einmal mehr ohne Pause die Treppe in den ersten Stock hinauslaufen kann, weiß man erst, was gutes Atmen für eine Lebensqualität mit sich bringt. Noch schlimmer ist es, wenn man nachts sogar ein Atemgerät braucht, denn nicht selten ist eine COPD mit Atemstillständen verbunden, weil die Erkrankten nicht nur zu viel geraucht haben, sondern auch noch erhebliches Übergewicht mit sich herumschleppen.
    Ich habe gelernt, mich daran zu erfreuen, wie gut ich noch durch die Gegend rennen kann, wenn ich meine Medikamente in der verschriebenen Weise nehme und regelmäßig trainiere. Und ich habe verstanden, wie bedeutsam es ist, weiter abzunehmen, um den Körper beim täglichen Tun und auch nachts beim Atmen zu entlasten. Jede Fettschwalle, jedes Kilo über den Durst, macht es der Lunge schwerer, nach Luft zu schnappen. Es wäre äußerst vernünftig, wenn man das von seinem Hausarzt einmal freundlich gesagt bekäme und dieser als Vorbild selbst seinen eigenen halben Zentner Übergewicht loswürde. Dann würde er wahrscheinlich nicht mehr hinken und weniger schnell außer Atem kommen.

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