Von wegen Dichter

    Von wegen Dichter

    von Markus Virck

    Ach, wie fange ich an? Weiß ist das Blatt Papier, leer der Kopf, die Füße sind kalt, doch voller Zuversicht tauche ich die Feder ins Tintenfass, leise summt der Samowar, ich schlürfe den dampfenden Tee, die Tinte ist noch feucht, die Worte gleiten aus der Feder aufs Papier, der Magen knurrt, in der Ecke glüht der Ofen. Da stehen ein paar Worte, belanglose Worte, Schöpfungen einer erschöpften Fantasie, vor dem Erblühen schon verwelkt.
    Ich sitze an dem alten Küchentisch, bei jeder Bewegung knarrt der Stuhl, dazu singt leise der Samowar, die Feder kratzt über das Papier, bis zum Abkratzen, versickernder Tintenfluss, innehalten, Wort für Wort dem Herzen entrissen, Hemdsärmel verschlissen, Berge von Büchern tummeln sich in Regalen, Lesezeichen zwischen Schriftzeichen, der Weg durch den Wald, ein Gang voller Gedankengänge, Zeiten ändern sich, Ereignisse umzingeln mein Herz, versinken unbeschrieben im Erinnern vergessener Träume, bleischwere Gedanken, federleichte Freuden, Wolken ziehen dahin, Gefühle verschwimmen im Morgendunst.
    Leicht hat’s einen, doch schwer ist es, ein undichter Dichter zu sein. Ich bin nicht ganz dicht, das Undichte mit Dichtungen abdichtend, aber ich möchte ein großer Dichter sein, bin aber nur ein kleiner Dichter, nur ein Meter vierundsechzig groß, ein kleines Dichterlein, aber große Worte schwirren durch den Kopf, wirbelnde Ideenstrudel im Sog des alltäglichen Vergessens, zwischen Zeilen gebannte Gedankenfetzen, in die Tastatur gehackt, digitale Datensätze, bis der Speicher platzt, in der Küche brummt die Espressomaschine, Öl aus der Mühle für ermüdete Gedankenketten. Der Dichterkopf, gefangen in tastenden Gedankengespinsten. Einfältig surrt der Rechner, klappernd empfängt die Tastatur das Totengebein meiner Worte.
    Der Dichter ist immer auf der Suche nach Ideen, sie laufen davon, verstecken sich in Gedächtnisfalten, vermodern zwischen grauen Zellen, doch dann ein Traum, der Traum von der großen Liebe, Momente des Glücks, kein Platz für Realität, Urerinnerung an Liebe und Weisheit in einer Welt, die sich selbst eliminiert, die Welt brennt, was die Flammen nicht vollbringen, das schaffen die Äxte und Motorsägen in Menschenhänden.
    Es ist, dieses Dichterleben, gleichermaßen unerhört wie liebenswert, da gibt es was zu lachen, meine Tränen sind lachhaft, einfach lächerlich, dieses Angezogen- und Abgestoßensein von grässlich Schönem und wunderbar Schrecklichem, da schlecken sich die Schnecken ihre Mäuler, soviel Blüten- und Blätterpracht ist erfühlt, wohlgemerkt mit Fühlern erfühlt, ein besonderes Sensorium für Worte, Abstraktion der Sinnlichkeit, schmackhaft gemischt aus dem Dichtersalatkopf, eingekapselt in fruchtlosen Gedankenruinen, der Dichter ist auch ein Archäologe, lauernd umfliegen die Geier der Fantasie die Ausgrabungsarbeiten, allerlei Ideen kommen zum Vorschein, das ist ein ständiges Theater mit den Ideen, die sich da im Dichterkopf abspielen, in einem Kopf ein vielschichtiger Vorgang, es entsteht etwas, das Entstandene vergeht, das Entstehende gefriert in Strukturen, in geformten Gebäuden, Gedankengebäuden und Satzstrukturen, der Dichter ist auch ein Architekt.
    Machen nicht alle Brot aus Steinen, Dichtung aus Gedanken, Träumen und Erlebnissen, Brot für eine Welt, die sich am Scheinbaren labt?
    Dichtung ist Expression einer Impression, erstarrtes Gerippe einer Ideenflut, erwachend zu neuem Leben beim Lesen, Sprechen und Hören. Der Dichter muss ein Zauberer sein, seine Feder der Zauberstab, mit dem er Gemüter bewegt und Fantasien erweckt, der Dichter ist wie ein Vulkan, wir sehen die Gefahr und stürzen uns in sein Werk hinein, verglimmend in der Glut seiner Worte, oder er explodiert mit seiner Dichtung und lässt uns ausgespien zurück in einer morbiden Realität, umgeben von den Bruchstücken erkalteter Glut.
    Der Dichterkopf fließt aus wie ein Vulkan, bis er tot ist, bis der Ideenfluss erloschen ist, vorher kommt er zu etwas, etwas Besonderes ist das, das ist durchaus sehenswert, weil es so schön hineinpasst, doch völlig aus der gewohnten Form fällt, es ist mehr oder weniger hervorragend, es passt eben nicht, wir irren uns, und Irren ist menschlich und darum so beliebt!

    Es fällt schwer, sich an das zu erinnern, was vergessen ist, der Dichter ist darum ein Erinnerer und Entäußerer, Verschwundenes wird wieder sichtbar, auch wenn es Verwirrung inmitten der Verwirrung ist. Ist nicht die Erinnerung an die erste Liebe das Schönste, als alles noch heil und heilig zu sein schien in dieser heillosen Welt?
    Der Kopf macht Literatur, solange der Kopf Literatur macht, ist weder der Kopf ein Kopf, noch ist die Literatur wirklich Literatur, die Literatur stellt den Kopf auf den Kopf, die armen Füße, der Kopf stellt die Literatur auf den Kopf, auf den Kopf der Literatur wird der Kopf gestellt, das ist dann ein literarischer Kopf im Kopf der Literatur, plötzlich sind die Gedanken, die dem Kopf entspringen, plötzlich sind seine stummen Worte Schriftzüge.
    Das Dichterleben ist ein Rinnsal nach dem Regenguss, es verrinnt zwischen den Zeilen, aus geschriebenen Seiten schleicht es in Köpfe und Herzen, wächst empor und bildet Vorstellungswelten, hier und da finden wir einen Schatz oder eine kleine Perle, hernieder gefallen aus einer unbekannten Welt, ich bearbeite die Sprache mit der Feile, schmiede sie zu Satzmelodien, binde zwischen Worte Seile, umschwärme den Rest der Liebe mit Elegien.

    Ich liebe das Leben, doch noch mehr liebe ich meine Träume, ich bin ein Tagträumer, denn ich fürchte die Realität zwischen Häuserschluchten und Pflastersteinen, diese harte Realität, die uns erstarren lässt, die meine Gedanken und Gefühle kantig und eckig macht, die mich abtrennt von dem Atem der Erde, wir sind die Opfer unserer Erfindungen, Fluch und Segen der Technokratie, erfrischend wie der Morgennebel über den Wiesen sind meine Träume, unbeschreibliche Glücksmomente, surreale Verstrickungen, doch alles löst sich auf, ein Tanz zwischen den Welten.
    Nur ein Klang, noch ein Wort, und das Traumgebilde bricht zusammen, lässt uns hart aufschlagen in der Realität, ein Traum endet in der Illusion, doch dann beginnt die Suche nach einer neuen Realität, einer anderen Wirklichkeit. Als Tor geboren mache ich mich zum Narren, mache mich verrückt, um nicht wahnsinnig zu werden, spiele mit den Worten, mache Gedankensprünge über Sätze, denn ich hänge am Lebensfaden und spinne mir ein Netz aus Träumen. Ich bin verstört, ich bin irritiert, ich bin in die Gestörtheit hineingeboren, das Gestörte störend, mit Irritationen jonglierend.
    Als Dichter muss ich Spannung erzeugen, ansteigende Spannung, Spannungsabfall, dann Hochspannung, ich bin ein Hochspannungsleiter, dann kommt es zur Entladung, wie ein Blitz trifft uns die fiktive Katastrophe, aus der Weite der Außenwelt verdichtet in der Innenwelt, und doch ist das Nichts die formfordernde Gewalt, die uns trifft wie ein Paukenschlag. Mit der Spannungskurve die Höhen und Tiefen des Lebens ausloten, bis sich dann alles im Ich des Dichters zuspitzt.

    Fortwährend bin ich in meinem Leben meinen Ermüdungszuständen zum Opfer gefallen, immer hat sich im entscheidenden Moment eine Schwäche eingestellt, mit unbegreiflicher Macht hat mich diese Schwäche niedergeworfen, doch meine Dichterseele erlebt in den Krankheitszuständen ihre Höhenflüge, geistige Höhenflüge entschlüpfen allzu leicht dem von Krankheit geschwächten Körper, fiebernd erwarten die Kinder des Geistes ihre Heimat, also muss ich schreiben, doch die so erträumten Romane, Geschichten, Stücke und Balladen haben sich nicht selbst geschrieben, warten auf Entlassung im Gefangenenlager der Alltäglichkeiten.
    Etwas ganz klar beschreiben, etwas Klares, Ab- und Aufgeklärtes beschreiben, aufklärend schreiben, sich der Aufklärung verschreiben, das ist ein gedankenvoller Weg, das Balancieren auf einem Faden, der über einen von Möglichkeiten brodelnden Abgrund gespannt ist. Das Wesentliche dabei ist, das Gleichgewicht beim Balancieren zu behalten, ganz klar und eindeutig das Ziel anzustreben, ohne sich zur einen oder anderen Seite zu wenden, um etwa zu schauen, woran man vorbeigeht. Alles, was man hinter sich liegen lässt, bringt einen näher ans Ziel, nur in klaren Nächten leuchten die Sterne.

    Das Dichterleben ist wie ein Würfelspiel, sind die Würfel gefallen, ist die Wahl getroffen, die Geschichte nimmt ihren Lauf, jeder geschriebene Satz führt zur Verengung, engt das Feld der Möglichkeiten immer mehr ein, bis zum Stillstand, bis zum letzten Punkt. Soll ich von vorn beginnen, alles streichen, zerreißen, Blätter zerknüllen, oder wie eine Krähe im Müllberg der Datenfragmente herumstochern – da, ein Knall, ein Geistesblitz, emporfliegen, so sieht alles anders aus, der Wind trägt mich weiter und mit mir meine Gedanken, wo wirst du landen?
    Die Geschäftigkeit eines Cafés hat mich immer inspiriert, der Dunst der Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte und Leidenschaften, das ist der Stoff, der mich unablässig schreiben lässt zwischen Fetzen von Gesprochenem, emotionalen Strudeln und dem Klappern von Geschirr, dem schreienden Krächzen der Kaffeemühle, Kommen und Gehen unterschiedlicher Gäste, berührt von Klängen ungebetener Musik.

    Immer wieder frage ich mich: Woher komme ich, wohin gehe ich? Was habe ich hier zu tun in dieser Sprachverwirrung? Muss ich unterhalten? Soll ich euch zum Nachdenken bringen? Soll ich euch zum Lachen bringen?
    Aus dem Mutterbauch gekrochen, habe ich Sprechen, Gehen und Denken gelernt, aber am meisten habe ich durch das Schreiben gelernt, im Spiel mit Begriffen, dann entdeckte ich das Unbegreifliche, die Liebe, die Angst und die Wut, mit Begriffen wollte ich das Unbegreifliche umschreibend begreifen, doch das war ein Griff ins Leere, das Nichts ist näher als alle Begriffe, das Spiel mit den Begriffen ist ein Spiel um Nichts, es ist ein Kampf mit Bedeutungen, ich muss sie enthüllen, sie von ihren rationalen Hüllen befreien, muss sie enthüllen, bis die nackte Wahrheit ans Licht tritt und doch sogleich ins Nichts entweicht.

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