So nette Quälerei

    So nette Quälerei

    (In Gedenken an Robert Gernhardt, durch den ich Sonette
    erstmals richtig kennen und vor allem lieben lernte)

    Gedicht von Katharina Lankers

    1

    ‘Nen Kranz aus vierzehn prächtigen Sonetten
    zu schöpfen, schien mein allerhöchstes Glück.
    Nun hört ihr dieses schwer missrat‘ne Stück
    und niemand kann vom Vortrag euch mehr retten!

    Ihr müsst sie alle vierzehn überstehen
    ich träufle meine Verse euch ins Ohr.
    Viel Schlimmes steht euch damit noch bevor,
    und vor dem Ende darf hier niemand gehen!

    Dies ist von den Sonetten nur das erste
    doch glaubt es mir, noch lange nicht das schwerste
    – verdank‘ ich ihm auch manches graue Haar.

    Nicht leicht gefallen ist mir hier das Dichten
    und leider ist das Resultat mitnichten
    perfekt an Form und Inhalt, tief und wahr.

     

    2

    Perfekt an Form und Inhalt, tief und wahr,
    so sollte dieser zweite Teil dann werden,
    doch leider war mir diese Gunst auf Erden
    doch nicht vergönnt – das wurd‘ mir sehr schnell klar.

    Mein Reimen steckt noch in den Kinderschuhen,
    poetisch bin ich wohl ein Dilettant –
    das hat schon mancher vor euch längst erkannt,
    und sich erdreistet, mich gar auszubuhen!

    Egal – ich lieb‘ die große Dichtersbühne
    und reime weiter ohne Schuld und Sühne,
    ich werd bestimmt einmal ein großer Star!

    Mein Ziel bleibt klar: die hohe Poesie
    gespickt mit Anmut, Witz und Ironie,
    voll kluger Worte, Weisheit, wunderbar.

    3

    Voll kluger Worte, Weisheit, wunderbar
    versprach von den Sonetten nun das dritte
    zu werden, das ich eifrig nach der Sitte
    der alten Meister reimte an der Bar.

    Zum Reimesschema war ich erst noch unentschlossen:
    a-b-a-b oder a-b-b-a?
    Lag italienisch oder englisch nah?
    Da wurd‘ mir noch ein Wodka eingegossen.

    Ich wählte dann die Klassik-Variante
    und hing schon ziemlich an der Tresenkante,
    begann den Kopf aufs blanke Holz zu betten.

    In meinem Hirn, da waberte nur Grütze
    `ne ganze Reihe meiner Geistesblitze
    wollt‘ kunstvoll ich hier aneinander ketten.

     

    4

    Wollt‘ kunstvoll ich hier aneinander ketten
    die Worte, die mich damals so erfüllt,
    dann wär der Text so ziemlich vollgemüllt
    – drum suchte ich fürs Weitre andre Stätten.

    Ich wandelte auf altbewährten Pfaden
    für eine Suche nach Inspiration
    wie Goethe, Schiller, und auch andre schon.
    Verbrannte mir an Brennnesseln die Waden,

    indem ich streifte über weite Felder,
    durch Sümpfe, Äcker und auch düstre Wälder,
    doch all meine Ideen war‘n verschwunden.

    Ich meditierte still auf einer Lichtung
    und betete zum großen Gott der Dichtung,
    so wartete ich lange bange Stunden.

     

    5

    So wartete ich lange bange Stunden,
    doch göttliche Erleuchtung blieb mir fern
    – und dabei hätte ich doch gar zu gern
    das fünfte der Sonette dort gefunden!

    Am liebsten dichte ich nun mal Sonette,
    sie sind so formvollendet elegant,
    erheben ihren Schöpfer in den Stand
    der höchsten Meister, und die Etikette

    gebietet, dass ein anspruchsvoller Dichter
    – selbst, wenn er meistens eher schlichter
    -e Versgebilde von sich geben muss –

    doch einmal wenigstens in seinem Leben
    voll Inbrunst konzentriert das ganze Streben
    auf Reime und auch auf der Muse Kuss.

     

    6

    Auf Reime und auch auf der Muse Kuss
    kann ich bisweilen ganz getrost verzichten.
    Bis zum Erbrechen hängt mir dann das Dichten
    zum Hals heraus – ich produzier nur Stuss!

    Und Kränze aus Sonetten sind das letzte,
    worüber ich in einer solchen Zeit
    entfernt nur nachzudenken wär bereit!
    Drum habt Verständnis, dass ich schnell zerfetzte

    das hier entstand‘ne sechste Rudiment.
    Vielleicht seid ihr auch längst schon eingepennt?
    Wacht schleunigst auf! Es ist noch lang nicht Schluss!

    Ihr sollt gefälligst richtig mit mir leiden,
    denn für mein Werk ließ es sich nicht vermeiden:
    ‘Ne Dichtersflaute machte mir Verdruss.

     

    7

    ‘Ne Dichtersflaute machte mir Verdruss
    als ich von den Sonetten schon das siebte
    in Versform brachte, und es richtig liebte,
    da plötzlich stockte ich in meinem Fluss.

    Die allgemein bekannte Schreibblockade
    bemächtigte sich meiner – welch ein Graus!
    Ich dacht‘ schon, mit der Schreiberei wär’s aus
    für alle Zeiten – ich fand’s jammerschade.

    Vor Kummer fing ich an, in einer lauen
    Mittsommernacht die Nägel abzukauen,
    so dass ich blutete aus tiefen Wunden.

    Ich mühte mich – ich konnt’s einfach nicht lassen,
    nun trotzdem ein paar Verse zu verfassen;
    ich drehte fruchtlos ungezählte Runden.

     

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    Ich drehte fruchtlos ungezählte Runden:
    auf unserm Sportplatz lief ich hin und her.
    Es war‘n das Herz und auch die Beine schwer,
    ich gab nicht auf – wie hab ich mich geschunden!

    Hatt‘ ich erschöpft die Tartanbahn verlassen,
    mit leergefegtem trübem Dichterhirn,
    bot ich dem Schicksal trotzig doch die Stirn
    obwohl ich das Sonett begann zu hassen.

    Ich kämpfte jeden Tag bis in die Nacht
    verbissen am Sonett mit Nummer acht
    hab meinen Stapel Altpapier verbreitert.

    Trotz harter Arbeit kam ich nicht ans Ziel,
    denn wie ihr seht, sind vierzehn Zeilen viel!
    Nun bin ich doch in meiner Müh‘ gescheitert.

     

    9

    Nun bin ich doch in meiner Müh‘ gescheitert,
    und aufzugeben kam mir in den Sinn.
    Das Dichten brachte keinen Lustgewinn,
    vom Schreiben war‘n die Finger schon vereitert!

    Jedoch ich kämpfte weiter, hielt nicht inne,
    wollt‘ nicht verlassen mein begonn‘nes Werk,
    ich stieg stattdessen auf ‘nen hohen Berg
    zu läutern meine schal geword‘nen Sinne.

    Ich konnte meine Zweifel dort zerstreun
    und mir gelang zu dichten Nummer Neun!
    Ich war im Großen Ganzen recht erheitert.

    Doch nach dem Höhenflug, da kam der Fall,
    ich spürte der Ernücht‘rung herben Knall:
    hab nur den Haufen Dichterschund erweitert.

     

    10

    Hab nur den Haufen Dichterschund erweitert
    mit den Sonetten, die ich bisher schrieb,
    gepeinigt von dem alten Dichterstrieb.
    Ich hatte euch ja anfangs schon erläutert,

    dass ich nur um der großen Ehre willen
    dieses Projekt damals in Angriff nahm.
    Es packt mich manchmal schon die nackte Scham
    und ich beruhige mich mit bunten Pillen.

    Ach, wenn ich doch schon endlich fertig hätte
    die letzten dieser vierzehn Nerv-Sonette,
    wenn hinter mir doch läg‘ der Affentanz!

    Dann müsstet ihr auch hier nicht überwintern
    mit höchstwahrscheinlich plattgesess‘nen Hintern –
    in euren Augen seh ich Schmerzes Glanz.

     

    11

    In euren Augen seh ich Schmerzes Glanz,
    doch kann ich euch so früh noch nicht entlassen.
    Wahrscheinlich fangt ihr an, mich schon zu hassen,
    die nervensägende Sonettengans.

    Die Nummer Elf möcht ich euch nicht ersparen,
    ihr sollt sie ganz genießen, meine Kunst,
    und trübe Blicke schmälern meine Gunst,
    dann lass ich euch nur länger noch hier garen!

    Wahrscheinlich hätt‘ euch heute mehr behagt
    statt ‘nem Sonett ein Elfchen, und ihr fragt,
    warum ich euch denn damit nicht begeister?

    Es könnt‘ ein Haiku sein, ein Limerick,
    doch die fand ich nun allesamt nicht schick –
    verzeiht, ihr großen Dichterskünstlermeister.

     

    12

    Verzeiht, ihr großen Dichterskünstlermeister
    von schnellen Kurzgedichten, das ich’s wag
    zu sagen, dass ich diesen Schund nicht mag!
    Und wenn mir auch ein weiterer vergreister

    Schmonzettenheld als Vorbild dienen soll,
    bin ich längst nicht gewillt, mit meinen Versen
    mich auf das Reimniveau von den diversen
    Kretins zu senken, diesem Dichtersproll.

    Ich dichte weiter Jamben und Kadenzen:
    den zwölften Teil lass ich euch auch nicht schwänzen!
    Da helfen auch nicht eure Himbeergeister.

    Auch wenn in eurem Innern alles tobt,
    so gebt euch einen letzten Ruck, und lobt
    mir diesen ausgemachten Scheibenkleister!

     

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    Mir diesen ausgemachten Scheibenkleister
    selbst anzuhören macht mich schon ganz krank.
    Doch bald ist es zu Ende, Gott sei Dank,
    denn euer Hüsteln wird schon immer dreister.

    Zum Schluss will ich euch doch nicht vorenthalten
    wie’s weiterging mit meiner Schöpfungskunst.
    Zuhause hatt‘ ich lange rumgeschlunzt –
    für Nummer Dreizehn wollt‘ ich anders walten.

    Ich traf auf meiner Suche nach Sonetten
    auf einen überaus charmanten Letten
    er lud mich ein zum Ringelreihentanz.

    Doch während wir uns drehten schnell im Kreise,
    da fand ich meine Reime plötzlich scheise –
    ich kann’s halt nicht mit dem Sonettenkranz.

     

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    Ich kann’s halt nicht mit dem Sonettenkranz,
    so dacht‘ ich in den Armen von dem netten
    und noch dazu ganz ungewohnt adretten
    Begleiter, und mir wurde plötzlich ganz

    bedrückt zumute. Tränen ich vergoss!
    Vor Frust, da rauchte ich sogar in Ketten
    gefühlte hundertzwanzig Zigaretten,
    nach denen ich dann endgültig beschloss,

    die jämmerlichen Dichtereifragmente
    jetzt wirklich – ja, und das, obwohl ich flennte! –
    in meinen Abfalleimer rein zu betten.

    Doch als ich dann besah dieses Geschreibsel,
    da hielt ich in der Hand als Überbleibsel
    ‘nen Kranz aus vierzehn prächtigen Sonetten!

    Meistersonett

     

    ‘Nen Kranz aus vierzehn prächtigen Sonetten
    perfekt an Form und Inhalt, tief und wahr,
    voll kluger Worte, Weisheit, wunderbar
    wollt kunstvoll ich hier aneinander ketten.

    So wartete ich lange bange Stunden
    auf Reime und auch auf der Muse Kuss.
    ‘Ne Dichtersflaute machte mir Verdruss
    ich drehte fruchtlos ungezählte Runden.

    Nun bin ich doch in meiner Müh gescheitert,
    hab nur den Haufen Dichterschund erweitert –
    in euren Augen seh ich Schmerzes Glanz.

    Verzeiht, ihr großen Dichterskünstlermeister
    mir diesen ausgemachten Scheibenkleister –
    ich kann’s halt nicht mit dem Sonettenkranz.

     

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