Zwei privilegierte Zeitzeugen

    von Barbara Fröhlich

    1. Adventssonntag 2013

    „Koch, alter Gauner. Sie sind entlassen!“
    Mit diesen Worten wird Kurt nach knapp zehn Jahren Käfighaltung in die lang vereinte Hauptstadt ausgewildert. Tatsächlich hat er sich oft wie ein eingesperrter Tiger gefühlt; nur ohne die interessierten Blicke von der anderen Seite der Gitterstäbe, die dem Zookater zuteilwerden. Nachdem alle Anwälte Kurts Anliegen ablehnten, ist jede Besuchszeit für ihn ungenutzt verstrichen.
    Nun streift Kurt im neuen alten Revier herum, wittert Dönerduft, lauscht den Ghettoblastertönen der Skater, taucht in Verkehrslärmwellen hinein. Seine Flucht vor den ungewohnten Lautstärketsunamis verschlägt ihn zum Eingang des Glienicker Parks. Dort sitzt er auf einer Bank, kratzt nachdenklich an den Stoppeln seines grauen Dreitagebartes und beobachtet ein paar Journalisten auf ihrem Weg ins Redaktionsgebäude gegenüber. Was würde Kurt dafür geben, arbeiten zu gehen wie die Zeitungsleute dort! Sogar sonntags, Hauptsache er hat eine Aufgabe, vielleicht wieder in einer Fabrik?
    Kurts altes Stubenkaterherz schlägt im sanften Harmonietakt, er ist kein Jäger mehr. Doch Unruhe plagt ihn. Soll er erneut seinen Raubtierkampfgeist erwecken und im zweiten Anlauf auf die Pirsch gehen? Aussichtslos ohne Geld und ohne Gefährten, die sich im Hier und Jetzt auskennen. Kurts Mundwinkel weiten sich zur Andeutung eines zynischen Lächelns, als er sich vorstellt, einen der Parkbesucher mit den Worten anzusprechen: Entschuldigung, können Sie mir helfen, meine Unschuld zu beweisen? Der Justiz handfeste Fakten vorzulegen, dass ich kein brutaler Mauerschütze war? Dass ich jahrelang unschuldig im Gefängnis gesessen habe?
    Während seiner Grübelei übernehmen die Füße automatisch die Führung und bringen ihn über die Teufelsbrücke an einen kleinen Grashügel, auf dem ein Sockel steht. Unschlüssig schleicht Kurt um ihn herum. Er steigt auf das Steinpodest, spürt Müdigkeit aufkommen, will sich setzen, doch dann bleibt er wie erstarrt stehen. Ein plötzlicher Wind scheint um seinen Körper zu wehen, und er fühlt sich wie von Stein umklammert.

    26.06.1963 – Vor dem Rathaus Schöneberg

    Kurt kann sich nicht bewegen. Immer noch steht er auf einem Sockel und ist … eine Statue! Voller Neugier betrachtet er, was in seinem neuen Blickfeld liegt: Vor ihm eine Menschenwand aus Tausenden von Rücken. Alle Gesichter sind einem Rednerpult zugewandt, auf dem ein Mann in ein Mikrofon spricht: „…and, therefore, as a free man, I take pride in the words Ich bin ein Berliner.“ Die Menge jubelt.
    Bevor Kurt verdauen kann, dass er wohl in der Vergangenheit gelandet ist, tauchen aus dem Menschenbad vor ihm zwei Kinderköpfe auf. Die Jungen springen um den Stein-Kurt herum und rufen: „Da ist unser Eismann. Lorenzo!“
    Gleichzeitig nähert sich der Kurt-Statue von vorn ein Mann, der in ein Funkgerät spricht. Kurz darauf spürt der versteinerte Kurt an seinem Arm eine Bewegung. Mist! Er kann den Kopf nicht drehen.
    Aber er hört den Mann flüstern: „Let’s finish Giovanni.“
    Was geschieht hier? Kurt merkt, wie etwas in die Lücke zwischen seiner Hüfte und seinem Arm geschoben wird. Wer soll dieser Giovanni sein?
    Eine zweite Stimme rauscht durchs Funkgerät: „Countdown, Pagini!“
    Warum kann sich Kurt nicht bewegen?
    „Three.“
    Nun erkennt Kurt ein metallenes Rohr. Ist das ein Gewehr?
    „Two.“
    Giovanni ist John!
    „One.“
    Kurt hört das Kinderlachen ganz nah hinter sich.
    „Pagini, spiel mit uns!“
    Wieder bewegt sich etwas an Kurts Hüfte. Er muss handeln!
    Dann ein verärgertes Rufen: „Hey, bambini!“

    2. Adventssonntag

    Welch ein Vergnügen! Kurt habe ich letzte Woche nach seiner Zauberreise heil auf meinen magischen Sockel zurückbefördert. Denn ich, die transzendente Macht des Glienicker Parks, sorge für Gerechtigkeit seit Anbeginn der Menschenzeit. Nun brauche ich einen Gefährten für Kurt. Wird meine wunderbare Idee aufgehen?

    3. Adventssonntag

    Solveig starrt auf das Papier. Die neun lebensverändernden Buchstaben hüpfen vor ihren Augen, als würden sie sie mit einem Freudentanz verhöhnen: Das E schubst das N an, dieses springt auf das T, das nach unten weggleitet und das LA gegen die Papierkante katapultiert. Die beiden S verschwimmen vor Solveigs Augen, verwischen nacheinander das E und das N. Eine Träne nach der anderen strömt in den Hautfurchen ihr Gesicht hinab. Wie soll sie mit ihren achtundfünfzig Jahren wieder eine Anstellung als Reporterin bekommen?
    „Wieso habe ich Glückspilz nicht schon früher diese Spitzenreporterin entdeckt?“, lautete die arrogante Antwort ihres Chefs.
    Frische Winterluft kühlt Solveigs heiße Tränen, während sie aus dem Redaktionsgebäude heraus in den Stadtpark rennt und gegen den Menschenstrom schwimmt: Gemeinsam-Fröhliche auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt. Einsam-Traurige, wie der ältere Herr dort auf der engen Teufelsbrücke, an dem sich die Menschen geduldig vorbeischieben müssen. Solveig verlässt den Hauptweg und erklimmt einen Grashügel. Sie hat doch niemanden! Auf einem festen Fundament macht sie eine Pause. Wohin? Sie grübelt, reglos, müde. Plötzlich kommt Wind auf und zerrt an ihren Haaren.

    3.10.2003 – Glienicker Park

    Bewegungslos steht Solveig auf dem Sockel. Plötzlich prallt etwas Rundes mit voller Wucht gegen ihren Busen und holt sie in eine neue Wirklichkeit. Merkwürdig, es tut nicht weh. Der Fußball stößt gegen einen nahen Baum und bleibt in einer Kuhle liegen. Einem Reflex folgend will Solveig den Ball aufheben. Doch sie kann sich nicht rühren.
    Flüstern lenkt sie von ihrem Unbehagen ab.
    „Knut!“
    Die Person mit der Wisperstimme gerät von der Seite in Solveigs Blickfeld.
    „Knut, hier bin ich!“
    Knut muss der Mann sein, der nun von vorne auf sie zukommt und im Vorbeigehen den Ball zu den Kindern zurückschießt.
    „Walter, was macht unser Rettungsplan?“
    „Schönes Wetter heute, nicht wahr?“
    Verstohlen nimmt dieser Walter vom Neuankömmling einen halboffenen Umschlag mit Geldscheinen entgegen und lässt ihn blitzschnell in seiner Manteltasche verschwinden.
    In Solveigs Hirn klingeln die Reporterglocken. Geld wofür? Wer soll gerettet werden?
    Walter fährt fort: „Hör zu, ich habe einen Sündenbock für dein Verbrechen gefunden: Kurt Koch, Fabrikarbeiter, wohnhaft Sachsenallee 67 in Berlin, Jahrgang 47 wie du, gleicher Nachname, ähnliche Kopfform, braune Kurzhaarfrisur. War frickelig, die Fotos in den Akten zu fälschen. Knut und Kurt sind leicht zu verwechseln, nicht wahr?“
    Mit grimmiger Miene tätschelt Knut Solveigs steinerne Pobacken.
    „Hat die Statue schon immer hier gestanden?“
    Walter reicht Knut ein Dokument.
    „Hier, dein neuer Pass. Ich bring dein Double für dich ins Kittchen. Mach dich vom Acker, Herr Ex-Gruppenabschnitts-Kommandeur!“

    4. Adventssonntag

    Gleichzeitig führte ich sie zu mir. Herrlich sind ihre verdatterten Blicke; das Erstaunen darüber, dass ihr magischer Sockel heute von einer weiblichen Marmorfigur besetzt ist, von mir! Noch kennen sie sich nicht.
    Kurt murmelt leise zu sich: „Die Statue ist neu. Nein, irgendwie sehr alt. Waage und Schwert. Ist das nicht…“
    Nun spricht Solveig Kurt an: „Ich habe Sie letzte Woche schon hier gesehen. Der gedankenverlorene Teufelsbrückenbesetzer.“
    Mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier untersucht Kurt den Sockel. „Hier ist was faul im Staate Deutschland.“
    „Von wegen faul. Ich fand meinen Zauberausflug letzte Woche höchst erfrischend!“
    „Sie auch?“
    Und dann beginnen sie zu reden. Solveigs Reaktion beglückt mich: „Schon vor dem Attentat in Texas hat es 1963 von allen unbemerkt einen versuchten Mordanschlag auf Kennedy in Berlin gegeben? Es ist doch zum Kugeln komisch, dass die Kinder den Attentäter für ihren Eisverkäufer hielten und dadurch den Anschlag verhinderten. Hast du weitere Namen? Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zum zweiten Attentat?“
    Ich spüre, dass Kurts Erzählung über den versuchten Kennedyanschlag Solveigs Reporterherz höherschlagen lässt. Sofort plant sie, Vitamin-B-Quellen anzuzapfen, um weitere Informationen über den Attentäter Lorenzo Pagini zu erhalten. Das war mein erster Streich.
    Auf den zweiten Streich freue ich mich wie ein Kind auf Weihnachten: Hervorragend habe ich es arrangiert, dass Solveig Augenzeugin des konspirativen Treffens zwischen dem Anwalt Walter Kubschinsky und seinem Freund, dem Mauerschützen Knut Koch, wurde. Die Wahrheit, nach der der alte Tiger-Kurt so lange suchte, ist ein schwerer Schock für ihn, doch mit seiner neuen Kumpanin wird er ihn überwinden.
    Während Kurt Solveig daraufhin seine haarsträubende Fortsetzung der Geschichte erzählt, schauert es sogar mich, obwohl ich sie bereits kenne: Der Gruppenabschnitts-Kommandeur Knut Koch hat einem Mauer-Flüchtenden – nachdem dieser sich mit erhobenen Händen gestellt hatte – mehr als dreißig Mal in die Brust geschossen und dabei geschrien: „Ich habe mir geschworen, aus der DRR kommt keiner mehr lebend raus!“
    Dieses Verhalten habe der Bundesgerichtshof als eindeutiges Merkmal einer Hinrichtung interpretiert. Walter Kubschinskys raffiniertes und boshaftes Komplott brachte das unfreiwillige Double Kurt Koch also zehn Jahre unschuldig hinter Gittern.

    Heiligabend

    Meine Gerechtigkeitsseele springt Saltos! Sie sind wieder da. Endlich erfahre ich das vorläufige Ende ihrer Geschichte.
    „Stell dir vor, Kurt. Der Kennedy-Attentäter hatte wirklich einen eineiigen Zwillingsbruder, der Eisverkäufer war. Kein Wunder, dass die spielenden Jungen ihn für seinen Bruder hielten. Ich habe die ganze Nacht recherchiert, nach Beweisen gesucht und getippt. Für meine Kennedy-Reportage werde ich vom Deutschland-Anzeiger reichlich entlohnt werden.“
    Solveig überreicht Kurt ein Geldbündel. „Startkapital für dein neues Leben. Mein nächster Schritt wird es sein, dich zu rehabilitieren!“
    Mein Plan geht auf, das nenne ich wahre Gerechtigkeit!
    Arm in Arm gehen die zwei einst so einsamen Gestalten den Hügel hinab, drehen sich aber noch einmal zu mir um.
    „Frohe Weihnachten, Justitia!“
    Schade, mein Zwinkern können sie wegen der Augenbinde leider nicht sehen.

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