Immer wieder sonntags, sagt Oma: „Tiere sind auch nur Menschen“

    von Simone Rauhofer

    Immer wieder sonntags, wandelt der lustige Terrier durch den Garten. Er bummelt am Rhododendron vorbei und flaniert ungeniert breitbeinig die Brombeer-Stauden entlang.
    Er schlurft durch das hohe Gras und beißt auf seinem Weg in die langen Grashalme, die seinen Presswurstkörper kitzeln. Er kaut kurz auf dem Grünzeug herum, verschluckt sich an seinem eigenen Bart und spuckt angeekelt alles wieder aus. Der grüne Kompost bleibt in seinem beigen Barthaar hängen und schmückt ihn ungemein.

    Er lacht.
    Er präsentiert seine gelben, mit Zahnstein angereicherten, Eckzähne. Nur die kleine untere Zähnchen Reihe in ihrer perlweißen Optik stört das Gesamtbild eines Streuners.

    Über den Augen hängt ein Vorhang aus feinen Härchen im Kontrast zu seinem Borstenkleid. Diese überdimensionalen Wimpern geben seiner amüsiert-verächtlichen Mimik einen theatralischen Ausdruck. Der Terrier ist eine Diva im Borstenkleid.

    Oma ruft ihn. Er zuckt zusammen aber ignoriert sie.
    »Er hört nicht immer gut« sagt Oma verständnisvoll, die auch nur das hört, was sie hören will.

    Wenn der Terrier jedoch gehört werden will, schaltet er sein schrilles Gekläffe an. Oma ist konditioniert wie ein Pawlowscher Hund und bestätigt den Terrier sofort in Form eines Leckerlis. Der Terrier verschlingt es und produziert dabei in den Tiefen seiner Kehle ein Röcheln, wie das letzte Stottern eines absaufenden Rasenmäher-Motors.

    Obwohl er erst fünf Jahre alt ist und völlig gesund, meint Oma, er hätte einen angeborenen Herzfehler. Das merke sie daran, dass er schwer Luft bekomme, wenn er sie anknurre. Darum sollten wir ihn besser einschläfern lassen.
    Und die Katze auch gleich.
    Dann bekommt man wenigstens einen Rabatt beim Tierarzt.

    Oder wir könnten unseren Gärtner Hubert kurzerhand zu »Tierarzt Dr. Hubert« befördern, so wie damals, als er unseren zähen Gockel Hahn mit dem Beil geköpft hat.
    Das alte Kräh-Gerät hieß »Jean-Marie«. Oma hat ihn kraft ihrer Gedanken und mit ihrem Galgenhumor bereits schon vor Monaten zum Tode geweiht, indem sie ihn einfach schicksalhaft auf »Jean-Marod« umtaufte. Konform zu seinem neuen Namen wurde der Hahn immer maroder.

    Er konnte mit seinen Hühneraugen nicht mehr so gut zoomen, seine Schnabelangriffe verfehlten Omas Hand immer öfter. Sein steifer Hahnenkamm erschlaffte. Er trug seinen schlappen Kamm im Seitenscheitel. Das war Oma Beweis genug – das eingeknickte Phallussymbol auf seinem Kopf verriet seine Lebensmüdigkeit!

    Sein Hühnerharem gackerte, wenn »Jean-Marod« stolz in den Küchenabfällen scharrte und er wusste nie ob ihn seine Weiber anlachten oder auslachten.
    Das war die Höhe.
    Oma ließ ihn erlösen. Letzten Sonntag. Als sie an dem zähen Kadaver in einem Akt der Leichenschändung die Federn rupfte um seinem gewaltsamen Ableben wenigstens einen letzten Sinn in der Suppe zu geben, hielt sie plötzlich inne. Einer spontanen, inneren Eingebung folgend entschied sie, er habe eine würdevollere Bestattung verdient und warf den toten Hahn leichthändig in die Mülltonne.

    Oma hat weder Angst vorm Leben noch vorm Sterben. Sie kokettiert mit dem Tod. Trotz unserer Einwände beharrt sie auf ihrem Euthanasieprogramm, da sie meint, damit bliebe den Viechern viel Leid erspart, weil «das», sie deutet mit ihrem anprangernden Zeigefinder zum Freilandgehege, wo glückliche Tiere sich ihres Lebens erfreuen und ruft angewidert: »Das ist doch kein Leben!«

    Oma muss es ja wissen. Sie kann mit den Tieren sprechen. Die Tiere können nur nicht antworten.

    Laut ihren eigenen Angaben, versteht der Hund jedes ihrer Worte. (Dazu eine Information zum besseren Verständnis: Omas Wortschatz ist nicht besonders groß.)
    Der Terrier hat Oma sogar schon so gut abgerichtet, dass sie seine Befehle, die er ihr durch seine Körpersprache mitteilt, richtig zu deuten und zu befolgen weiß.
    Wenn er sie beispielsweise durchdringend anstarrt und dabei schmatzende Geräusche macht, dann möchte er ein weiches Biskuit oder zumindest ein kleines Knöchelchen haben.
    Gern nimmt er auch eine von Omas Leckereien, wie den Doppel-Keks mit ganz viel Schokoladenfüllung: den Tod auf Raten.
    «Das tut mir gut, also tut es auch ihm gut», brummt Oma in ihrer eigenwilligen Logik und verabreicht sich und dem Terrier eine Überdosis Schokolade. Das für Hunde giftige Theobromin macht ihr nichts aus und die regelmäßig darauffolgende allergische Reaktion des Terriers ignoriert sie einfach, weil sie nicht in ihr Weltbild passt.

    In diesem Super Gau der abnormen Verhaltensweisen und Eigenschaften passen Oma und ihre Viecher also so gut zusammen, dass der eine nicht ohne den anderen kann. Es ist ein gesundes Ökosystem, eine geschlossene Gesellschaft, ein Teufelskreis der Abhängigkeiten und eine Bereicherung für das Leben. Es herrscht eine gegenseitige Abhängigkeit, die für den flüchtigen Beobachter wie Liebe wirkt.

    Was zusammen passt wie Omas unrasierte Achseln unterm ärmellosen Schürzenkleid, wie Katzenpisse auf dem Küchenteppich, wie Hundehaare auf dem Kopfpolster und wie der Hahn in der Suppe, das soll man schließlich nicht trennen.

    Immer wieder sonntags sagt Oma: »Tiere sind auch nur Menschen« zuckt mit den Schultern und lacht »Es gibt Schätzchen und Arschlöcher«
    Oma hatte eben schon immer Sinn für Poesie und immer wieder sonntags kommt die Erinnerung…

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    2 Gedanken zu „Immer wieder sonntags, sagt Oma: „Tiere sind auch nur Menschen““

    1. Bravo!
      Ich bin sehr amüsiert über die unterhaltsam formulierten Zeilen!
      Man kann sich tatsächlich vor seinem inneren Auge ein Bild machen von der besagten Oma und ihren menschlichen Viechereien!
      Ein Schmunzeln lässt sich nicht unterdrücken!
      Gibt es noch mehr Gesprächsthemen über Oma?

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