Ein Fahrzeug der Liebe

    von Fabian Lutz

    Jetzt im Dunkeln und zwischen den Kabeln habe ich Angst um sie. Ich sende Wünsche, ganz viel Hoffnung, aber üblicherweise kommt das nicht an. Sie ist ja auch eine, die das nicht braucht. Sie nimmt sich beim Hinausgehen den Erfolg und bringt ihn an andere Orte. Dort steht sie dann und kann nicht anders. An Sonntagen stapft sie durch die Straßen, geht an diesem Penner vorbei und der muss lächeln. So eine hat er zuvor noch nicht gesehen, so eine war ihm bisher fremd. So eine macht sein Herz ganz weich. Aber als er aufsteht und ihr das alles sagen will, ist sie schon weiter und hat die anderen Pennermassen erweicht. Die sind ganz klar ein himmlischer Chor für sie und treiben fidel hinter ihr her. Da heißt es für diesen einen, einsamen Penner natürlich: Die ersten werden die letzten sein. Und der Sonnentag endet.

    Aber als Strahlemädchen braucht sie das Licht nicht. Von selbst wird es sehr hell um sie. Ihr Blick bleibt stabil, auch wenn der Grund mal kippen mag. Nur wenn es regnet, sieht sie manchmal hinauf, als versuche sie zwischen den Tropfen in Richtung einer Sonne zu sehen. Ich wusste immer, dass auch sie ihre Ladequellen sucht, dass sie doch am liebsten an Sonntagen durch die Straßen geht. Aber ich weiß nicht, wohin sie jetzt geht. Vielleicht an einen Ort, der sie noch überrascht. Jedenfalls geht es mir mies und ich finde gar nicht genug Zigaretten, um mir eine ordentliche Gleichgültigkeit zu errauchen. Ich sende wieder und wieder, aber kein Wunsch kommt an. Aber kann ich das wissen? Es ist alles so hoffnungslos. Also nochmal: Ich versuche mich in Gleichgültigkeit. Oder wie ein weiser Dichter einmal sprach: Mensch, besinne dich! Aber es fällt doch alles an mir ab.

    Das mit uns war eine ganz schnelle Hochzeit. Wir lernten uns bei einem Tanzkurs kennen, verabredeten uns gleich am ersten Abend, ich brachte ihr etwas Leckeres mit und sie knusperte charmant darauf herum. Dann wartete ich wie ein treues Haustier, bis sie meinen Snack heruntergeschluckt hatte und küsste sie flott auf die Lippen. Sie erwiderte den Kuss nicht, aber für mich war klar, dass wir nun füreinander waren. Am dritten Tag durfte ich dann in ihre Wohnung, wartete dort auch, bis sie ihren Tee getrunken hatte und zog mich dann vor ihr aus. Für mich war klar, dass es zwischen uns zu etwas kommen würde. Irgendwann waren wir dann ein festes Paar und versuchten, die Straßen immer gemeinsam zu begehen. Dabei zitterte meine Hand in ihrer, aber ich flüsterte nur „Strahlemädchen“ vor mich hin, alles ergab sich ja so einfach. Hier oben, zwischen den Hochhäusern im Bankenviertel konnten wir so wunderbar schreiten und wenn wir dann abends an unserer Lieblingsbar ankamen, spendierte ich ihr gleich meinen liebsten Cocktail.

    Ihre Suche und Aufgabe führt sie jetzt aus meiner Welt hinaus. Einen Faden habe ich nicht an sie geknüpft, aber es wird mit dem Warten auch leichter. Das Senden geht leichter und wenn ich endlich eine Zigarette im Mund habe, lasse ich keine zweite folgen. Dabei denke ich endlich auch wieder an meine Zähne. Sie hatte stets darauf hingewiesen, dass meine Zähne wichtig waren. Die Aufgabe stand noch bevor, aber ich sollte mich rein halten, mehr würde und wolle sie mir in unserer Beziehung eigentlich nicht sagen. Ich rolle mich schuldbewusst in unseren Kissen. Aber als Begleitung hätte sie mich niemals akzeptiert, ich war für sie doch immer nur ein Fahrzeug. Aber es trieb sie an und mit meinen Worten kann ich ihren Weg beschwören. Ich sende weitere Wünsche und bereite ihr den Weg. Eines Tages wird sie ankommen und mit ihrem Blick sagen: Du warst doch immer da und du stehst auch jetzt noch vor der Pforte. Du hast mich letzthin hier her gebracht. Eigentlich bist du es, ein Geliebter. Die Maschine rattert fröhlich, alles gut verdrahtet. Wenn du willst, Schatz, fahre ich dich jetzt wieder nach Hause.

    Ich rolle mich weiterhin, hin und her. Aber auch die Kissen riechen irgendwann nach Schweiß, Rauch und ich werfe sie zur Seite. Im kleinen Spiegel an der Wand kann ich meine Zähne sehen. Mit fester Hand zerreibe ich meine Zigarette an der oberen Reihe und schaue mal. Was würde sie jetzt wohl sagen. Na, was sagst du jetzt? Siehst du mich hier überhaupt? Das Fahrzeug steht sicher an falscher Stelle. Hier kann ich ihr nicht helfen und sende in diesem Moment keine Wünsche. Ich würde gerne ihre prachtvollen Beine berühren, mich ausziehen, nur das. Aber da mag vielleicht alles verdrahtet sein, glücklich kann die Maschine nicht mehr werden. Es tuckert nur so, es tuckert, es tuckert nur so, es tuckert. Es fährt in den Schlaf. Auch dieser Sonntag wird ohne sie enden.

    Es klingelt. Ich bin natürlich schnell an der Tür. Die Erwartung liegt klar, aber wird enttäuscht. Sie ist es nicht. Stattdessen ein fremder Mann, der zitternd etwas von froher Botschaft und einer wundervollen Frau spricht. Ich bitte ihn sofort hinein. Ja, Frau, auch meine Hände zittern jetzt. Als der Mann auf dem Sofa sitzt und betreten nach einem Glase Wasser fragt, frage ich ihn aber: Wo war die Frau, hast du sie am Rande der Stadt gesehen oder nicht schon im Bankenviertel zwischen den Hochhäusern? Oh, sprich! Aber jetzt fleht er wieder nach Wasser. Ich bringe ihm das Glas und er erzählt. Er erzählt von einer strahlenden Gestalt ohne Körper und wie sie die Banken endlich belehren wird, auch den Armen zu geben. Wie diese Frauengestalt endlich die Menschen aus den Häusern und auf die Straßen geführt habe. Wie diese Frau zurück zu einem Armen ging und alle anderen erlöste. Nie wieder würde einer ohne Schmach das Bankenviertel betreten. Bald würde sich das Viertel auflösen, in steter Gleichheit aller Wesen. Körperlos würden sie mit ihr fortziehen, an einen anderen Ort, an dem es keine Straßen, keine Häuser, keine Technik mehr gibt. Und jetzt fragt der leuchtende Penner, ob ich nicht mit ihm gehen wolle. Der frohen Botschaft wegen. Schnell führe ich ihn wieder hinaus, bei der Tür muss ich sogar etwas nachhelfen, klemme seine Hand fast ab. Aber so geht es im Lauf der Geschichte: Die einen sprechen weise, die anderen nur Mist. Die einen werden erhört, die anderen nicht. Ich bleibe ein geduldiger Wartender und werde auch diesen Sonntag im Neon der Küchenleuchte wohl überstehen.

    Hier in der Wohnung flackert die Leuchte noch mehrere Male, aber sie erscheint nicht. Meine Uhr ist digital und zeigt mir genau, wann der Tag nun endet. Aber die letzten Sekunden bleiben gefroren. In meiner Wohnung ist es kalt. Dann ist Montag und die Arbeit da draußen beginnt wieder. Nur die Penner bleiben verstrahlt. Ich bleibe abgeschirmt und glücklich, zwischen den Kabeln und sende Wünsche an meinen Schatz.

     

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    4 Gedanken zu „Ein Fahrzeug der Liebe“

      1. Hallo Fabian Lutz, das packen wir ins Profil, dann findet den Link jeder, der dort reinschaut, OK? Gegen eine Verlinkung andersrum haben wir übrigens nix. 🙂 Herzl. Gruß Die Redaktion

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