Das schont die Nerven

Das schont die Nerven

von Andreas Perner

„Die rangniederen Tiere werden vorgeschickt, um zu probieren.“
Der Meister nahm die Köder und schob sie mit dem Stock, den ich ihm reichte, ins Loch.
„Also“, meinte er dabei mit gepresster Stimme, „es werden natürlich nicht alle rangniederen Tiere geschickt, nur eines davon. Nehme ich zumindest an.“
Er erhob sich stöhnend und wischte sich über die Arbeitshose.
„Wie es hier aussieht!“, meinte er halblaut.
„Kein Wunder, dass die hier Ratten haben.“

Sein Gesicht war rot. Noch purpurner als sonst, wenn er sich anstrengte. Die dunklen Bartstoppeln hoben sich hervor, und seine Brille hing schief auf der Nase. Er wischte sich über die Stirn.
„Verdammt heiß heute!“
Ich nickte.
„Wieder!“, fügte ich hinzu.
„Was meinst du, Leonhard?“
„Heiß! Heute wieder. Gestern schon, vorgestern…“
„Ja! Eigentlich ein heißer Sommer! Bis jetzt!“

Stapfend und leicht hinkend ging er in den nächsten Raum. Ich hinterher.
„Darf ich jetzt, Meister?“
„Ist mir sogar recht, Leonhard!“

Ich kniete mich vor eines der markierten Löcher in diesem Raum und nahm einige der Köder aus dem Eimer, dann stopfte ich sie mit dem Stock, so wie ich es vorhin bei meinem Meister gesehen hatte, soweit ich konnte, in das Loch.
„So!“, sagte ich mehr zu mir, als zu ihm.
Ich sah auf und forschte im Gesicht meines Meisters. Eine Reaktion konnte ich nicht erkennen. Er stand nur da, kaute an seinem Kautabak und sah auf mich herab.
„Ja!“, sagte er nach einer Weile.
„Das wird schon! Du hast gelernt, Junge. Bin froh, dass ich dich genommen habe, auch wenn du etwas dumm bist. Lieber einen begriffsstutzigen Idioten als einen unwilligen Klugscheißer! Hab ich nicht Recht?“

Er lachte, und ich fiel in das Lachen ein, froh darüber, dass er mich gelobt hatte.
„Weißt du, Leonhard!“, sagte er, als ich aufgestanden war.
„Das ist ein schönes Geschäft! Ich mach es ein Leben lang und könnte es noch ein Leben lang machen. Es ist einfach ein schönes Geschäft.“
Ich nickte wieder.
„Und ich sehe, dass es dir auch Freude macht.“
Ich nickte schon wieder.
„Das ist auch schön!“, sagte er.
„Ja!“, sagte ich.
„Ja, was?“
„Ja, Meister!“
„Gut so, Junge. Ehre, wem Ehre gebührt!“
„Ich will auch Meister werden!“
Mein Meister lachte.
„Leonhard!“
Er sah mich gütig an.
„Das ist ein frommer Wunsch von dir, auch sicher lobenswert und redlich, aber schlag dir das lieber aus dem Kopf!“

Er sagte nicht, warum.

Wir verteilten die restlichen Köder im Haus der Lamberts und fuhren dann heim. So endete mein erster aufregender Arbeitstag. Ein Arbeitstag ist immer aufregend, und mein Vater sagte, der erste ist etwas Besonderes.
„Das vergisst man nicht! Es ist der erste Tag in einem neuen Abschnitt, Leo! Und das Geld, das du verdienst, kann ich gut gebrauchen.“
Mein Vater nannte mich Leo, so wie alle, nur mein Meister nannte mich Leonhard.
„Neuer Abschnitt?“, fragte ich.
„Ein neuer Lebensabschnitt! Ein erster, riesiger Schritt in die Freiheit! Meine Freiheit!“
Warum es seine Freiheit sein sollte, sagte er nicht. Das meiste, was die Leute sagen, verstehe ich nicht. Schon die Worte, aber nicht was sie damit meinen. Stört mich aber nicht.

Nach drei Wochen waren wir wieder im Haus der Lamberts. Inzwischen das sechste Mal schon. Mein Meister war auffallend gut gelaunt an diesem Tag. Frau Lambert hatte immer diese altmodischen Kleider an. Sie erinnerten mich an Filme. Filme, die von Geschichten erzählen, die vor langer Zeit passiert sind, und sie redete immer viel. An diesem Tag war sie still und ihr Gesicht war …weiß, ja, grau. Sie würgte ständig, und ihre Hände zitterten.
Herr Lambert war sehr alt und wurde von Frau Lambert in einem Rollstuhl geschoben, aber meistens saß er nur darin. Irgendwo. Immer wo anders. Saß darin und starrte. Er war mir etwas unheimlich. Jetzt stand der Rollstuhl mit Herrn Lambert im Flur an einem Fenster, und mein Meister unterhielt sich mit Frau Lambert, während ich mich fragte, ob der alte Herr die Bäume vor dem Fenster sieht. Ob er sie wohl sieht, oder ob sie unsichtbar sind für ihn, denn ich hatte den Eindruck, er sieht durch ihnen hindurch. Wenn er sie sieht, könnte er vielleicht sogar die Blätter zählen. Er sitzt so still und konzentriert da…
Ja, dachte ich, er könnte sie vielleicht zählen. Es muss eine sehr hohe Zahl sein, dachte ich, so weit kann ich nicht zählen. Ich ging auf das Fenster zu, stellte mich neben den alten Herrn und begann auch zu zählen. So weit wie ich zählen kann.
„Leonhard!“, hörte ich meinen Meister rufen.
„Was machst du denn da? Wir müssen nochmal Köder auslegen, die Viecher sind immer noch nicht tot!“
Er lachte schallend.

„Ich geh in den Wagen und hol, was wir brauchen, Meister!“
„Nein warte, heute brauchen wir nicht mehr den Hampelmann spielen. Frau Lambert hat uns noch immer nicht bezahlt, sie meint, dass das Gift nicht wirkt. Was meinst du dazu?“
„Die Ratten müssten eigentlich schon tot sein.“, sagte ich.
„Sehen Sie, Frau Lambert, sogar er weiß es, und er ist ein Idiot. Immer schon, er wurde so geboren. Erklär dieser alten Hexe, doch wie es wirkt.“
Ich sah die komisch gekleidete Dame an und war irrsinnig, stolz mein Wissen los zu werden.

„Das Gift wirkt nicht sofort, erst nach einigen Tagen. Die Ratten haben Vorkoster, Frau Lambert. Sie schicken sie zu den Ködern und lassen sie fressen. Wenn sie nicht sterben, fressen alle davon. Sie glauben, sie wären sicher, aber das sind sie nicht. Wir, die Rattenvernichter, sorgen dafür, dass sie nicht sicher sind.“
Ich grinste.
„Guter Junge! Ich bin so stolz auf ihn, als wäre es mein eigenes Kind. Das Steak, das er vor drei Tagen vorbeibrachte, war mit Rattengift geimpft. Sie erinnern sich doch? Ich habe es Ihnen als kleines Präsent geschickt, als Trost sozusagen, weil Sie sich beschwerten, dass das Gift nicht wirkt und Sie deshalb nicht zahlen wollen.“
Der Meister sah auf die Uhr und schüttelte den Kopf.
„Müsste eigentlich schon wirken.“
Frau Lambert sah uns mit riesigen Augen an. Dann schrie sie. Wir standen so im Flur, dass sie an uns nicht vorbeikam, also lief sie in eines der Zimmer und versperrte die Tür.
Wir warteten also.
Dann hörte ich das Röcheln. Ich sah den Meister an und er grinste zufrieden. „Wir können gehen, Leonhard. Die kommt da nicht mehr raus. Nicht mehr lebend.“
Ich nickte und grüßte noch den alten Herren im Rollstuhl. Mir kam vor, als ob er lächeln würde.
Mein Meister meinte ich sollte das lassen.
„Der hört nichts mehr. Ist völlig gaga. Dort oben.“
Er tippte mit dem Finger auf seinen Kopf.
„Schon seit Jahren.“
Ich sah noch einmal zurück und bemerkte, wie der Alte die Hand etwas anhob und winkte. Ganz leicht nur …auch hat er vom Fenster nicht weggesehen, aber… Ja! Er winkte.

„Weißt du Junge“ sagte mein Meister, als wir aus dem Haus gingen, „bevor man sich mit jemanden ärgert, beseitigt man ihn lieber. Wie die Ratten! Weißt du was ich meine? Das schont die Nerven.“
Er spuckte den Kautabak aus. Etwas brauner Schleim blieb auf seinem Kinn hängen, dann setzte er sich ins Auto.

Als ich zuhause ankam, fiel mir auf, dass Ares, unser Hund, nicht bellte. Ich ging durch den Garten zur Eingangstür.
„Ares!“, rief ich.
Kopfschüttelnd ging ich ins Haus, zog meine Arbeitsschuhe aus, dann ging ich in die Küche. Mein Vater saß im Lehnstuhl. Auf dem Tisch standen viele leere Bierdosen.
„Wo ist Ares?“, fragte ich. Ich ging zum Kühlschrank und nahm mir eine Cola raus. Mein Vater saß nur da und röchelte.
„Was ist mit Ares?“, wiederholte ich meine Frage.
„Er hat mich heute nicht begrüßt?“
Keine Antwort. Plötzlich kam mir ein Verdacht.
„Vater? Hast du Ares letztens vom Steak gegeben, das ich mitgebracht habe?“
Mein Vater röchelte wieder.
„Das war doch für dich! Ich habe extra gesagt: Nur für dich, du Wichser! Du kinderarschpudernder Scheißkerl!“
Mein Vater sah mich nur an. Stumm und schwer atmend. Speichel rann aus seinen Mundwinkeln, und seine Arme pendelten über die Lehne herab. Ich trank einen Schluck Cola.
„Das habe ich von meinem Meister gelernt!“, sagte ich dann etwas ruhiger.
„Er hat es das erste Mal bei seiner Frau probiert. Hat super funktioniert, hat er gesagt. Die schönsten und ruhigsten fünf Stunden seines Lebens!“
Die linke Hand meines Vaters begann etwas zu zucken.
Ich setzte mich auch an den Tisch und trank wieder einen Schluck aus der Coladose.
„Rattengift! Damit du weißt, an was du krepierst. Die Frau des Meisters hat fünf Stunden nicht reden können, bevor sie den Löffel abgab. Es soll im Magen und in den Gedärmen brennen wie Säure, hat er gesagt. Er hat ihr zugesehen und zwischendurch ein Buch gelesen. Oder umgekehrt? Ein Buch gelesen und ihr zwischendurch zugesehen?“

 

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