Doppelt dicht

    Lyrik ist ein empfindliches Sprachgespinst und durchaus nicht jedermanns Sache. Überhaupt ist das Dichten ein Teil des Sprachhandwerks, das eher am Rande steht. So gesehen war es geradezu ein Motivationsschub, dass endlich wieder ein Lyriker den Literaturnobelpreis erhalten hat.

    Gerade in Deutschland, dem sog. „Land der Dichter und Denker“, führt die Lyrik auf den Wühltischen der Buchhandlungen ein Schattendasein; in den Bestsellerlisten findet sie gar nicht erst statt. Gelegentlich streift sie am einen oder anderen Feuilleton einer besseren Tageszeitung vorbei, aber auch dort vereinsamt sie fast.

    Andererseits überbordet die Lyrik das Internet regelrecht und spiegelt den Zeitgeist des „Anything goes“ wieder, in dessen Sog ein jeder selbst festlegt, was Kunst ist. Lyrik ist von dieser Einstellung ganz besonders betroffen, ist sie als kleine Sprachkunstform auch geradezu dazu prädestiniert, sich in ihr gefahrlos zu versuchen und sich selbst als Poeten zu bezeichnen. Myriaden von Worthäufen verstopfen die Rezeption der Internetlyrik regelrecht.

    Nun möchte natürlich jeder Internetdichter wirkliche Anerkennung findet, und diese ist immer noch der Print. Gedruckt zu erscheinen ist sozusagen die Veredlung des Veröffentlichens, das Heben auf die nächste Stufe. Viele machen mit diesem Traum ein großes Geschäft. Die sog. BookOnDemand (BOD) und Zuschussverlage, bei denen der Verleger die Träume der Möchtergernautoren melkt.

    Wir von zugetextet.com sind für Autoren und Verleger ein Fenster zum seriösen Verlegen von Werken. Das machen wir, indem wir Storys und Gedichte vorstellen. Und indem wir gedruckte Lyrik und Geschichten besprechen und weiterempfehlen. Heute haben wir je einen arrivierten und einen von der der Zeitschrift Asphaltspuren bereits vorgestellten Autor im kritischen Blick.

    Norbert Hummelt, Stille Quellen, Gedichte, Sammlung Luchterhand, München 2004, Luchterhand Verlag, 101 S., ISBN 3-630-62074-4

    Es ist fast schmerzlich, Lyrik als Ramsch vorzufinden. Vor allem, wenn sie eigentlich ganz ordentlich ist im Durchschnitt, partiell sogar richtig gut. Der Autor Norbert Hummelt ist 1962 in Neuss geboren. Er hat mehrere Preise und Stipendien erhalten und bereits mehrere Lyrikbände vorgelegt. Er lebt seit 2006 in Berlin. Sein letzter Band Pans Stunde erschien 2011 ebenfalls bei Luchterhand.

    Im vorliegenden Band verschränkt der Autor in einzigartiger Weise Reimlyrik und Vers libre:

    transit

    wenn meine finger jetzt so oft erkalten
    u. an zu kribbeln fangen bis die hand
    einschläft dann kommen sicher auch im
    traum gestalten durch einen schleier nur
    sind sie von uns getrennt da siehst du
    es wie sie mit den armen schlagen damit das
    blut zurückläuft in die bleichen kuppen
    daß sich die bilder nach u. nach verpuppen
    so unerforscht ist dieses grenzgebiet
    wie man nachts in leeren s-bahn-zügen
    auf einer strecke die man nicht so kennt
    zwei augen fiebernd über zeilen fliegen
    u. einen mund sich stumm bewegen sieht

    Das Beispiel von S. 12 aus dem Band zeigt das Verfahren. Es lohnt sich auch in den weiteren Texten, neben dem Sinn und den zum Teil –wie auch diesem Gedicht – sehr eindringlichen Bildern, auch diesen versteckten Reimen nach zu lesen. Sie sind metrisch immer erkenn- und zuordenbar.

    Viel Landschaft – Natur und Seele – wird betrachtet und unterschiedlich zu einander in Bezug gesetzt. Der Mensch, der immer unterwegs ist, spiegelt sich in seiner zu ständig verändernden Umgebung, die in der Erinnerung eine teilweise spannende Melange eingehen. Mein Urteil: Für Ramsch viel zu schade, aber Luft nach oben ist immer.

    Netfinder:http://www.randomhouse.de/luchterhand
    www.randomhouse.de/Autor/Norbert_Hummelt/p75384.rhd

     

    Thomas Steiner, Störung der Bilder, Lyrik, Basel 2010, IL-Verlag, 64 S., ISBN 978-3-905955-05-7

    Thomas Steiner ist den Lesern der Asphaltspuren kein Unbekannter. Zwei seiner Gedichte – „mitteilung der gedanken“, S. 48 im vorliegenden Band, erschienen in ASP7, und „kurz dachte ich, S. 26f ebenda, erschienen in ASP12, wurden dort bereits vorgestellt. Es macht uns stolz, diesen Band jetzt besprechen zu dürfen, zeigt es doch, dass die ASP-Macher einen ganz guten Geschmack gehabt zu haben scheinen; der Autor ist schließlich nicht der erste, dem wir nach seinem Erscheinen in den ASP später rezensieren durften.

    1961 in Reutte/Tirol geboren, lebt und arbeitet der Autor Thomas Steiner heute in Neu-Ulm. Er hat bereits mehrere Preise erhalten. Der vorliegende Band ist seine erste Buchveröffentlichung.

    Der Titel beschreibt seine feingliedrige Lyrik sehr gut. Aus seinen Bildern, die sehr oft wie eine fast romantische Beschreibung daherkommen, lugt das Leben und Sterben oft unvermittelt hervor. Nie wird direkt angesprochen, was gesagt werden soll; immer muss der Leser sich auf den Text einlassen, um hinter der locker leichten Fassade den tieferen Sinn zu entdecken.

    Als Beispiel sei hier „im kopf drin strömt viel blut herum“, im Band S. 16, aufgeführt, an dem man die Methodik des Lyrikers Thomas Steiner herausarbeiten kann. Es geht um die Fragen des Daseins, des Lebens und Sterbens, des Liebens und der Natur, die es zu hinterfragen und reizvollen Schlüssen und Betrachtungsweisen zuzuführen gilt. Mein Urteil: Empfehlenswert, aber nichts für Schnellleser. Man sollte Zeit haben, um die Texte wirken zu lassen.

    Netfinder:
    http://www.il-verlag.com
    http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Steiner_%28Autor%29
    http://ausserdem.de

    Weltweitweb, im November 2011

    Walther

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