Wie ein Haiku entstehen kann

    Wie ein Haiku entstehen kann

    von Volker Friebel

    Mitte September, wir wandern durch heftigen Wind in den Allgäuer Alpen, auf dem Grat der Nagelfluhkette. Eine Wolke hüllt uns ein, Regen strömt. Aber dann reißt das Weiß auf – und da erstreckt sich fern, weit unten, der Bodensee, und noch ferner im Schneekleid der Säntis. Eine Alpendohle schreit.

    Als ich die Augen schließe, werden die Bilder noch klarer. Es stellen sich Worte ein:

    Dohlenschreie. Und Wind.

    Das ist nicht alles Erlebte, das wäre für ein Haiku zu viel. Es greift etwas aus dem Erlebten heraus. Wenn ein Haiku einfach ein Sinneseindruck wäre, wäre der Text schon genug. Trotzdem folgt nach einer Pause noch:

    Schneeduft.

    Warum fiel mir das noch ein?

    Vielleicht, weil sich in mein Empfinden etwas einmischte, das über den Augenblick hinausgeht: die vielen gelesenen Gedichte, das daraus entwickelte ästhetische Empfinden, womöglich auch ein Bestreben, „gut“ sein zu wollen, „besser“, „origineller“, sich in einer Konkurrenz zu den vielen schon vorhandenen Texten zu wissen. Das alles ist im Vergleich zum gelebten Augenblick nichts unbedingt Gutes, aber doch etwas, das in den Sinneseindruck mindestens noch ein Hinterfragen, eine Bewegung hineinbringt. Die es dann zu prüfen gilt.

    Dohlenschreie.
    Und Wind.
    Schneeduft.

    Literarisch scheint mir dieser Text jedenfalls anspruchsvoller. Das Gefieder von Alpendohlen ist fast schwarz. Das wird kontrastiert mit dem Schnee. Zudem enthält der Text nun Gehör und Geruch (mit dem Wind vielleicht auch noch Gespür), ist damit origineller als die meisten Texte, die beim Sehen und höchstens noch Hören bleiben.

    Anspruchsvoller und origineller. Aber ist der Text damit auch besser geworden?

    „Dohlenschreie. Und Wind“ ist einfacher gehalten, es hat zwei Hauptbegriffe. Der neue Text hat drei. Man ist geneigt zu glauben, ein Text werde besser, wenn mehr gesagt werde, weil mit dem mehr Gesagten die Situation besser wiedergegeben werden kann.

    Manchmal trifft das zu. Meistens nicht.

    Denn es geht bei Texten nicht darum, etwas genau zu beschreiben, sondern darum, durch das, was ich schreibe, ein Bild im Leser hervorzurufen. Wollte ich versuchen das, was ich in einem einzigen Moment wahrnehme, vollständig zu beschreiben, reichte ein dickes Buch nicht aus. Ein dickes Buch ist kein Bild. Und kein Haiku.

    Zwei Hauptbegriffe sind, mindestens beim Haiku, fast immer besser als drei. Hat man drei, lohnt der Versuch, einen davon loszuwerden. Das heißt in unserem Fall allerdings nicht unbedingt, auf die erste Version zurückzugehen.

    Der Text besteht in dieser erweiterten Version auch nicht mehr nur aus der unmittelbar erlebten Situation. Der Schneeduft war nicht wirklich da, er ergibt sich aus der Kälte und dem Anblick des Schneebergs in der Ferne. Der in der Ferne gesehene Schnee rückt mit der Hinzunahme von „Schneeduft“ näher, wird durch „Duft“ sinnlicher, das Haiku betont überhaupt die Kargheit mehr, über das Schwarz und das Weiß.

    Schwarz sind allerdings nur Alpendohlen. Andere Dohlenarten, sagt mir das Netz, können stellenweise graues Gefieder haben. Wenn es mir auf das Schwarz ankommt, sollte ich den längeren und spezielleren Begriff wählen. Das hat außerdem den Vorteil, dass die Berge im Haiku aufscheinen.

    Schreie von Alpendohlen.
    Und Wind.
    Schneeduft.

    Der Text hat als Notiz begonnen und ist mit all den Veränderungen literarisch geworden. Lässt sich das aber noch irgendwie besser sagen? Und vielleicht mit zwei statt mit drei Hauptbegriffen?

    Schreie von Alpendohlen.
    Von irgendwoher trägt der Wind
    Schneeduft.

    Schreie von Alpendohlen.
    Von irgendwoher
    Schneeduft.

    Der Wind wird im ersten neuen Anlauf vom Hauptbegriff zum Nebenbegriff degradiert und bei der nächsten Version ganz weggelassen. Was wirkt besser? Vermutlich gibt es keine allgemeingültige Antwort, die Ansichten der Leser dürften sich teilen. Als Autor muss ich mich für eines entscheiden.

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