Die Erfindung der Poesie

    Raoul Schrott, Die Erfindung der Poesie, Gedichte aus den ersten viertausend Jahren, Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), München, 1999, 2. Auflage 2003, ISBN 3-423-13144-6

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    Ein Buch aus dem Jahr 1999 im Jahr 2006 besprechen: Das erscheint einerseits auf den ersten Blick fast wie ein Nekrolog. Andererseits zeigt es, dass Thema und Inhalt etwas haben müssen, das über das Heute hinausweist, von bleibendem Wert ist in Aussage und Bearbeitung.

    Raoul Schrott, der Meister aller Sprachen, mag man fast neidvoll sagen, spannt in diesem Buch einen Bogen vom sumerischen Gilgamesch-Epos aus der Epoche um 2.400 vor Christus bis zur keltsich-walisischen Poesie des 14. Jahrhunderts. En passant streift er die griechische Lyrik des 7. und die römische Poesie des 1. Jahrhunderts vor der Zeitenwende.

    Ebenso darf die arabische Lyrik um die Zeit Mohammeds herum, der Entstehung des Islam im siebten Jahrhundert nach Christus, nicht fehlen. Er zeigt daran die Veränderung durch die Religionsstiftung nach, ebenso wie die in der parallel sich abspielenden Christianisierung und der keltisch-irischen Poesie zur ungefähr gleichen Zeit. Danach streift er die hebräische Lyrik des 11. Jahrhunderts nach Christus, die er wiederum mit der arabischen in Sizilien zur selben Epoche vergleicht.

    Im zwölften Jahrhundert greift er den Minnesang Guihelm von Poitiers auf, der sich auch im deutschsprachigen Raum in den Gedichten Walther von der Vogelweides spiegelt. Danach kehrt er nach Sizilien an den Hof Friedrichs II zurück, wo er den Ursprung des Sonetts verortet und anhand von Beispielen der ältesten Textzeugnisse dieser Gedichtform nachzeichnet. Mit einer Einführung in die keltisch-walisische Poesie des 14. Jahrhunderts im Vergleich zur irischen endet dieser Band.

    Vom ganz besonderem Wert sind die von ihm den essayhaften Aufbereitungen der Kapitel angefügten Übertragungen von Gedichtbeispielen ins Deutsche, die er selbst angefertigt hat. Manche Texte erscheinen als kongeniale Nachdichtungen. Hier schreibt ein Lyrikversessener, der den Leser die Schatulle seiner Forschungs- und Übersetzungsarbeit bereitwillig, kenntnisreich und auch für den Nichtliteraturwissenschaftler verständlich geschrieben, öffnet.

    Wer die Wurzeln der modernen Lyrik kennenlernen will, muss zu ihren Wurzeln gehen, um sie dort für sich zu „er“finden. Es sind dies der priesterliche Gottesdienst, das Geschichten erzählende und das unterhaltende Lied. Es ist die – am Anfang in sehr feste Formen, Metren und Strukturen gewandete – Lobpreisungspoesie in Anbetung der Götter, der Natur, die Liebe, der Verschmähung und des Kriegs. Der Reim hingegen ist wohl eine europäische Beigabe, die erst später in die Lyrik einzog.

    Für alle, die mehr über die Poesie wissen wollen, ist dieses Buch ein Muss. Für alle anderen kann es eine Anstiftung sein, die Lyrik als die älteste Literaturform für sich und ganz neu zu entdecken.

    Weltweitweb, im September 2006

    Walther

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