Aufbau eines Haiku

    Aufbau eines Haiku

    von Volker Friebel

    winterabend
    über dem ofen ein
    schmetterlingsmobile

    Am Haiku von Sylvia Bacher aus Wien lässt sich gut der typische Aufbau eines Haiku zeigen.
    Die erste Zeile, „winterabend“, gibt eine Zeit vor und erzeugt eine Grundstimmung. In dieser kann dann der zweite Teil atmen: „über dem ofen ein / schmetterlingsmobile“.

    Fast alle gelungenen Haiku bestehen aus zwei Teilen. Die Kunst besteht darin, die Teile in eine interessante Beziehung zueinander zu setzen. Und es ist eine Kunst, sie so zu setzen, dass sich nicht immer dasselbe Muster zu offensichtlich aufdrängt.
    Denn sehr häufig steht in der ersten Zeile genau solch ein atmosphärisches Wort. Für jedes einzelne Haiku ist das in Ordnung. Liest man aber eine Sammlung von Haiku und findet fast durchgehend eben diesen Aufbau, ermüdet das. Ein solches Wort sollte deshalb immer wieder mal erst am Schluss gebracht werden. Oder statt ihm sollte etwas Längeres mit derselben Funktion stehen, das bis in die zweite Zeile hineinreicht.
    Zwei klar unterscheidbare Teile, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, lassen sich aber fast immer erkennen. Gelungene Haiku, die aus weniger oder aus mehr als zwei Teilen bestehen, sind selten.

    Weshalb ist dieses Stimmungswort so wichtig?

    „winterabend“ gibt eine Zeit vor. Es ist ein Jahreszeitenwort. Die Aufgabe von Jahreszeitenwörtern ist offensichtlich, den lyrischen Text aus dem Abstrakten und Allgemeinen auf die Erde zu holen, ihn zu verorten und gegenwärtig zu machen, ihn im Erleben anzusiedeln und nicht im Erdenken. Haiku ereignen sich stets in der Gegenwart – allerdings kann dabei auch eine Erinnerung, also eine andere Zeit, angesprochen sein.
    In der klassischen japanischen Dichtung wurden für die Vergegenwärtigung ausschließlich Wörter mit Bezug zu den Jahreszeiten verwendet, etwa Tiere oder Pflanzen oder Naturphänomene, die mit einer bestimmten Zeit verbunden werden, wie „winterabend“ mit dem Winter. Deshalb wird das Haiku manchmal als Naturgedicht angesehen. Aber auch Jahreszeitfeste oder sonstige jahreszeitlich gebundene Ereignisse können verwendet werden, in denen Natur nicht unbedingt vorkommt.
    Im westlichen Haiku, auch im heutigen Japan, wird die Vergegenwärtigung oft anders erreicht. „Straßenbahnhaltestelle“ wäre dafür geeignet oder „Wochenmarkt“; alles ist möglich, was den Text im Konkreten, Gegenwärtigen ansiedelt. Manche moderne Autoren verwenden Jahreszeitenwörter nicht gern, da unser Leben heute weit weniger jahreszeitlich bestimmt wird, als das früher der Fall war. Am Jahreszeitenwort zu haften, sei deshalb eine Bindung an die Vergangenheit, die der Gegenwärtigkeit von Haiku gerade nicht entspricht. Eine nachvollziehbare, aber vielleicht etwas übertriebene Einstellung, denn natürlich gibt es Jahreszeiten noch immer.
    Im klassischen japanischen Haiku gilt es als Fehler, in einem Haiku zwei unterschiedliche Jahreszeiten zu nennen: Die Vergegenwärtigung leidet. Und als ungeschickt, eine Jahreszeit doppelt anzusprechen: Das Sparsamkeitsprinzip der Lyrik, das bei Kurzgedichten besonders schwer wiegt.

    Im Haiku von Sylvia Bacher sind „winter“ und „ofen“ gesetzt. Das kann man als Doppelung kritisieren. Es lässt sich aber auch so auffassen, dass eine Vertiefung stattfindet: Der „winterabend“ ist überall in der Welt. Der „ofen“ setzt die Situation nach dieser Vorbereitung nun konkret in der Stube an und vertieft durch seine Wärme die Kälte draußen. Ich betrachte das doppelte Jahreszeitenwort in diesem Haiku deshalb sogar als Gewinn.
    Die Kunst des Haiku liegt im Gestalten der Beziehung zwischen seinen beiden Teilen. Da gibt es kein Patentrezept, die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Welt.
    Im Haiku von Sylvia Bacher erfolgt einerseits durch die Folge „winterabend“ und „ofen“ eine Konkretisierung und Vertiefung der Grundstimmung. Und außerdem, und das ist das Wesentliche an diesem Haiku, wird diese Grundstimmung kontrastiert und noch weiter vertieft durch das „schmetterlingsmobile“.

    „Schmetterling“ ist eigentlich ein weiteres Jahreszeitenwort – dem Sommer zugeordnet. „Mobile“ nimmt diese Zuordnung zurück, denn als Mobile und gebastelt können Schmetterlinge natürlich das ganze Jahr über am Faden hängen. Aber nun, in der Winterstube, fangen sie an, sich zu bewegen, über der vom Ofen aufsteigenden warmen Luft. Winter – Schmetterlinge: Der Widerspruch wird im Tanz über dem Ofen zum Zauber. Das ist der Haiku-Moment!

    Anmerkung: Das Haiku von Sylvia Bacher wurde entnommen aus: Volker Friebel (Herausgeber) (2017): Südwind. Haiku-Jahrbuch 2016. Tübingen: Edition Blaue Felder. Im Buchhandel erhältlich oder als pdf-Datei zu lesen auf www.haiku-heute.de unter „Jahrbuch“.

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    3 Gedanken zu „Aufbau eines Haiku“

    1. Dezemberluft steigt
      Ein Tanz überm Heizkörper
      Schmetterlingsreigen

      Nur so zum Zeigen, dass meiner Meinung nach ein Haiku nicht unbedingt ein haiku sei.

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