Das mittlere Kind

    Das mittlere Kind

    von Thomas Kodnar

    Ich habe vierzehn Geschwister. Simon ist gestorben und Sarah weggezogen, aber trotzdem: Ich habe vierzehn Geschwister. Mit Sarah telefoniere ich, und das Grab kann man besuchen. Voilà – Familienleben.

    Ich bin genau in der Mitte. Sieben vor mir, sieben nach mir. Nach meinem nächstältesten Geschwisterchen – Sebastian, genannt Sepp – hat meine Mutter eigentlich keine Kinder mehr zeugen wollen. Dann hat sie sich scheiden lassen und meinen Vater kennengelernt. Und es ist weitergegangen mit den Schwangerschaften. Allerdings nicht dank meines Vaters. Der ist nur kurz angesagt gewesen bei meiner Mutter.
    Er hat nicht einmal vor, zum Begräbnis zu kommen. Zumindest hat er noch nicht auf die Einladung reagiert. Dabei sind sie wirklich verliebt ineinander gewesen, wenn ich den Erzählungen meiner Mutter glauben kann. Aber die letzten Jahre hat man ihr kaum etwas glauben können. Zumindest Sarah zufolge; nur wer weiß schon, ob man Sarah irgendetwas glauben soll. Sie hat mir anvertraut, dass die Lügen von Mutter der Grund gewesen sind, warum sie so früh weggezogen ist. Als ich Michael davon erzählt habe, hat er gemeint, Sarah sei gegangen, weil sie eine blöde Hure ist. Solche Aussagen nehme ich aber noch weniger ernst als Sarahs Wettern gegen Mutter. Michael hat Sarah nie leiden können, und umgekehrt genauso. Mutter hat immer erklärt, das läge daran, dass sie Zwillinge sind: Sie müssen streiten, weil sie um den gleichen Platz auf dieser Welt konkurrieren, und niemals würden akzeptieren können, dass sie ihn teilten.

    Das ist schon kompliziert, zu dieser großen Familie zu gehören. Man will meinen, jede Verkleinerung der Bande durch einen Todesfall würde die Sache erleichtern. Aber irgendwie ist alles noch komplizierter, seit Mutter auch gestorben ist. Das ist erst eine Woche her. Und um das Baby, dessen Geburt sie umgebracht hat, kümmere zurzeit hauptsächlich ich mich. Warum auch immer. Ich bin elf und habe keine Ahnung von Babys.
    Aber ich weiß, dass ich mein vierzehntes Geschwisterchen liebe und dass ich für es sorgen muss. Auch wenn es Mutter getötet hat.
    Mutter hat schon Tage vor der Geburt gesagt, wie das Kind heißen soll. Rafael, wenn es ein Junge wird, Johanna, wenn es ein Mädchen wird. Die Wehen haben unerwartet früh eingesetzt, und Stunden später ist Mutter tot gewesen, bevor sie das mit dem Namen offiziell hat machen können. Jetzt hat es noch keinen Namen, strenggenommen. Sein Vater ist schon vor Wochen verschwunden, und es ist immer noch keine Entscheidung gefallen, zu wem wir jüngere Kinder für den Rest unserer Minderjährigkeit gehen sollen. Also habe ich ihm einen Namen gegeben. Ich nenne meine Schwester Mia.
    Ich weiß nicht einmal, woher ich den Namen habe, aber er gefällt mir wahnsinnig gut. Mia auch, soweit ich feststellen kann. Immer, wenn ich so zu ihr sage, lächelt sie. Karo behauptete, das Baby sei noch zu jung, um überhaupt lächeln zu können, und ich sei dumm, weil ich mir einbilde, es lächeln zu sehen. Aber Karo ist nur ein Jahr älter als ich und sicher nicht viel schlauer, also ist mir egal, was sie sagt.

    Die Sozialarbeiterin, die auf uns aufpasst, stimmt mir außerdem zu: Mia lächelt, wenn ich ihren Namen sage. Aber Fräulein Berchtold sagt auch immer, wenn sie mich ins Bett bringt, Mutter würde jetzt auf mich herabsehen und mich beschützen und mir dafür danken, wie gut ich mich um Mia kümmere, also ist diese fremde Frau auch nicht gerade vertrauenswürdig: Scheinbar hat sie nicht einmal verstanden, dass Mutter nicht mehr im Zimmer über mir schläft, sondern tot ist, obwohl das eigentlich der Grund dafür ist, dass Frau Berchtold jetzt bei uns wohnt.

    Manchmal frage ich mich, ob alle außer mir ein bisschen dumm sind. Das habe ich Mutter auch einmal gefragt, und sie hat gelacht und zu mir gesagt: Nein, sicher nicht, aber du bist mein ganz besonders schlauer Junge, Jonathan.
    Das hat mich gefreut. Ich habe sie umarmt damals, das weiß ich noch. Obwohl ich so oft umarmt habe, erinnere ich mich an diese Umarmung ganz besonders. Weil sie mich zurückgedrückt hat, glaube ich.
    Ich weiß nicht, warum ich Mia so besonders liebhabe, aber ich glaube, es hat damit zu tun, dass ihr Vater auch Franzose ist. Natürlich nicht der gleiche Franzose wie mein Vater. Wobei, vielleicht doch – ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Vielleicht haben meine Eltern einander wiedergefunden, und Mutter hat mir das sagen wollen, irgendwann, ist aber gestorben, bevor es dazu gekommen ist …
    Vielleicht mag ich Mia deshalb so gerne. Weil wir die gleichen Eltern haben, nicht nur die gleiche Mutter. Ich werde das einfach für den Rest meines Lebens glauben und behaupten, denke ich. Die Vorstellung ist schön.

    Ich habe Mia vor kurzem mit zu Simons Grab genommen. Sie ist das einzige von meinen Geschwistern, das noch mit mir mitkommt. Es ist komisch gewesen, Fräulein Berchtold dabei zu haben – mit jemandem Fremden bin ich noch nie bei Simon gewesen. Aber irgendwie habe ich dann gar nicht mehr bemerkt, dass Fräulein Berchtold da ist. Es ist ganz eigenartig gewesen, mit Mia dort beim Grab zu stehen, Simon die neue Schwester zu zeigen und ihm zu erzählen, dass Mutter jetzt auch tot ist. Simon hat das Ganze still wie immer zur Kenntnis genommen. Manchmal frage ich mich, ob er mir überhaupt noch zuhört.

    Fräulein Berchtold erlaubt mir nicht, mit Mia in einem Zimmer zu schlafen. Sie sagt, Mias Weinen und Schreien würde meine Nächte stören, und ich bräuchte meinen Schlaf, weil ich noch wachsen muss. Aber das ist mir egal. Ich würde nachts aufstehen, wenn ich Mia schreien höre, und ich würde sie wiegen, bis sie wieder schläft. Außerdem glaube ich gar nicht, dass Mia nachts schreit. Mia schreit nie. Sie lächelt nur.
    Und ich kann nie schlafen, gerade weil Mia nicht bei mir ist. Ich habe Angst, dass sie wirklich zu weinen beginnt und ich nicht da bin. Ich könnte sie trösten, wenn sie weint. Außerdem gefällt mir der Gedanke nicht, dass irgendetwas nachts mit ihr passiert, das sie zum Weinen und Schreien bringt. Warum sollte das irgendjemand zulassen?

    Es ist fast elf Uhr abends, und ich schlafe immer noch nicht. Ich höre Michaels Schnarchen vom Raum nebenan und Karos leises Schlafraunen vom Bett am anderen Ende unseres Zimmers. Morgen möchte ich früh aufstehen, um wieder Simon zu besuchen, aber wenn ich nicht bald einschlafe, werde ich auch nicht früh genug aufwachen. Ich muss nachsehen, ob es Mia gutgeht, damit ich einschlafen kann.
    In dem Zimmer, in dem Fräulein Berchtold und Mia sind, ist es sehr dunkel. Da ist schon einmal ein Problem. Ich weiß nicht mehr viel über meine Kindheit, aber Mutter hat mir einmal erzählt, dass ich nie habe schlafen können, wenn kein Licht gebrannt hat. Mia ist mir so ähnlich – wahrscheinlich weint sie manchmal, weil sie aufwacht und alles finster ist.
    Ich schleiche an Fräulein Berchtolds Bett vorbei – sie schnarcht auch, noch lauter als Michael, was Mia wohl auch zum Weinen bringen kann – und hin zum Hochbett. Mia schläft, aber sie bewegt ihre Arme und Beine ein wenig. Entweder träumt sie schlecht oder sie ist kurz davor, aufzuwachen und zu schreien. Sie liegt auf dem Rücken. Ich hasse es, auf dem Rücken zu liegen. Sie wahrscheinlich auch. Und sie hat nur einen Polster. Mir hat ein Polster nie gereicht.
    Ich lache leise, weil ich es lustig finde, wie offensichtlich die Gründe dafür sind, dass Mia nachts manchmal weint und schreit. Ich hebe sie vorsichtig hoch und drehe sie um, lege sie auf den Bauch. Sie wacht nicht auf dabei – so gut bin ich im Umgang mit ihr. Und ich schleiche zurück zu Fräulein Berchtolds Bett: Sie hat vier Polster, natürlich, sie krallt sich alle und lässt Mia nur eines haben. Und dabei liegt Fräulein Berchtold nur auf einem der vier! Ich nehme ihr zwei weg, trage sie hinüber zu Mia, und lege einen auf ihre rechte, einen auf ihre linke Seite. Ich rücke sie zurecht, damit sie näher bei ihr sind. So hat Mia es kuschelig und warm.
    Als ich zurück in mein Bett krieche, weiß ich, dass Mia heute Nacht nicht schreien oder weinen wird. Und morgen, wenn Fräulein Berchtold das ganz verwundert erzählt, werde ich ihr erklären, wie es dazu gekommen ist. Und alle werden sehen, wie gut ich auf Mia aufpassen kann. Und vielleicht erlaubt man uns dann, auf den Friedhof zu Simon zu ziehen­, und ich darf Mias Vater sein. Dann braucht man uns nicht zu Sarah zu schicken. Oder die Eltern von uns Minderjährigen ausfindig zu machen. Oder Michael, Andrea und Martin zu unseren Vormündern zu machen, obwohl es klarer nicht sein könnte, dass sie darauf keine Lust haben.

    Ich denke an Mias Lächeln und lächle selbst, als ich einschlafe.

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