Als mir die Mortadella der Hunde (fast) das Sommermärchen versaute

    Als mir die Mortadella der Hunde (fast) das Sommermärchen versaute

    von Helge Hommers

    Die große Akne-Plage? Längst vorbei! Die Versetzung? So gut wie in der Tasche! Dazu eine vier Wochen lange Party vor Augen, die als „Sommermärchen“ in die Geschichte eingehen wird – nicht gerade die schlechtesten Aussichten für den Siebzehnjährigen, der ich nun mal bin.
    Nur um auf Nummer sicher zu gehen, trage ich das wahrscheinliche WM-Finale aber schon mal selbst aus und schieße den Gastgeber mit einem 7:1-Kantersieg – als vierfacher Torschütze glänzt ein gewisser Kevin Kurányi – gegen Brasilien zum Titel. Während Teamleader Michael Ballack den Pokal in die Höhe stemmt, fühle ich mich sowohl virtuell als auch im wahren Leben unbesiegbar. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich in der Realität nur wenige Stunden später als chancenloser Verlierer vom Platz gehen würde.

    Das ganze Elend begann wenige Stunden zuvor mit einem Hungergefühl, das mich während des Eröffnungsspiels gegen Costa Rica – 9:0, drei Tore durch Gerald Asamoah – beschlich. Wie gewohnt hatte ich spät gefrühstückt und es dadurch wieder einmal geschafft, das traditionell zusammen mit meiner sorgenvollen Mutter, meinem verhassten Stiefvater und meiner pubertierenden Schwester eingenommene Mittagessen traditionell zu verpassen. Doch nun steckte ich in der Bredouille: Würde ich a) bereits jetzt erneut alleine essen, dann stünde wieder der Vorwurf im Raum, ich würde mich von der Familie abkapseln oder b) gemeinsam mit ihnen dinieren, nun mal nicht alleine speisen.
    Daher legte ich den Controller beiseite, kämpfte mich an den im Flur residierenden Hunden vorbei und lugte in das Innere des Kühlschranks. Was mich dort anstarrte, war jedoch so gar nicht nach meinem Gusto: Tofu, Grünkernbratlinge und der Buchweizenauflauf von vorgestern. Ich hingegen dachte nur: „Ich bin hungrig, ich bin bald volljährig, ich-bin-ein-Mann! Und Männer brauchen kein Karnickelfutter; Männer brauchen Fleisch!“

     

    Also ließ ich das Gemüse dort, wo es sich meines Erachtens am besten machte – außerhalb meiner Reichweite – und ging im restlichen Teil der Küche auf die Suche nach etwas Essbarem. Aber alles, was ich fand, waren ein paar Aufbackbrötchen, eine halbe Packung Margarine und ein fast voller Fünf-Kilo-Sack Trockenfutter für die Hunde.
    Für den Bruchteil einer Sekunde wog ich ab, ob ich letzteres nicht mal eine Chance geben sollte. Schließlich versprach schon die Verpackung einen „hohen Anteil von Fleisch und Fleischmehl“. Und hatten die Köter mir nicht schon oft genug in einem unbeobachteten Moment etwas vom Teller gemopst? Warum nicht mal den Spieß umdrehen, fragte ich mich.
    Dann fiel mir allerdings ein Zettel ins Auge, der wie beiläufig auf dem Küchentisch lag und auf dem „Bin einkaufen. Bei Notwendigkeiten vom Handy (!!!) aus anrufen“ geschrieben stand. Meine Rettung! Ich nahm mir das Festnetztelefon, sprang über die Hunde in mein Zimmer und startete die nächste Partie, während ich ein Rascheln in der Leitung vernahm.

    „Was willst du?“, meldete sich mein Stiefvater.
    „Jo, ich bin`s“, antwortete ich.
    „Ich weiß. Rufst du gerade über das Haustelefon an?“
    „Ja, mein Handy hat kein Guthaben mehr“, log ich.
    „Hast du den Zettel gelesen?“, fragte er, obwohl er genau wusste, dass ich das getan hatte, warum sollte ich ihn sonst anrufen?
    „Ja“, bejahte ich.
    „Dann lies ihn bitte nochmal“.
    „Boah, ich weiß, was das steht“.
    „Da bin ich mir nicht so sicher. Bitte tu mir den Gefallen, sonst zweifele ich an deinem Verstand“.
    „Aber wenn ich das mache, dann wird das Gespräch ja noch teurer“, sprach ich wohl wissend, dass ich ihn damit im Sack hatte.
    „Was willst du denn jetzt?“, fragte er nach kurzer Pause.
    „Kannst du Salami oder so mitbringen? Oder Mortadella vielleicht? Irgendwas Aufschnittmäßiges?“
    „Gut. Dafür gehst du aber noch mit den Hunden raus, die müssen noch kacken“, antwortete er und legte auf der Stelle auf, wohingegen ich sogleich bereute, ihn angeklingelt zu haben. Denn war die Demütigung, für zwei verhätschelte englische Jagdwerkzeuge den Kot-Pagen zu spielen, ein paar Scheiben Mortadella wirklich wert?, fragte ich mich.

    Zwei Vorrundensiege lang überlegte ich hin und her, doch wie die Vergangenheit nur zu oft gezeigt hatte, saß ich leider nicht am längeren Hebel. Und mit der Vision, in ungefähr zehn Jahren meine Rudelkämpfe als Grundlage eines literarischen Gute-Laune-Stücks zu verwenden, zog ich schließlich von dannen.

    Als ich eine knappe Stunde und fünf Häufchen später in unsere Siedlung bog, sah ich, wie mein Stiefvater den Einkauf auslud. Folglich drehte ich wieder um, drehte noch eine kurze Runde um den Block und kehrte schließlich enttäuscht zurück.
    „Hast du schon ausgepackt?“, fragte ich.
    „Ich sehe einen leeren Kofferraum. Was du siehst, kann ich nicht beurteilen“.
    „Wenn du noch zwei Minuten gewartet hättest, hätte ich ja helfen können“.
    „Ja, und dann muss ich wieder alles umräumen. Nee, lass mal, da mach ich das lieber alleine“.
    „Na gut“, antworte ich fröhlich und ergänzte nuschelnd: „Du kannst mich auch mal kreuzweise“ und spurtete an ihm vorbei ins Haus, griff mir Mortadella, Butter und drei Brötchen und verschwand in meinem Zimmer.

    Wohl genährt lehnte ich mich bald darauf in meinem Schreibtischstuhl zurück und sah nicht frei von Stolz, wie der blutjunge Philipp Lahm dem am Zenit seiner Karriere angelangten Miroslav Klose den Cup überreichte. Es war also alles serviert, einer furiosen Auftaktparty stand nichts mehr im Weg, und ich beschloss, mich so langsam in Schale zu werfen. Einen Klumpen Wet-Look-Gel in die Haare geklatscht, den Kragen des Polohemds hochgeklappt und den Hosenbund unter die Arschbacken geklemmt, schlich ich kurz darauf aus meinem Zimmer. Doch gerade als ich die Hand an die Haustür legte, kamen meine tierlichen Mitbewohner unter lautem Getöse angerannt und ließen meine Flucht aufliegen.
    „Wo willst du denn hin?“, fragte mich der Meister der beiden Verräter.
    „Zu den Jungs, das Spiel geht ja bald los.“
    „Welches Spiel?“
    „Na, das Spiel halt!“
    „Und was ist mit dem Abendbrot? Willst du etwa, ohne gegessen zu haben, aus dem Haus gehen?“
    „Ich hab schon gegessen“, sprach ich zu Boden.
    „Bitte? Ich verstehe dich nicht, wenn du statt in  meine Augen auf die Fliesen starrst.“
    „Ich hab keinen Hunger mehr, weil ich schon gegessen habe“.
    „Du hast schon gegessen? Ohne uns?“
    „Ja, aber nur weil euch das Spiel nicht interessiert, muss ich ja nicht gleich darauf verzichten, nur um auf Friede, Freude, Eierkuchen zu machen!“‘
    „So, junger Mann! Nach diesen Worten kannst du es dir abschminken, zukünftig noch irgendeinen Extrawunsch erfüllt zu bekommen. Das Chemie-Zeug, das du dir dauernd in die Haare kippst, die ganzen Taschentücher, mit denen du dein Ejakulat im Haus verteilst, und deine Mortadella zahlst du zukünftig schön alleine, damit das mal klar ist!“, brüllte er, während ich mich fragte, wo zur Hölle er mein – wie er es nannte – „Ejakulat“ vorgefunden hatte.
    Aber das war ein anderes Thema und gehörte definitiv nicht in diese Diskussion, die ich mit einem süffisanten Schulterzucken für beendet erklärte. Doch gerade, nachdem ich die Haustür geschlossen und mein Fahrrad aus dem Schuppen gezerrt hatte, kam mein Widersacher herausgestürmt und legte die Hand an meinen Lenker.

    „Was denkst du dir eigentlich?!“, schimpft er.
    „Na ja, ich will das Spiel nun mal sehen!“
    „Ach, wer redet denn von diesem Fußballspiel?!“
    „Wovon denn sonst?“
    „Komm mal mit! Ich zeig dir mal was“, forderte er und zog mich am Ärmel.
    „Och nee, können wir diese Spielchen nicht mal sein lassen? Ich bin doch fast erwachsen!“
    „Ja, genau, fast. Aber noch bist du es nicht, und das stellst du ja tagtäglich unter Beweis. Also jetzt komm kurz mit, und dann kannst du los zu deinen Fixer-Freunden.“
    „Fixer-Freunde?!“
    „Ja, was weiß ich, was ihr da immer in dieser Gartenlaube so treibt!“
    „Ok“, erwiderte ich, hob meine Arme und ging mit ihm rein. „Was ist denn?“
    „Guck mal hier rein“, entgegnete er und öffnete die Kühlschranktür.
    „Ja, und?“
    „Guck mal bitte rein“.
    „Und wonach soll ich bitte gucken?!“
    „Nach der Mortadella“.
    „Was ist denn mit der Mortadella? Ich hab die angebrochen, na und?“
    „Das ist aber nicht deine Mortadella!“
    „Hä?! Ich hab die doch bei dir bestellt!“
    „Nein.“
    „Wie nein?“
    Du hast Mortadella bestellt, ja. Aber diese hier…“, sprach er und zog jene Mortadella von der Wursttheke aus dem Kühlschrank, mit der ich kurz zuvor die Brötchen garniert hatte, „… ist nicht deine Mortadella. Das hier ist deine Mortadella“, ergänzte er und hielt mir eine verschweißte Packung der Marke „Gut & Günstig“ unter die Nase.
    „Die hier, die kannst du essen, bis du platzt. Aber die abgepackte Mortadella ist die für die Hunde, weil die keine andere mögen. Und da lässt du gefälligst deine Finger von, kapiert?“, fragte er und grinste mich mit einem Lächeln an, das vor sadistischem Wohlgefallen nur so strotzte.

    Aber ich musste zugeben, kapiert hatte ich in diesem Moment so einiges. Vielleicht nicht das, was er sich darunter vorstellt hatte, aber doch etwas anderes: Dass es, egal was für ein Arsch du bist, immer noch größere Ärsche gibt. Und dass du manchmal einfach den Kürzeren ziehst, egal wie unterwürfig deine Gegner dir auch scheinen. Und dass gewinnen nicht alles ist, denn ein dritter Platz kann unter gewissen Umständen ja auch ganz schön sein.

     

     

    Similar Category Post

    Ein Gedanke zu „Als mir die Mortadella der Hunde (fast) das Sommermärchen versaute“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.