Kalte Hände

    Kalte Hände

    von Fuchstraum

    Wenn es nicht mehr geht und die Welt über mir zusammenschlägt wie die Wogen des Meeres, und ich fühle, wie ich auf den Grund sinke in einem Strudel aus Gefühlen und Ängsten – dort hinunter wo gefährliche und trotzdem seltsam tröstliche Gedanken lauern. Dann gehe ich auf den Friedhof nahe dem Wald.
    Der Friedhof ist schon alt, und viele der Gräber sind nur noch undeutlich zu erkennen unter dem Gestrüpp, die Grabsteine ausgewaschen von saurem Regen. Doch in dem wilden Grün fühle ich, wie mich diese unglaubliche Ruhe überkommt. Plötzlich kann ich wieder frei atmen, und die Luft schmeckt frisch – ja, fast süß.

    Das Grab, das ich suche, ist ganz am hinteren Ende des Friedhofs. Auf dem Weg dorthin komme ich an ein paar alten Männern und Frauen vorbei. Sie sehen ganz verloren aus, wie sie auf Bänken sitzen oder Unkraut an einem Grab jäten. Irgendwie erscheinen sie dünn und durchsichtig, so als wären sie schon gar nicht mehr ganz hier, als würde sie der nächste Windhauch einfach davontragen.
    Vielleicht sollte mich dieser Anblick traurig machen, aber eigentlich finde ich die Vorstellung schön: Sich einfach vom Wind an einen anderen Ort leiten lassen und zurücklassen, was schmerzt.
    Das Grab, das ich suche, ist aus Sandstein, der so verwaschen ist, dass sich überall kleine Löcher gebildet haben. Es sieht ein wenig aus, als bestünde es aus grauem Schweizer Käse. In einigen der Löcher wächst Unkraut.
    Wenn ich ankomme, sitzt David immer im Schneidersitz direkt auf der Grabplatte und schaut den Wolken zu. Jedes Mal ist sein Kopf in genau der gleichen Haltung leicht in den Nacken gelegt. Erst wenn ich mich neben ihn gesetzt habe, schaut er mich an, so als wollte er den Anblick der Wolken so lange wie möglich auskosten.
    Seine Augen sind seltsam alt, so als hätten sie schon viel gesehen, aber da ist auch Güte in ihnen – seltsam unpassend in dem jungen Gesicht und den wirren dunkeln Haarsträhnen.
    Er sagt selten etwas, besonders nicht am Anfang. Doch nachdem er mich eine Weile betrachtet hat, nimmt er meine Hand. Eine Weile lang halten wir uns nur bei den Händen, und ich fühle, wie auch der letzte Rest schlechter Gedanken aus mir herausfließt. Er hat diese Fähigkeit. Er muss nichts tun oder sagen – nur meine Hand halten. Seine Hand ist kalt in meiner, aber das macht mir nichts aus.

    Wenn all die schlechten Gedanken aus mir herausgeflossen sind, wie Wasser, das man aus einem Schwamm drückt, fühle ich mich frei und ganz leicht. Dann ist es Zeit für uns zu gehen, denn wir haben eine wichtige Aufgabe zu erledigen.
    Unweit unseres Sitzplatzes ist ein Loch im schmiedeeisernen Friedhofszaun, und davor liegt eine große Wiese. Dort entlang führt unser Weg. David zieht mich mit, weil jetzt die Zeit drängt.
    Wir laufen schneller in Richtung Stadt und dann zwischen den Häuserreihen entlang. Es geht so schnell, dass ich irgendwann die Orientierung verliere, aber schließlich stehen wir vor einem Haus. Es ist einfach gebaut, aber schön. Man kann die Heimeligkeit fast mit Händen greifen, aber da ist noch etwas unter der Oberfläche, so wie der Geruch nach welkem Laub. Das ist der Geruch, der David leitet – der Geruch von Verzweiflung.
    Es ist mein Finger, der auf die Klingel drückt. Zeit vergeht, und dann hören wir Schritte. Die Tür geht auf, und ich sehe in das Gesicht einer jungen Frau um die 30. Ihre Augen sind müde und rot. In ihrem Gesicht flimmern Schatten von Schönheit und hunderte unausgesprochene Fragen.
    Jetzt muss ich mir schnell etwas einfallen lassen. David spricht nie zu den Menschen, das überlässt er mir. Ich stammle etwas davon, dass ich mich verirrt hätte und ihr Telefon benutzen muss. Dabei hoffe ich inständig, dass sie mir nicht einfach ein Handy bringt.

    Wir haben Glück. Die Frau bittet uns wirklich herein und geleitet uns in ihr Wohnzimmer. David schaut sie kein einziges Mal an. Ihre müden roten Augen sehen nur mich. Das Telefon steht auf einem kleinen Tischchen neben der Couch. Ich greife langsam nach dem Hörer. David verschwindet im Nebenzimmer, und kurz darauf vernehmen die Frau und ich ein Poltern.

    Die Frau folgt dem Geräusch und verlässt den Raum. Kaum dass sie verschwunden ist, ist David wieder da – ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Gemeinsam atmen wir tief ein. Ja, der Geruch nach Verzweiflung ist hier stärker. Wir folgen ihm, Schritt für Schritt.
    Eine Schublade im Sekretär scheint die Quelle des Geruchs zu sein. Schnell ziehe ich sie auf und sehe es auf den ersten Blick: Es ist ein Foto von einem kleinen Mädchen, ganz abgegriffen und gewellt, so als wäre es nass geworden. Schnell greife ich danach und stecke es in die Tasche.
    Als die Frau zurückkommt, lege ich den Telefonhörer gerade auf die Station und bedanke mich dann. Sie nickt und lächelt freundlich, doch das Lächeln erreicht nicht das müde Rot ihrer Augen.

    Sobald wir draußen sind, muss ich mich für einen Moment an eine Häuserwand lehnen. Die Anspannung hält mich noch immer gefangen. Ich schließe die Augen und versuche mein Herz zu beruhigen. Jedes Mal bin ich aufgeregt, doch immer wieder folge ich David. Gemeinsam gehen wir nach Hause. Dort im Garten hebe ich mit den Händen ein kleines Loch auf dem Rasen im Garten aus und lasse das Foto hineinfallen. Selbst durch die Erde kann ich die Verzweiflung riechen, die daran klebt.
    Dann sage ich die Worte, die David mich gelehrt hat:
    „In der sanften Umarmung des Dunkels ist niemand allein.“

    Was genau das bedeutet, weiß ich nicht, aber ich fühle, wie mir bei den Worten warm ums Herz wird und wie Gänsehaut über meine Arme kriecht.

    Und plötzlich ist der Geruch verflogen. Ich decke das Loch mit Erde zu und lege eine kleine Blume darauf – Vergissmeinnicht. Es ist ein Grab für den Schmerz, aber es ist mehr. Es ist Freiheit von Angst.
    Ich denke an die Frau mit den roten Augen, und ich weiß, dass sie nun loslassen kann. Dabei merke ich tief in mir, wie eine unsichtbare Hand den großen samtenen Theatervorhang der Welt ein kleines Stück zur Seite zieht und spüre dahinter etwas, das mir Hoffnung gibt.
    Diese Ahnung von der Welt hinter den Dingen ist wohl der Grund, warum David zu mir gekommen ist, als ich ihn gebraucht habe – und weswegen wir zu denen gehen, die uns brauchen.
    Ich schaue auf das kleine Meer von welken Blumen auf dem Rasen. Jedes kleine Grab eine Ruhestätte für Verzweiflung und Trauer – schlafende Talismane. David ist verschwunden, aber ich weiß, wo ich ihn finden werde.
    Keiner ahnt, was wir tun, und keiner wird uns je danken, aber ich weiß, dass die junge Frau morgen aufwachen, wird und zum ersten Mal wird ein neuer Tag für sie anbrechen. So wie für viele andere ein neuer Tag anbrechen wird. Und das gibt mir Kraft.
    Genauso weiß ich, dass ich immer wieder auf den Friedhof gehen werde, wenn ich merke, wie mir mein Leben entgleitet. David wird dort für immer auf mich warten – ohne Worte, aber mit ausgestreckter Hand – kalt, aber unendlich sanft.

    Und wenn die Toten so sehr lieben können, vielleicht können wir das ja auch …

     

     

     

     

     

    Similar Category Post

    Ein Gedanke zu „Kalte Hände“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.