Blaue Blätter

von Janike Dombrowsky

Ein Mädchen mit blonden Locken, das locker ein Jahr jünger war als ich, beäugte mich auffällig, während sie sich eine Zigarette anzündete.
„M…M…Ma…Mary.“
Ich wusste nicht, ob ich immer noch vor Kälte zitterte, oder vor Angst. Was tat ich eigentlich hier? Ich war müde und fühlte mich schlapp. Schlafen war mein nächstes Ziel. Und dann hielt mir jemand etwas hin.
„Nimm das. Dann geht’s dir besser.“
Ich wusste nicht, ob ich in diesem Moment wirklich so naiv war oder mein Gehirn einfach nicht mehr fähig war zu denken. Doch ich hatte so Hoffnungen auf eine Schmerztablette mit beruhigenden Wirkungen.

Es dauerte nicht lange. Ich sah Dämonen, Geister und andere Gruselkreaturen im Raum schweben und mich anstarren. Sie griffen nach mir. Ich war froh, endlich eingeschlafen zu sein. Auch wenn mein Traum alles andere als schön war. Endlich war ich frei von allem. Endlich konnte ich fliehen von der Realität, in der gerade alles so kompliziert war. Endlich fühlte ich mich besser.
Eine Hand hielt mir eine Flasche hin. Sehr gut, ich hatte richtig Durst. Das Wasser brannte in meiner Kehle. Vielleicht war es doch kein Wasser. Nebelschwaden zogen an mir vorbei, und ich dachte ich könnte fliegen, denn ich fühlte mich ganz leicht und schwerelos. Es roch eigenartig, noch nie hatte ich solche Gerüche in meiner Nase gehabt. Ich musste husten und hatte das Gefühl zu ersticken. Das Zittern wurde wieder stärker, ich hatte das Gefühl meine Muskeln nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

„Was machen wir mit ihr?“
„Was genau war das?“
„Kommt, wir gehen!“
„Sie ist total neben sich.“

Stimmen hallten in meinem Kopf. Ganz tiefe und ganz hohe. Ich wollte weg von den Kreaturen, doch feste Hände hielten mich fest. Vor mir tauchte das Bild von den Buchstaben in der Linde auf, und ich wurde wieder ganz wild und aggressiv. Die Blätter des Baumes färbten sich blau, wie das Sofa in Luis‘ Wohnung. Ich wollte zur Tür, doch sie schrumpfte so schnell, dass ich nicht mehr durchpassen würde.
Mittlerweile hatte ich mich losgerissen und krabbelte auf dem Boden in Richtung Ausgang, der nur noch so groß war wie ein kleines Fenster. Ich zwängte mich hindurch und kroch weiter. Vor mir tauchte ein steiler Abgrund auf und ich schrie laut. Es war ziemlich hoch, und ich hatte Höhenangst.
„Was machst du? Bleibe hier!“
Blonde Locken tauchten neben mir auf, und ich meinte nur: „Fliegen. Fliehen. Weg.“
Und dann warf ich mich nach vorne, bis die Sicherung komplett durchbrannte und alles schwarz wurde. Ich hatte nicht nur den Sinn für die Realität verloren, sondern auch noch mein Bewusstsein.

Die Tage im Krankenhaus taten mir gut. Psychologische Betreuung und Ruhe war genau das Richtige. Sie hatten mich mit LSD vollgepumpt. Und Wodka hinterher. Immerhin hatten sie den Krankenwagen gerufen, danach waren sie aber abgehauen.

Lina kam mich vorhin besuchen. Meine Eltern hatten ihr Bescheid gesagt. Sie sah auch verheult aus. Später erfuhr ich, dass ihr Freund auch Schluss gemacht hat. Das war der Grund, warum sie mich an dem einen Abend dringend gebraucht hätte. Und ich hätte sie gebraucht.
„Wie hat es sich angefühlt?“, wollte sie wissen.
Ich schluckte.
„Erst voll gut, dann war es komisch. Ich hatte einfach nur Panik, alles schien bedrohlich. Sogar die Treppe. Und dann waren da diese blauen Blätter…Von unserer Linde. Du weißt schon.“
Ich sah ihr an, dass sie das nicht hören wollte. Aber es tat gut, darüber zu reden. So schnell würden wir uns beide nicht mehr auf Jungs einlassen. Und bevor ich mit Drogen versuchte, aus der Realität von meinen Sorgen zu fliehen, würde ich vorher meiner besten Freundin die Wahrheit sagen. Denn nichts war wichtiger als echte Freundschaft.

Ich lächelte.
„Ich hab dich lieb. Es tut mir so leid.“
Als ich aus dem Fenster des Krankenzimmers schaute, sah ich ein blaues Blatt vom Baum herunter segeln. Leicht und schwerelos.

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