Thermodynamischer Briefwechsel

    Thermodynamischer Briefwechsel

    von Miriam Flach

    Geburt. Kindergarten. Grundschule. Gymnasium. Universität. Arbeit. Rente. Tod. Und dazwischen immer noch so zwischenmenschliches Zeug wie Freunde-Finden, Partner-Finden, Kinderkriegen und so weiter. So in der Art wird sich mein Leben einmal beschreiben lassen. Ein Lebenslauf wie jeder andere. Nichts Außergewöhnliches. Nichts Herausragendes. Die pure Monotonie. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde mich nicht einmal um eine Überraschung betrogen fühlen, wenn ich den Ausgang meines Lebens jetzt schon erführe.

    Aber vielleicht sollte ich erst an dem Punkt weiterleben, an dem ich gerade stehe, und das wäre an einer Kreuzung. Vor meiner Universität. Jeden Tag bereue ich es aufs Neue, sie überquert zu haben, wenn ich in einer langweiligen Vorlesung sitze und mir Namen von fremden Personen anhören muss, die irgendwann einmal Gesetze aufgestellt, lange Aufsätze geschrieben oder für Gerechtigkeit gekämpft und somit einen Beitrag für die Menschheit geleistet haben. Ich überlege dann, ob ich jemals etwas bewegen werde, und komme zu dem Schluss, dass dies unwahrscheinlich ist. Genauso unwahrscheinlich wie die Tatsache, dass ich mir die Namen all dieser wichtigen Wissenschaftler, Politiker und Künstler bis zur Klausur am Ende des Semesters merken werde. Manchmal denke ich, es ist vielleicht besser, wenn ich nichts Besonderes in meinem Leben erreiche, denn dann wird immerhin später niemand damit gequält, meinen Namen auswendig zu lernen. Andererseits frage ich mich, wofür ich überhaupt lerne, wenn es am Ende für nichts gut sein wird.

    Von unserer Kindheit an lernen wir. Sprechen, laufen, die Toilette benutzen. Sozial, kreativ und höflich sein. Lesen, schreiben, rechnen. Komplexe Informationen, Abläufe und Gegebenheiten analysieren. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto weniger wissen wir, wofür wir das alles tun. Je älter wir werden, desto weniger Zeit bleibt für die schönen Dinge des Lebens. Diese Erkenntnis macht aus lebensfrohen Kindern eines Tages lebensmüde Erwachsene. Und in dieser Phase bin ich mittlerweile angelangt.

    Jeden Tag stehe ich an der Kreuzung. Blicke auf meine Füße. Sehe die Reifen der Autos einige Zentimeter vor meinen Zehen vorbeirasen. Anderer Tag. Andere Schuhe. Andere Autos mit anderen Reifen. Anderer Müll, den weniger umweltbewusste Leute auf den Boden geworfen haben. Die gleichen Gedanken.

    Eines Morgens, als ich einen Text für die Uni lese, schreibe ich diese Gedanken auf einem kleinen Notizzettel auf: „Wofür mache ich das eigentlich?“ Der Zettel rutscht später, weil ich in Eile bin, mit meinen Unterlagen in meine Tasche, und ich bemerke ihn erst wieder, als ich erneut an der Kreuzung stehe und in der Tasche nach meinem Handy wühle. Ich starre ihn an, als wäre er persönlich dafür verantwortlich, dass ich mein Handy nicht finden kann, keine Lust auf die kommende Vorlesung habe und überhaupt mit meinem Leben nicht zufrieden bin. Er muss bestraft werden. Ich will ihn in den an der Ampel befestigten Mülleimer werfen, aber dieser ist komplett überfüllt. Einfach auf die Erde werfen und somit den Ort, an dem ich tagtäglich vorübergehen muss, noch unansehnlicher gestalten, möchte ich aber nicht. Somit stecke ich den zusammengeknüllten Zettel in einem unbeobachteten Moment in eine winzige Lücke der Halterung, die den Mülleimer an der Ampel fixiert.

    Einige Tage sind vergangen, und es dürfte kein Rätsel darstellen, wo ich mich in den frühen Morgenstunden befinde. Doch heute gucke ich nicht bloß auf meine Füße und die Reifen der passierenden Autos, während ich in Gedanken meinen Pessimismus auslebe. Diesmal wird mein Blick zur Abwechslung von etwas anderem angezogen. Mein Zettel! Er ist nicht etwa mit der Leerung des Müllbehälters verschwunden, nein, er scheint sogar noch etwas tiefer in der Lücke zu stecken, in die ich ihn gequetscht hatte.

    Ich komme mir zwar dämlich vor, aber meine Neugier siegt: Ich puhle den Zettel aus dem Loch. Irgendwie ist es schon eklig. Die Leute neben mir halten mich wahrscheinlich für jemanden, der in Abfall nach Pfandflaschen angelt oder zuhause eine Sammlung von Bänken abgekratzter Kaugummis hortet, aber mir ist es in diesem Moment egal. Vor allem als ich den Zettel auseinander falte und verwundert feststelle, dass jemand eine Gegenfrage an mich gekritzelt hat: „Was denn?“

    Ich muss grinsen. Einerseits, weil ich mir vorstelle, dass es tatsächlich eine Person gibt, die mickrige, dreckige (fremde) Zettel aus einer Mülleimerhalterung zieht. Andererseits, weil ich nicht glauben kann, dass mir tatsächlich jemand geantwortet hat. Es ist einfach zu seltsam. Trotzdem überlege ich mir gleich in der Vorlesung eine Erwiderung und kann es kaum abwarten, den Zettel wieder an seinen alten Ort zurückzustecken, um eventuell weitere Reaktionen zu bekommen.

    „Naja, einfach leben, studieren, das machen, was so viele schon vor einem gemacht haben, obwohl man weiß, dass man irgendwann sterben wird. Denn wenn das Ende schon feststeht, wofür macht man das dann alles?“

    In den folgenden Tagen schleiche ich immer, wenn ich mich an der Kreuzung befinde, um den Abfalleimer herum. Ich kann selbst nicht glauben, was ich da tue. Als hätte ich mich zu einer schlimmen Art Messie entwickelt, die symbolische Tänze um einen Mülleimer herum aufführt. Bald ist wirklich eine neue Antwort zu sehen, leider werde ich von ihr enttäuscht: „Das wüsste ich auch gerne!“
    Da ich aber die Konversation mit der fremden Person nicht einfach enden lassen möchte, hake ich nach: „Du hast doch bestimmt eine Theorie. Meine ist, dass einfach nicht jeder besonders sein kann. Einige bringen es im Leben zu etwas, und damit diese besonders begabten Leute das schaffen, sind die anderen eben dazu verdammt, ein stinknormales Leben zu führen. Es kann nicht jeder die Welt verändern. Deshalb muss ich mein Leben so leben, wie es die meisten tun. Langweilig und vorgeschrieben. Aber warum ich mir das bis zum Ende antun will, weiß ich auch nicht so genau.“

    Die nächste Antwort lässt wieder nicht lange auf sich warten und erstaunt mich sehr: „Genau genommen sind wir doch alle gleich. Wir alle bestehen aus kleinsten Teilchen. Wir alle wurden irgendwann einmal geboren und werden irgendwann sterben, egal ob wir Romane schreiben, physikalische Gesetze aufstellen oder ein architektonisches Meisterwerk errichten. Deshalb bin ich der Meinung, dass niemand auf der Welt besonders ist und sich am Ende auch für die Besonderen kein Sinn des Lebens ergibt.“

    Daraus entsteht eine heftige Diskussion. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es ihn überhaupt? Wir sind beide der Meinung, ihn bisher nirgends gefunden zu haben. Die Argumentationen werden länger und persönlicher, es ist interessant, die Blickwinkel eines anderen und dazu völlig fremden Menschen in Bezug auf ein derartiges Thema zu erfahren.
    Mit der Zeit mutiert die Lücke am Ampelmülleimer zu unserem persönlichen „Sorgenauffänger“, in den wir Zettel mit Texten stecken, in denen wir über dies und jenes jammern und uns darüber auslassen, dass uns nichts und niemand versteht. Nie kommen wir auf die Idee, uns persönlich zu treffen. Es geht immer nur um den gedanklichen Austausch, und darüber hinaus ist es lustig, einen Ampelmülleimer als persönlichen Briefkasten zu verwenden, auch wenn das komisch klingt.

    Eines Tages stehe ich wieder an der Kreuzung. Etwas ist anders, das sehe ich sofort. Es ist nicht etwa die Abwesenheit eines neuen Zettels sondern etwas weitaus Auffälligeres: Die komplette Ampel steht schief in meine Richtung gebeugt und ist mit weiß-rot gestreiften Bändern abgesperrt, eine vorübergehende Ampel wurde an ihrer Stelle aufgebaut. Sofort werde ich nervös. Wird mein Zettel noch da sein? Nachdem ich zur Ampel gehastet bin, sehe ich etwas am Boden liegen. Der Zettel. Er sieht mitgenommen aus. Und er ist unbeantwortet.
    „Das muss nichts bedeuten“, rede ich mir ein, „vielleicht war er einfach nicht gut befestigt oder ist meinem anonymen Brieffreund aus der Hand gefallen.“
    Doch tief in mir drin weiß ich, dass ihm das nicht passiert wäre. Wir sind doch die ganze Zeit über so sorgsam mit unseren Nachrichten umgegangen.

    In der folgenden Zeit bin ich sehr betrübt. Dass eine fremde Person, die ich nie gesehen habe, mir jemals so ans Herz wachsen könnte, hätte ich nicht gedacht. Jeden Tag schaue ich bei meinem wieder reparierten persönlichen Postfach vorbei. Nichts. Und nach zwei vergangenen Wochen rechne ich schon gar nicht mehr damit, dass ich je wieder eine Antwort erhalte. Doch dann sehe ich ihn! Einen weißen Hoffnungsschimmer, der aus der schmutzigen Umgebung heraussticht. Sofort lese ich ihn.

    „Ich habe meine endgültige Antwort auf deine Frage, den Sinn in allem, durch eine Unannehmlichkeit gefunden, die du vielleicht mitbekommen hast. In meiner zweiten Notiz erwähnte ich, dass wir alle aus Teilchen bestehen. Doch wir bestehen nicht nur aus ihnen, wir sind sie. Wir bewegen uns täglich in der Menge mit anderen Teilchen, schweben hastig aneinander vorbei, halten Abstand. Doch je näher wir uns kommen, umso enger rücken wir zusammen, und umso fester wird unsere Bindung.
    Wir sind unzertrennlich, wenn andere Menschen uns wärmen und uns so stark durch ihr Dasein erhitzen, dass sie uns verändern. Somit sind wir gegensätzlich zu den Teilchen, aus denen wir bestehen. Bei Wärme nähern wir uns an, bei Kälte entfernen wir uns. Jeder hat die Möglichkeit andere Menschen zu beeinflussen, ihnen nahezukommen und somit ihr Leben zu verändern.
    Ich denke, das haben wir beide mit diesen Briefen gemacht. Und genau das ist der Sinn in allem. Niemand ist besonderer als jemand anders, alle können den gleichen Einfluss haben. Auch wenn wir nicht die Gesetze der Thermodynamik oder so aufgestellt haben, so haben wir am Ende doch alle thermodynamisch gelebt.“

    Die kleine Poststelle am Ampelbriefkasten wird an diesem Tag offiziell durch das Einstecken eines Zettels mit dem Wort „Danke!“ geschlossen. Meine Lebensbeschreibung kann ich nun um Folgendes ergänzen: „Von einem Fremden den Sinn des Lebens erklärt bekommen“.

     

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