Cover_Schleier

Starker Tobak. Da scheint sich jemand etwas von der Seele geschrieben zu haben

Rezension von Dieter Feist

Mihály Ozsgyáni: Mein Schleier rutschte ein wenig zur Seite. Roman, übersetzt von Marianne Behrmann. Ruhland Verlag, Frankfurt 2021. ISBN 978-3-88509-167-7, 199 Seiten, € 20,80 (D)

Wenn ich eine Buchbesprechung schreiben soll, interessiere ich mich, schon während ich lese, für die Person, die das Buch geschrieben hat. Ich weiß schon, eigentlich sollte man erst das Ganze auf sich wirken lassen, ehe man Hintergrundinformationen sammelt, aber mich treibt stets alsbald die Neugier. Zumal wenn, wie in diesem Fall, bereits in den ersten Kapiteln allerlei befremdliche Dinge passieren.
Es ist nicht einfach, etwas über den Autor Mihály Ozsgyáni herauszufinden, wenn man nicht ungarisch kann. Der Ruhland Verlag, der den „Schleier“ auf Deutsch herausgebracht hat, ist mit Informationen zu seinen Autor*innen sehr zurückhaltend. Zum Glück gibt es hervorragende Online-Übersetzer, die die Recherche erleichtern.
Mihály Ozsgyáni, erfahre ich, ist ein in Deutschland praktisch unbekannter ungarischer Schauspieler. Laut hu.wikipedia ist er im März 1980 geboren und kann mit 42 Jahren auf eine beachtliche Liste von Haupt- und wichtigen Nebenrollen an ungarischen Theatern zurückblicken – von der Provinz bis hin zur Hauptstadt.
Die Bildersuche zeigt einen sympathischen, einnehmenden, offenbar nachdenklichen und sensiblen Menschen. Natürlich hat er als Künstler auch eine eigene Internet-Präsenz. Hier bezeichnet er den „Schleier“, 2018 in Ungarn erschienen, als Roman.

Schauspieler*innen, die schreiben, sind keine Seltenheit. In der Regel schreiben sie über sich, recht wenige aber schreiben wirklich selbst; die meisten Biografien entstehen durch Interviews und mit Hilfe von Ghostwritern. Es gibt Ausnahmen, in denen ‚aus eigener Feder‘ bemerkenswerte Lebensberichte entstanden sind, die oft schonungslos auch biografische Brüche und erlittene Verletzungen zur Sprache bringen. Unlängst hat zum Beispiel Edgar Selge ein Buch* veröffentlicht, das vom Verlag als ‚Roman‘, von ihm selber aber als ‚autobiografisch‘ bezeichnet wird. Eine Sinnsuche, ein Rückblick auf eine überstrenge Erziehung und den Wunsch nach Anerkennung durch den Vater. Auch Andrea Sawatzkis kürzlich erschienener „autofiktionaler Roman“ setzt sich mit dem Vater auseinander**. Aber diesen Autobiografien ist gemeinsam: ältere Menschen reflektieren Phasen ihres Lebens aus großer zeitlicher Distanz.
Demgegenüber gibt es recht wenig jüngere Künstler*innen, die sich veranlasst sehen, zurückzublicken, und natürlich geht es hier nicht darum, eine Bilanz über Jahrzehnte zu ziehen, sondern meistens um die plötzliche Erkenntnis, dass der gegenwärtige Zustand eines vielleicht zufriedenstellenden und erfolgreichen Daseins auf einer Kindheit und Jugend mit Verwerfungen fußt. Ein früherer Prozess des sich-seiner-Bewusstwerdens. Erinnerungen brechen sich Bahn, weil vergangene Niederlagen, Defizite und Demütigungen nicht verarbeitet und auch noch nicht verdrängt wurden. Darüber nachzudenken ist wichtig, darüber zu schreiben mag ein Akt der Befreiung sein, das alles einem Publikum preiszugeben, erscheint Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, vielleicht wichtig.

Mihály Ozsgyáni hat insofern keinen Roman geschrieben, als er offensichtlich von sich selbst berichtet. Denn, so heißt es im Vorwort, „Mir ist klar geworden, dass ich die erlebten Gräuel nur auf eine Weise überleben kann, nämlich, indem ich so tue, als ob sie nicht mit mir geschehen waren. Natürlich ist dieses Spiel schrecklich schwer. Aber ich lernte schnell, dass mein Leben von diesem Spiel abhängt.“ Also eventuell doch ein Roman, über einen Jungen, dessen Name nicht erwähnt wird, und der stellvertretend für den Verfasser eine furchtbare Kindheit durchlebt.
Mir ist nur ein Schriftsteller bekannt, der diesen Umweg gewählt hat. Auch Jacques Cormery hat eine schwere Kindheit und, indem er sie für seinen Autor noch einmal durchleidet, scheint er ihn davon zu befreien. Albert Camus hinterließ Le premier homme*** nur als handschriftliches Manuskript, als er bei einem Unfall starb, prallvoll von überbordendem Erzähldrang. Und es geht darin beileibe nicht nur um die erlittenen Demütigungen, sondern auch um die Eindrücke und Erlebnisse, die die Kindheit seines alter ego trotz allem reich gemacht haben.
Auch Mihály Ozsgyáni berichtet nicht nur von den Gräueln, die in der Familie seines Stellvertreters passieren. Man spürt seine Lust am Erzählen, an Absurdem und Groteskem, wenn Figuren mit ihren Eigenheiten eingeführt werden. Zuallererst die Großmutter Erzsi, die durchs ganze Buch hindurch eine wichtige Rolle einnimmt, selbst nach ihrem Tod erscheint sie immer wieder. Jede Eigenheit registriert das ungenannte Kind ganz genau, und es sind diese Beobachtungen, die zu gelungenen erzählerischen Miniaturen werden: Das gewollt damenhafte Auftreten in ihrer Umgebung, aber auch die Nachlässigkeit in hygienischen Verrichtungen und die gewöhnungsbedürftige Weise, Nahrung zuzubereiten. Die dunkle Seite erscheint eher beiläufig. Omas dicker Bauch kommt von ihrer geschwollenen Leber. Überhaupt spielt der Alkohol eine große Rolle in der Familie. Und unmittelbar kippt die Komödie immer wieder in den Abgrund, ohne an erzählerischer Kraft zu verlieren. Es geschieht auch stets im Rausch, wenn Großmutter Erzsi von ihrem Vater verprügelt wird und er ist auch betrunken, als er sie zum ersten Mal vergewaltigt. Hier stehen auch die Worte, die Ozsgyáni im Vorwort noch auf sich selbst bezogen hatte: „Sie konnte die erlebten Gräuel nur auf eine Weise überleben, nämlich, indem sie so tat, als ob sie nicht mit ihr geschehen würden.“ Als ob nichts geschehen wäre, unternehmen Vater und Tochter aber auch gemeinsame Sauftouren, nach denen er sie, wenn sie nicht mehr laufen kann, auch mal auf eine Schubkarre lädt, um sie nach Hause zu transportieren.
Die die Gräuel überlebende und ihr Schicksal mit Unmengen Wein verdrängende Großmutter liebt den erzählenden Enkel sehr und tut alles, um ihm „eine glückliche Kindheit zu zaubern.“ Doch sie kann ihn nicht vor dem Unheil bewahren, das wie ein Fluch über der Familie, über der ganzen Umgegend der „Schießpulverstraße“ liegt. Alle Männer sind gewalttätig, gegen ihre Frauen und gegen ihre Kinder. Ihr gegen die Schwächeren gerichteter Selbsthass rührt von den Lebensumständen und der Unfähigkeit, sie zu reflektieren und zu ändern.
Die Gewalt, die sich stets plötzlich und grundlos, aber im Grunde für die Opfer nicht unerwartet entlädt, ist allgegenwärtige Normalität, zu deren Routinen auch die sachliche Überlegung gehört, wie man blaue Flecke und blutige Verletzungen anderen Leuten als Folgen eines Unfalls erklären kann.
Diese schreckliche, unentrinnbare Düsternis aus Brutalität und Inzest im Alkoholdunst wird im Buch mit bemerkenswerter Lakonie zwischen den skurril-anekdotischen Ereignissen erwähnt.
Die Ausweglosigkeit und die Ohnmacht zur Befreiung zeichnen sich als eigentliches Thema der Erzählung ab. Großmutter Erzsi stirbt, nachdem der eigene Vater ihr mit einer gusseisernen Pfanne den Schädel eingeschlagen hat. Der Enkel sieht sie blutüberströmt zusammensacken. „Sie ließ das halbfertige Brathuhn und die aktuelle Wäsche für immer da.“

Auch Erzsis Sohn, der Vater des Erzählers, ist ein Täter. „Mein Vater, wenn er abends aufstand, um zur Arbeit zu gehen, hatte eine halbe Stunde Zeit, um nüchtern mit seiner Familie zusammen zu sein. […] Eine halbe Stunde von den vierundzwanzig Stunden. Nicht allzu viel. Wir mussten uns also beeilen, alle wichtigen Fragen in dieser halben Stunde mit ihm zu besprechen.“ Nach der Arbeit betrinkt er sich und vergnügt sich mit diversen anderen Frauen.
„Dein Vater ist wieder zu einer Nutte gegangen“, sagt die Mutter eines Tages, setzt das Kind in den Kinderwagen und nimmt die Verfolgung auf. Schließlich erwischt sie ihn in flagranti auf einem „kratzigen Sofa“ mit Großmutter Erzsi. Die missbraucht ihn, seit er dreizehn ist.
Die Brutalität des Vaters ist unfassbar und richtet sich vor allem gegen seine Frau, auf die er krankhaft eifersüchtig ist. „Die Prügelgewohnheiten meines Vaters konnten übrigens leicht durchschaut werden, wenn man sie regelmäßig verfolgte oder selbst erlitt. Zumeist bestanden sie aus folgenden Schritten: Hochheben, Ohrfeige, entweder in den Garten oder ins Badezimmer schleudern, je nachdem, was gerade griffbereit war, Tritte verpassen und dann schlafen gehen.“ Entgehen kann man ihm nicht. Einmal versteckt der inzwischen jugendliche Erzähler die schwerverletzte Mutter in seinem Zimmer, weil er befürchtet, sie würde die Nacht nicht überleben, wenn er sie neben den Vater ins Bett legt.
Am anderen Tag geschehen dann wieder relativ harmlose Dinge.

Was für ein Buch!
Keiner kann entfliehen, niemand entkommt aus diesem entsetzlichen Strudel von Gewalt und sexueller Misshandlung. Im Gegenteil, fast scheint es, als seien alle auf fatale Weise aufeinander angewiesen, weil es außerhalb dieser unseligen Gemeinschaft keine andere Welt und keine Perspektiven gibt.

„Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, schnell. Ich musste mich beeilen, denn ich spürte jeden Moment, dass ich ersticken würde, wenn ich nicht sofort wüsste, was auf der nächsten Seite passiert!“ So wird die Schauspielerin Judit Pogány auf der Website des Autors zitiert.
Auch ich hätte das Buch gern in einem Rutsch gelesen, blieb jedoch im dritten Kapitel zum ersten Mal stecken. Erzählperspektiven und unterschiedliche Zeiten wechseln nicht kapitelweise, sondern oft von Abschnitt zu Abschnitt. Dazu kommen Menschen, die plötzlich in der Handlung erscheinen, und ebenso rasch wieder verschwinden, ohne dass sich Zeiten und Orte, an denen etwas geschieht, so recht erschließen.
Ich begann dann noch einmal von vorne. Drang weiter vor. Ein bisschen klarer wurde es schon. Blätterte versuchsweise ein paar Kapitel vorwärts. Lebhafte Episoden, manchmal filmreif in ihrer Situationskomik. Anekdotisch, lustig, dann plötzlich wieder beklemmend und erschreckend brutal.
Dann tat ich etwas, das man als Leser eigentlich lassen sollte. Ich las das letzte Kapitel vor den verbliebenen anderen. Der Erzähler sieht dem Vater beim Sterben zu. Der sinkt über den Küchentisch, schluchzt, ringt nach Luft, und nahe am Ersticken bricht ein letzter Satz aus ihm heraus: „Irgendwann wirst du alles verstehen.“
Jetzt verstand ich als Leser, was ich als Stringenz der Handlung vermisst hatte: der Ich-Erzähler überwindet als erster und vielleicht einziger die Ohnmacht zur Befreiung. „Ich wendete mich ihm wieder zu und teilte ihm mit kühler Gleichgültigkeit mit, dass er sich irre und dass ich bereits alles genau verstünde. Ich hätte sogar schon als Kind alles verstanden. Dann trat ich durch die Tür und ließ ihn allein.
Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah.“
Ungerührt wird berichtet, dass der Vater verbrannt und in einer Urne beigesetzt werden muss, weil im Grab schon zu viele Opfer liegen und nicht genug Platz für einen weiteren Sarg ist. „Und als meine Mutter und ich uns beim Abschied vor den drei Akazien an der Straße umarmten, konnte man die Stille hören, weil wir kein Wort sagten. Es gab ja nichts zu sagen. Wir standen lange da, neben dem Auto, lagen uns in den Armen und dachten dabei das Gleiche: dass es zu Ende ist.“
Es entsteht der Eindruck, dass sich da jemand etwas von der Seele geschrieben hat. „Es ist alles Fiktion“, schreibt Ozsgyáni auf seiner Internetseite, „aber es gibt eine Menge biografischer Elemente.“ Wenn auch nur ein Viertel davon stimmt, ist die gewollte Überzeichnung der Handlung ins Groteske nachvollziehbar – aus reinem Selbstschutz.

Albert Camus lässt seinen literarischen Stellvertreter Jacques Cormery seine eigene Kindheit und Jugend noch einmal durchleben, einschließlich aller Prügel, die er selbst erleiden musste. Das Manuskript, das er in kaum lesbarer Schrift und praktisch ohne Punkt und Komma hinterließ, musste erst mühsam entschlüsselt und hinsichtlich Orte und Zeiten redigiert werden, ehe es erscheinen konnte.
Als Ozsgyáni sein Manuskript beendet hatte, verschickte er es, Episode für Episode, per E-Mail an Freunde und Bekannte. Der spontane Zuspruch war groß, es einem Verlag anzubieten. Was alsbald geschah.
Camus‘ Biografie erschien erst 34 Jahre nach seinem Tod. Eine reichlich lange Zeit. Vielleicht hätte es bei Ozsgyáni nur ein paar Wochen gedauert, um seine Erzählung ein bisschen nachvollziehbarer und lesbarer zu machen.
Starker Tobak ist das allemal. In beiden Fällen.

Netzfinder:
https://www.ozsgyanimihaly.hu/
https://www.wikiwand.com/hu/Ozsgy%C3%A1ni_Mih%C3%A1ly
www.ozsgyanimihaly.com

Zum Verständnis: https://www.deepl.com/de/translator
https://www.ruhland-verlag.de/

Im Text erwähnt und vielleicht auch interessant:

* Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt, 2021
** Andrea Sawatzki: Brunnenstraße. Piper, 2022
*** Albert Camus: Der erste Mensch (1994). Rowohlt, 2001

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