Geld - Bild von Kevin Schneider auf Pixabay https://pixabay.com/de/photos/geld-geldturm-m%C3%BCnzen-euro-2180330/

Abgehoben

Geschichte von Sebastian Steffens

Melli Carter verkroch sich mit angezogenen Beinen in der kleinen Ecke vor dem Cockpit und zitterte.
Noch vor fünf Stunden hatte sie den letzten der Fluggäste mit einem warmen Lächeln begrüßt, obwohl sie vielleicht selbst am aufgeregtesten war. Die Passagiere waren Knallerevents gewohnt. Melli beobachtete sie aufmerksam. Das machte Spaß und gehörte zu ihrem Job.
Josh, der Chef eines Technologiekonzerns gab sich so betont lässig, als wäre das hier ein Coolness-Wettbewerb. Alexej wirkte auf Melli ein wenig düster. Hatte er sein Geld mit seinem Öl-Imperium gemacht oder doch eher mit der russischen Mafia? Bei Fasid stellte sich diese Frage nicht. Er war Scheich durch und durch. Der weiße Thawb sah an ihm allerdings jetzt, so von den Gurten eingeschnürt, ein wenig nach Spannbettlaken aus.
Melli servierte letzte Getränke und kam bei Jennifer vorbei, Miss Media, der einzigen Frau auf diesem Flug außer ihr. Der strenge Pferdeschwanz wies sie entweder als praktisch oder resolut aus. Wahrscheinlich beides. Die Sonnenbrille passte auch zu ihr. Sie nahm einen Dry Martini Bianco. Natürlich.

Auf der anderen Seite neben ihr saß Elk. Der Elk. Melli hatte ihn natürlich noch nie persönlich gesehen, obwohl sie nun seit 10 Jahren für ihn arbeitete. Ohne ihn würde das alles hier noch Zukunftsmusik sein. Natürlich auch ohne die eine Milliarde Dollar, die jeder der Passagiere hingelegt hatte.  Mit Elk war es Realität geworden. Jetzt. Hier. Mit ihr, Melli. Der erste touristische echte Weltraumflug. Nicht irgendein Hüpfer in die Stratosphäre, nein, eine Mondumrundung würde es werden. Für jemanden wie Elk war das das Minimum.

Der Start war atemberaubend – wortwörtlich.
Dann glitt die blaue Murmel Erde lautlos an den Fenstern vorbei und gebannt vergaß Melli fast ihre Pflichten als Stewardess.
Dann machte es KRECK.
Und nochmal KRECK – KRECK, KRECK.
Gefolgt von Stille.
Auch in der Passagierkabine.

Nach wenigen Sekunden kam die Durchsage von Captain Frazer: „Es sieht so aus, als ob sich beim Start ein paar der Hitzekacheln am vorderen Rumpf gelockert haben. Machen Sie sich aber keine Sorgen, alles ist in Ordnung.“
Elk schnallte sich ab und hüpf-schwebte zum Cockpit, wobei er sich an der Griffstange an der Decke entlang hangelte und an Melli vorbeikam, die auf ihrem kleinen Sitz vor dem Cockpit angeschnallt war.
Melli war ganz Profi. „Kleine Turbulenzen sind völlig normal. Bitte beachten Sie, dass jeder Ihrer Sitze sowohl eine exquisite Tapas-Bar als auch eine Internet-Satellitenverbindung hat. Die Rückenlehne des Sitzes vor Ihnen ist ein OLED Monitor. Für die Schwerelosigkeits-Erfahrung bitten wir Sie noch um etwas Geduld“, sagte sie in die Kabine.
Elk kam zurück. Seine Stirn lag in Falten. Ein Anblick, den man von den Pressefotos nicht kannte. Er richtete sich an die Fluggäste: „Wir werden das kleine Problem mal checken. Captain Frazer ist dafür bestens ausgebildet. Er wird einen kleinen Weltraumspaziergang machen. Bitte halten Sie Ihre Handykameras bereit. Das wird ein exklusiver Anblick.“

Tatsächlich war es beeindruckend zu sehen, wie Frazer in seinem modernen Raumanzug – kein Vergleich zu den klobigen Dingern der NASA – an den Fenstern vorbei nach vorn schwebte. Und dann noch weiter nach vorn. Und weiter. Er wurde schnell kleiner.
„Normal so?“, fragte Alexej mit schwerem Akzent. Niemand antwortete ihm. Elk schaute Frazer durchs vorderste Fenster mit offenem Mund nach. Dann enterte er wortlos ins Cockpit.
Josh schnallte sich los. „Bitte bleiben Sie sitzen“, versuchte Melli ihn zu beruhigen. Aber nun schnallte sich auch Fasid ab und zog sich in der Schwerelosigkeit unbeholfen Richtung Cockpit. Der von den Gurten befreite weite Thawb bauschte sich, und Melli bekam ungewollte Einblicke, als Fasid neben ihr mit Josh um den ersten Eintritt ins Cockpit rangelte. Schließlich war es Fasid, der die Cockpittür öffnete. Josh drängte nach, so dass die Tür offenblieb und alle das laufende Gespräch mit dem Kontrollraum deutlich hören konnten.

„Nein, wir wissen nicht, was passiert ist.“ Aus dem Lautsprecher kam ein wenig blechern eine besorgte Stimme: „Wir haben auch keinen Kontakt zu Captain Frazer. Hat er wenigstens noch den Hitzeschild repariert?“
„Ich fürchte nein.“ Elk klang ernsthaft niedergeschlagen.
„Ok, die gute Nachricht ist, dass das Schiff noch in der stabilen Umlaufbahn um die Erde und das Mondmanöver noch nicht eingeleitet ist. Wir haben also Zeit.“
„Wieviel Zeit?“ Das war Alexej, der aus der Kabine heraus nach vorne rief und nun auch begann, sich loszuschnallen.
Die Stimme im Lautsprecher räusperte sich. „Nun ja, ohne weiteres Manöver etwa zwei Tage. Dann …“
„Dann?“ Das war Fasid
„Dann müssen Sie ein Stabilisierungsmanöver ausführen oder … äh … äh … es kommt zum Wiedereintritt.“
Josh verlor seine Coolness: „Ohne Hitzeschild?“ Seine Stimme wirkte auf Melli, als wärw er gerade im Stimmbruch.
„Wir haben vielleicht noch bessere Optionen“, meinte der Lautsprecher, „wir haben die NASA kontaktiert und um Unterstützung gebeten.“
„Pfff!“, machte Elk. „Seht gefälligst selber zu, dass ihr das löst. Wir machen folgendes: der, der mir eine Lösung präsentiert, bekommt zehn Millionen Dollar.“
„Oh“, war aus dem Lautsprecher zu hören.
Elk war aber noch nicht fertig: „Und noch was.“
„Ja?“
„Alle anderen werden gefeuert.“
Schweigen im Lautsprecher.

Im Moment war nichts weiter zu tun, und die Passagiere besannen sich wieder auf das Wesentliche: „Ich brauche jetzt was Stärkeres als das hier.“ Das war Jennifers erster Beitrag zur Diskussion und an Melli gerichtet. Immerhin sah sie nicht so panisch aus, wie der nagelkauende Josh oder der schläfenreibende Elk. Melli schnallte sich los und holte etwas Passendes aus dem Spezialvorrat. Josh kannte anscheinend seine Passagiere, beziehungsweise deren Bedürfnisse, dachte sie und hangelte sich mit der Flasche in einer Hand an der Decke entlang nach hinten.

Jennifer nahm in völliger Verkennung der Situation ein Glas aus der Minibar und versuchte, den Flascheninhalt hineinzufüllen. Das Ergebnis war ein wabernder Whiskyball vor ihr in der Luft. „Oh“, machte sie. Dann schnippte sie mit den Fingern. „Ein Strohhalm! Aber schnell, bevor mein Scotch entfliegt!“ Melli war auf alles vorbereitet und reichte ihr einen langen, gedrehten Partystrohhalm, mit dem Jennifer den schwerelosen 40 Jahre alten Single Malt anstach und genussvoll zuzelte „Ahhh. Schon besser.“
Alexej sah ihr interessiert zu und setzte offenbar ebenso fasziniert wie inspiriert zu einer Bestellung in Richtung Melli an, als der Lautsprecher wieder quäkte: „Hallo?“
Diesmal war Fasid am schnellsten, der neben der Cockpittür gelauert hatte: „Ja?“
„Wir haben mit der NASA gesprochen. Tatsächlich haben sie eine Rettungskapsel an der ISS, die sie computergesteuert zu einem Rendezvous schicken können.“
„Ah! Wunderbar.“
„Es ist nur leider so…“, der Lautsprecher schwieg.
„Was?“, bellte Fasid, „Was jetzt noch?“
„Die Kapsel muss nach der Ankopplung direkt zur Erde. Es ist kein Transferschiff.“
„Mein Geld will ich dann aber zurück!“, rief von hinten Josh.
„Jaaaa…“, kam es gedehnt aus dem Lautsprecher.
„Sag ihnen, dasch wir alle unscher Geld zurück wolln, Fasid!“ Jennifer hatte den erstklassigen McAllen um gut die Hälfte gekürzt, bekam aber anscheinend noch alles ausgezeichnet mit. Melli war sicher, dass das auf jahrelanges Training zurückzuführen sein musste.
Der Lautsprechermann räusperte sich. „Das Problem liegt eher darin, dass in der Kapsel nur Platz für eine Person ist.“„Waaas?“ Die Stimmen in der Kabine überschlugen sich.

Elk hob gebieterisch die Arme. „Also, da das hier mein Raumschiff ist und ich die NASA fast mal gekauft hätte, tut es mir leid, aber der Platz ist natürlich für…“.
Weiter kam er nicht. Alexej hatte einen kleinen Feuerlöscher unter dem Sitz hervor- und ihn Elk über den Kopf gezogen. Glück oder Übung? Melli tendierte zu letzterem. Jedenfalls schwebte Josh nun schlapp durchhängend langsam zur Rückwand der Kabine und aus seinem Kopf sprudelte Blut und bildete nette kleine Bälle, so als ob er rote Seifenblasen pustete. Nur eben nicht aus dem Mund.
Für einen kurzen Moment erstarrten die restlichen Passagiere, dann warfen sich Fasid und Josh in einem selten einmütigen Akt auf Alexej. Fasid gelang es, ihn unter einen Sitzgurt zu drücken und Josh schnürte ihm damit den Hals ab. Melli wich schockiert zurück. Jennifer schlürfte derweil den Rest McAllen. „Wir wolln doch nischts umkommen laschen“, lallte sie und winkte mit der Hand in Richtung Alexej und dann zu ihrem golfballgroßen Whiskyrest. „Also ihr wischt schon.“
Alexej schwebte dann wenigstens nicht im Raum umher, sondern bliebt im Gurt hängen.

„Wir müssen das zivilisiert ausdiskutieren“ meinte Fasid. Josh und Jennifer nickten. Jennifer bekam davon Schluckauf. „Gehen Sie doch solange an den Funk.“ Mit einer wedelnden Geste schickte Fasid Melli nach vorne. Sie folgte wie betäubt der Anweisung und setzte sich auf den leeren Stuhl des Captains.
„Klar ist doch wohl, dass der Platz dem gehört, der am meisten Wert ist?“, begann Josh die Diskussion. Fasid und Jennifer wirkten zögerlich.
„Ich werd hier aber nischt mein Vermögen ausbreiten“, meinte Jennifer, „Presche und Schteuer …“
„Ist auch nicht nötig“, sagte Josh verächtlich. „Wikipedia schätzt Dich auf gerade mal 90 Milliarden. Du bist raus.“
„So, während ihr rumgespielt habt …“, warf Fasid vom Sitzcomputer aufblickend ein, „… hab ich Deine Firma übernommen.“ Er blickte Josh an. „Die Nachricht, dass Du im Weltraum festsitzt, hat deiner Aktie nicht gutgetan. Wo die Börse das so schnell her hat …“

Josh stürzte sich auf Fasid. Melli konnte es nicht mitansehen und schloss die Cockpittür. Gedämpft hörte sie allgemeines Ringen und Jennifer laut davon reden, dass sie als Frau natürlich zuerst von Bord gehen müsse. Dann wurde es still.
Vorsichtig öffnete Melli die Tür und sah das Blutbad.
Sie verkroch sich mit angezogenen Beinen in der kleinen Ecke vor dem Cockpit und zitterte.
Nach einer Weile hörte sie das dumpfe Klacken der andockenden Rettungskapsel.

3 thoughts on “Abgehoben

  1. Das ist ja eine ganz fürchterliche Geschichte. Fürchterlich, fürchterlich spannend!
    Wie gut, dass ich nicht mit an Bord bin!

    Ich wünsche mir aber ein Happyend, insbesondere für Melli.

    1. Hallo Frau Grühn,
      danke für Ihren Kommentar, den wir gern an den Autor weitergeben!
      Eine schöne Vorweihnachtszeit und Gesundheit wünscht grüßend
      Die Redaktion

Schreibe einen Kommentar zu Grühn Hannelore Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.