Geschichte des Monats: Von Waben und Nestern

    von Alexandra Schmitz

    Meine Reise hat vor zwei Jahrhunderten begonnen, das heißt, vor zehn Herzschlägen. Meine Reise wird in einem Jahrzehnt enden, das heißt, in einem Atemzug. Es ist das letzte Mal, dass ich an diesem Tag die Luft meiner Heimat rieche. Vielleicht das letzte Mal in meinem gesamten Leben.
    Dort wo ich ankomme, gibt es eine andere Gegenwart, und meine Vergangenheit wird so vergangen sein, dass sie in Geschichtsbüchern steht. Wenn es dort noch so etwas wie Bücher gibt.

    Die Kapsel kommt mit einem Ruck zum Halten, und mit ihr entschleunigen sich Zeit und Raum. Was hinter den Wänden geschieht, welche Technik sich unter, über und neben mir verbirgt, hat man mir nicht erklärt. Verstanden hätte ich die Vorgänge als Laie nicht, aber als sich die weiße Metall-Kugel um mich dreht, mein Kopf und die Lungen schwer werden, würde ich gerne um die Geheimnisse der Forscher wissen.
    Einen Öffnungsmechanismus gibt es im Innern der Maschine keinen, also warte ich. Punkte tanzen vor meinen Augen und verspotten mich, bis die Stille unerträglich wird. Dann ein Klicken und ein Lichtstrahl, der über den Boden auf mich zu kriecht. Ich beobachte ihn, wie er breiter wird und dahinter eine Landschaft zum Vorschein kommt. Ehe ich die Welt der Zukunft erkennen kann, kippe ich nach vorne und übergebe mich.

    Ein Klopfen an meinem Schädel weckt mich.
    „Aufwachen, Kaninchen”, sagt die Stimme über mir. Ein Frauengesicht schaut auf mich herab. Haare sind akkurat in eine Frisur gesteckt, Gesichtszüge blank und bleich. Das Phantom der Oper. Mich starrt eine Maske aus Porzellan an. Aber die Maske beginnt zu sprechen.
    „Dir geht es gut, keine Sorge. Ich habe dich bereits durchgecheckt. Anders als deine Vorgänger hast du die Strapazen gut überstanden.“ Das Gesicht lehnt sich zurück. Ich rappele mich auf.
    „Du bist gesund.“
    „Strapazen?“
    „Der Zeitreise“, erklärt die Stimme. Das Gesicht gehört zu einem hochgewachsenen Körper in tiefblauer Uniform. Eine Hand wird mir entgegengestreckt.
    Vorgänger.
    Der Händedruck der Frau ist fest und kühl.
    Nun bin ich mir sicher, dass ich nicht in meine Zeit zurückkann. Wie gut, dass mich niemand vermissen wird. So schlimm kann die Zukunft nicht sein. Nicht genug, um sich freiwillig wieder in diese Kapsel zu setzen und durchrütteln zu lassen.
    Vorgänger. Nicht gut überstanden.
    „In welcher Zeit bin ich?“
    „2280. Du bist pünktlich erschienen.“
    Die Aufzeichnungen wurden also nicht nach dem Start vernichtet. So gnädig waren die Forscher, mir einen Empfang zu garantieren.
    Die Frau verschränkt die Arme hinter dem Rücken und sieht mich an. Hinter ihr schwebt die Kapsel, ein ausladend anzusehender Klumpen in der Landschaft.
    „Soll ich dich herumführen, Kaninchen?“, fragt sie blechern. Ihre Augen haben die Farbe von Mutters Kristallgläsern. Ob sie in dieser Zeit noch existieren? In einem Museum?
    „Kaninchen?“ Ich stocke.
    „Versuchskaninchen. Mein Wörterbuch sagt, so werden Menschen wie du genannt. Möchtest du einen anderen Namen?“ Kein Blinzeln. Ihre Lippen bewegen sich, doch der Rest ihres Körpers bleibt starr.
    „Du bist eine Maschine?“
    „Ein Android. Ich nenne dich dann ab sofort Passagier. Lass uns die Besichtigung beginnen.“
    Schritt um Schritt entfernt sich die Androidin von mir, ihr Gang ein wenig zu flüssig, um von einer Maschine zu stammen. 210 Jahre müssen eine lange Zeit für die Wissenschaft sein.
    Ich mache, dass ich aufhole. In einer unbekannten Zukunft sollte man nicht unbeaufsichtigt umherwandern. Wissenschaftler und Endzeit-Filme sind sich da einig.

    Unser Weg führt über die Gitter-Plattform, auf der mich die Zeitkapsel ausgespuckt hat. Es ist eine von vielen, die übereinander auf Stelzen aufgebaut sind. Wie ein gigantischer Turm aus Parkdecks streckt sich diese Baute in den Himmel. Wände gibt es keine, nur hüfthohe Gitter, die vor einem Sturz in die Tiefe bewahren. Um uns herum erstreckt sich eine Landschaft aus Dschungel und Türmen. Bis zum Horizont bleibt kein Stück Land frei.
    „Wir befinden uns in einer Wabe“, klärt mich die Android-Dame auf. Ich öffne den Mund, doch sie ist schneller.
    „In eurer Zeit gab es noch feste Häuser, aber bei unregelmäßigem Klima und Umweltkatastrophen wie Fluten und Erdbeben können wir uns das mit steigender Bevölkerungszahl nicht leisten. Waben können aufgestockt werden, jede Ebene beheimatet öffentliche Einrichtungen oder Wohnungen.“
    Tatsächlich stehen um uns herum vereinzelt weiße Blöcke auf der Plattform, dicke Scheiben darin eingelassen. Hinter dem Glas ist nichts zu erkennen. Spiegelung. Mein Gesicht sieht mit einem Mal zehn Jahre älter aus.
    „Die anderen sind aber nicht an Altersschwäche gestorben, oder?“, frage ich, doch die Dame hört mich nicht. Sie ist längst weitergezogen.

    Nachdem sie mir die weißen Quader gezeigt hat, in die sich die Bevölkerung tagsüber zurückzieht, geht es zu einem gepanzerten Glaskasten am Ende der Plattform aus Gitter. Der Fahrstuhl bringt uns auf das oberste Deck der Wabe. Während er zuckelt aufsteigt, betrachte ich die Nachbarbaute. Ein paar Menschen haben sich herausgewagt. Sie wandern durch eine Grünanlage, die direkt auf dem Gitter gepflanzt wurde. Eine Etage weiter unten stehen Reihen von Standfahrrädern. Bewohner strampeln darauf, die Blicke zu einem Bildschirm gerichtet, der bläulich durch das Gitter am Deck darüber strahlt.
    „Was tun sie da?“
    „Strom erzeugen.“
    „Wir sind im Jahr 2280, und es gibt keinen effizienten Weg, Strom zu erzeugen?“
    „Sie machen das freiwillig.“ Schwingt Hohn in der Stimme des Androiden mit? „Seit Maschinen die meiste Arbeit übernehmen bis auf die einfache Feldarbeit, brauchen die Menschen neue Jobs. So schonen sie die Umwelt und betätigen sich körperlich. Die Regierung bezahlt jeden.“
    Regierung…
    „Wir befinden uns doch noch in Deutschland, oder? Gibt es die Länder von früher?“
    „Die meisten von ihnen besitzen andere Landschaften und ein anderes Klima, aber die Kontinente gibt es noch, falls du das meinst.“ Der Fahrstuhl kommt zum Stehen. Wir treten hinaus auf eine Grünfläche. Am anderen Ende der Wiese steht ein Block größer als die Wohnungen von zuvor. „Laden“, prangt in Neonbuchstaben auf seinem Dach.
    „Ich meine die Länder. Mit ihren Regierungen. Die gibt es doch noch?“
    210 Jahre sind eine lange Zeit. Aber eine friedliche Anarchie? All diese Ordnung muss von einer höheren Institution erschaffen worden sein.
    „Es gibt eine Regierung, ja.“
    Wir erreichen den Eingang. Türen aus Glas schieben sich zur Seite und machen uns Platz. In dem Laden ist es taghell. Regale voller Bildschirme flackern. Als würden sie uns blinzelnd willkommen heißen.
    Eine Regierung?“
    „Nachdem die Ländergrenzen mit zunehmender Veränderung der Erdoberfläche – und ihrer Zerstörung – Migrations- und Flüchtlingswellen standhalten mussten, entschied man sich, sie aufzulösen. Nur eine einzige Wirtschaft vor dem Ruin zu retten erschien leichter als hunderte. Alle Informationen werden geteilt, so ist es jedem Nest – einer Ansammlung von Waben – möglich, gleichberechtigt zu sein.“
    Wir erreichen den ersten Gang. Auf den Bildschirmen über mir leuchten Äpfel, Bananen, tropische Früchte.
    „Was ist das hier?“, frage ich. Für einen Moment habe ich sogar die Ein-Staaten-Regierung vergessen.
    „Ein Supermarkt. So etwas gab es doch zu deiner Zeit bereits?“
    Eine Frage, aber ohne jegliche Unsicherheit. Sind es Maschinen wie diese, die überall arbeiten? Ihre Gesinnung verträgt sich vermutlich nicht mit Pflanzen. Pflanzen sind Lebewesen, empfindsam. Mit einem Mal verstehe ich zumindest einen Teil dieser Welt. Feldarbeit der letzten Menschen.

    „Richtig. Aber wo ist die Ware? Der Kassierer?“
    Eine Pause.
    „Die Ware wird zu jeder Wabe und von dort per Drohne zu jedem einzelnen Wohnblock gebracht. Sie kommt über die Straßen von Süden durch den Dschungel. Unter den Waben wird sie in Kühlhallen gelagert.“
    Erst jetzt spüre ich richtig die Hitze in mir aufwallen. Tatsächlich brennt die Sonne vom Himmel wie zwei, die Luft ist dick und feucht. Tropenklima.
    Ein Klicken. Die Türen schließen sich hinter uns. Lüftungen beginnen lautlos, die Luft umzuwälzen.
    „Wenn man eine Ware kaufen möchte, macht man die entsprechenden Angaben auf den Tasten unter den Bildschirmen. So wird die Ware nicht kontaminiert oder verdirbt zu früh.“
    „Und die Bezahlung?“
    „Wird direkt von dem Lohn abgezogen. Wer länger strampelt kann mehr essen.“
    Zum ersten Mal löst sich die Starre von der Porzellan-Dame. Sie sieht aus, als wolle sie lachen. Dann dreht sie sich um und geht auf den Ausgang zu.
    „Wenn du keinen Hunger hast, können wir weiter. Ich habe einen Wohnblock für dich vorbereitet. Und es gibt Menschen, die mit dir sprechen wollen.”

    Auf unserem Rückweg haken die Schiebetüren. In dem Glas sehe ich noch einmal mein Gesicht. Sieht so ein Gestrandeter in einer fremden Welt aus?

     

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