Der Zeitung eine Bresche

Der Zeitung eine Bresche!

    Kommentar von Walther

    Nicht erst seit der Corona-Krise geht es den Zeitungen in Deutschland schlecht. Es geht ihnen auch in der Schweiz und Österreich schlecht, in Italien, in Frankreich. Die Aufzählung könnte leicht fortgesetzt werden. In den USA beispielsweise sind Lokal- und Regionalzeitungen schon lange zur Mangelware geworden. Die Frage, ob das den USA gutgetan hat, kann mit einem klaren Nein beantwortet werden. Die Frage, ob ein beschleunigtes Zeitungssterben unserem Land einen Fortschritt brächte, wohl auch.

    Nun ist es beileibe nicht so, dass die missliche Lage der Zeitungsverlage eine Folge von COVID19 wäre. Das ist sie durchaus nicht. Und natürlich gibt es für diese wachsende Misere nicht nur den einen klaren eindeutigen Grund. Es wäre wunderbar, wenn das einfach diagnostiziert werden könnte. Denn dann wäre das Problem schon lange gelöst, und die Lage hätte sich zum Positiven gewendet. Hat sie aber nicht – weil die Situation eben komplex ist. Auch wenn das banal klingt: Die die Pandemie und ihren Lockdown begleitende Wirtschaftskrise hat auch hier das Brennglas ausgepackt und die offenen Flanken des Zeitungsmachens erkennbar gemacht: sinkende Einnahmen aus Werbung bei gleichzeitig sinkender Auflage.

    Sprechen wir zuerst über die Auflage. Jeder Zeitungsverleger öffnet heute mit Schrecken die Todesanzeigen – wobei viele Sterbefälle gar nicht mehr zu einer Zeitungsanzeige führen und in der aktuellen Krise auch nur eine Anzeige gebracht wird, nämlich die nach der Einsegnung. Wegen der Abstandsregelungen waren die Teilnahmezahlen derart beschränkt, dass man sogar die Freunde ausladen musste. Einen Gottesdienst gab es gar nicht erst. Aber generell hat sich nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben stark verändert, denn das Begrabenwerden in einer zunehmend säkularisierten Welt ist ein anderes. Anzeigen sind nicht mehr üblich. Das Sterben hat für die Verlage eine andere weitere fatale Konsequenz: Bei allen Sterbenden jenseits des Alters von 60 Jahren kann der Zeitungsverleger davon ausgehen, dass er eine Abonnentin oder einen Abonnenten verloren hat. Und neue Abonnenten werben, die einem über Jahrzehnte erhalten bleiben, das passiert schlicht fast gar nicht mehr, Probeabos und anderen Abschlussgeschenken zum Trotz.

    Bleibt die Werbung. Aber auch dort ist die Sachlage düster: Immobilien- und Personalanzeigen stehen heute in den einschlägigen Internetplattformen – dort sind sie günstiger und haben eine größere Verbreitung. Ob sie tatsächlich mehr Nutzeffekt haben, sei dahingestellt. Das Suchverhalten der Kunden und Arbeitssuchenden hat sich allerdings verändert. Und das wieder zurückzudrehen, kann im Augenblick als mehr als unwahrscheinlich angesehen werden. Inzwischen greifen Internetplattformen den Rest der Anzeigekunden an: Handel, Handwerker, Gastronomie, sonstige Dienstleister. Die Parteien sind im Internet aktiv, diese Anzeigen sind ebenfalls reduziert worden, auch deshalb, weil die Spenden nicht mehr fließen.

    Und dann, ja dann: Das Internet und die Social Media als „kostenloser“ Weg, sich zu informieren. Welcher junge Mensch ab dem Teenageralter hat heute noch eine Zeitung, wo es die Information doch sowieso umsonst gibt? Auch hier hat sich Verhalten geändert, unter anderem, weil die Verlage ihre Information anfangs kostenfrei bereitgestellt und Google und Co. damit fettgemacht haben. Dort werden jetzt die Anzeigen geschaltet, die der Presse fehlen. Der Versuch der jüngeren Vergangenheit, die Webangebot mit einem Preisschild zu versehen, kommt spät, vielleicht zu spät. Der einzige der Verlage, der sein Zeitungangebot mit Ertrag über das Web bereitstellt, ist der Springer-Verlag. Dort war man rechtzeitig konsequent: Wer uns lesen will, muss das bezahlen. Denn umsonst kann es keine Berichterstattung von echten Redakteuren geben, die zurecht erwarten, für ihre Arbeit ordentlich bezahlt zu werden.

    Es stellt sich also die Frage nach dem Geschäftsmodell Zeitung, und sie ist lauter denn je. Je regionaler der Verbreitungsgrad eine Zeitung ist, desto eher steht das pure Überleben auf der Tagesordnung. Wer erlebt hat und erlebt, dass ganze Lokalredaktionen in Kurzarbeit geschickt wurden bzw. immer noch werden – und nicht nur diese –, weiß, welche Stunde es geschlagen hat. Es könnte das letzte Stündchen sein, vielleicht sogar das allerletzte. Auch unsere offenen Bürgergesellschaft, die von guter, sachkundiger und fairer Berichterstattung abhängig ist, was bedeutet, dass diese auch schmerzen, also wehtun, darf und muss, sollte sich sehr schnell zu fragen beginnen, was ihr eine freie Presse wert ist. Wenn sie erst nicht mehr da ist, ging sie unwiederbringlich verloren – dessen sollte man sich bewusst sein.

    Es gäbe Möglichkeiten, die regionalen Zeitungen zu fördern, indem man als Eltern oder Großeltern ein Abonnement verschenkt. Dazu sollte aber endlich die Zumutung beendet werden, dass ein webbasiertes Abo extra kostet, wenn man bereits ein Printabo hat. Und es sollte möglich sein, in solchen Fällen bis zu einem Alter von, sagen wir, 25 Jahren beschränkt, ein vergünstigtes Familienabo anzubieten. Allerdings hat das nur einen Sinn, wenn die Redaktionen endlich wieder die Themen aufgreifen, die die junge Generation interessiert und diese in die Berichterstattung in Projekten einbindet, damit sich der hoffnungsvolle junge Abonnent (hier ist jungen Alters gemeint) aufgehoben und in der Berichterstattung gespiegelt fühlt.

    Das ist nur eine erste Idee. Es gäbe sicherlich weitere, die beiden nützten: Der Zeitung und der freien und selbstbestimmten Bürgerschaft, die von den aufbereiteten Informationen qualitativ hochwertige journalistischer Berichterstattung abhängig ist. Das wäre es sicher wert, mit dem Klagen aufzuhören und mit dem Arbeiten daran, wie es besser werden kann, anzufangen. Krisen bieten Chancen. Ergreifen wir sie. Bevor es endgültig zu spät ist.

     

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