Flussgelächter

    von Gesine Cahenzli

    „Hast du in letzter Zeit mal ferngesehen? Meine Eltern sitzen jeden Abend vor der Glotze. Manchmal hock ich mich dazu, aber – es ist kaum auszuhalten. Das neue Lieblingswort aller Moderatoren ist ,unfassbar´. Keine Castingshow, in der nicht ,unfassbare´ Talente präsentiert werden, kein Monat, in dem nicht unfassbare Katastrophen unseren Planeten heimsuchen, keine Woche ohne unfassbare Gaunerei und Kriminalität, kein Tag ohne unfassbar erschütternde Nachrichten. Bei all den unfassbaren Dinge, die auf der Welt geschehen, erscheint das eigene Dasein nicht nur unfassbar banal, sondern auch bedroht von all den nicht zu fassenden, im Dunkeln lauernden Gefahren. Wozu also einen Alltag leben, der vor dem Hintergrund alltäglicher Sensationen und Schrecken zur Nichtigkeit verblassen wird? Wozu, frag ich mich, morgens aufstehen, in die Schule gehen, Hausaufgaben, Volleyballtraining und den ganzen Quatsch? Da ist es doch besser, man trainiert, Stubenfliegen in herausgequetschter Tränenflüssigkeit zu ertränken, um irgendwann in irgendeiner Show unfassbar groß herauszukommen. Entweder unfassbar, oder man quartiert sich mit ein paar warmen Decken und einem Hund unter irgendeiner Brücke ein. So sieht’s doch aus in unserer Gesellschaft.“
    Nicole starrte ihr Gegenüber aus schmalen Augenschlitzen an und hob erwartungsvoll die dunklen Augenbrauen.
    Keine Reaktion.

    „Chris?“
    Nicoles Stimme hatte diesen bohrenden Ton, mit dem sie jede andere zu einer Antwort genötigt hätte, nicht aber Christine.
    Die spielte stattdessen mit einem flachen, grünen Stein, umschloss ihn erst mit der einen, dann mit der anderen Hand, stand schließlich auf und ließ ihn durch einen geschickten Wurf über die glatte Wasseroberfläche hüpfen. Viermal sprang er auf.
    Nicole schaute dem Stein entgeistert dabei zu, wie er sich in leichter Eleganz über das Wasser bewegte und schließlich mit einem letzten kleinen Satz im Fluss landete und in dessen Tiefe versank. Mit dem Stein war auch Christine aus Nicoles Sichtfeld verschwunden.
    „Hast du mir überhaupt zugehört?“, empörte sie sich lauthals über die Gleichgültigkeit ihrer besten Freundin.
    „Klar, hab ich“, tönte es von einem Ast herab, der weit über den Fluss ragte, „du findest das Wort ,unfassbar´ bescheuert und zweifelst am Sinn des Lebens, stimmt`s?“
    Christine ließ ihre Beine lässig über dem Wasser baumeln und grinste zu Nicole herab.
    Wie war sie bloß so schnell da raufgekommen? Nicole spürte ein ungutes Gefühl in sich aufsteigen. Zu gern hätte sie das Leben auch so leicht und geschickt genommen wie ihre Freundin. Für Christine schien alles ein Spiel zu sein, ihr eigenes Leben genauso wie die großen Probleme der Welt. Und manchmal fragte sich Nicole, ob ihre Freundschaft für Christine nicht auch nur ein Spiel war.
    „Hast du dich noch nie gefragt, wo das alles mal hinführen wird mit den ganzen Katastrophen, der digitalen Verblödung, den Kriegen und der kaputten Umwelt und so?“
    Nicole hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da hörte sie einen lauten Platscher und sah, wie das Wasser an der Stelle, wo Christine gelandet war, in die Höhe spritzte wie eine fröhliche Fontäne. Prustend und lachend kam Tine ans Ufer geschwommen.

    „Komm schon, Nicki“, sagte Christine, nachdem sie sich neben ihrer Freundin in den Sand hatte plumpsen lassen, „lass uns zusammen eine Runde schwimmen gehen!“
    Sie hielt ihre nasse, kalte Hand an Nicoles Stirn, nur um sie gleich darauf ruckartig wieder zurückzuziehen.
    „Hu, dein Kopf ist ja ganz heiß“, lachte sie, während sie ihre Hand schüttelte, als hätte sie sich verbrannt. „Du brauchst dringend eine Abkühlung.“
    Nicole wusste nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte. Sie rang sich schließlich zu einem Grinsen durch, das aber nicht so recht gelingen wollte und irgendwie schief in ihrem Gesicht landete. Wortlos wickelte sie sich aus ihrem grünen Badetuch und lief ans Wasser. Die kleinen Kiesel prickelten unter ihren Füßen, als sie tiefer in den kühlen Fluss watete. Kräftig zerrte die Strömung an ihren Beinen. Nicole stemmte sich absichtlich dagegen, während Christine neben ihr mit einem Juchzer ins Wasser sprang und sogleich von der Strömung mitgerissen wurde.
    Loslassen. Sich mitreißen lassen wie ein Stück Treibholz. Nicole stieß sich mit einem Ruck vom steinigen Boden ab und wurde von der Strömung hinter ihrer Freundin hergerissen. Das frische Flusswasser ließ sie kurz frösteln. Sie schwamm ein Stück vom Ufer weg, drehte sich dann auf den Rücken, schloss die Augen und spürte die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Leicht und frei fühlte sie sich, geborgen im kraftvollen Strom des Wassers.
    Bald würden sie die Stelle am Campingplatz erreichen, an der die beiden Freundinnen immer zurück ans Ufer schwammen. Sie drehte sich um. Ein ganzes Stück vor ihr trieb Christine rücklings mitten im Fluss. Sie schien den Landeplatz noch nicht bemerkt zu haben.
    „Chris“, brüllte Nicole, „der Campingplatz!“
    Erst jetzt drehte Christine sich um und begann auf das Ufer zuzukraulen, doch sie hatte keine Chance, es rechtzeitig zu erreichen. Entsetzt musste Nicole mit ansehen, wie der Fluss ihre Freundin weiter mit sich riss, während sie selbst die Füße auf festen Boden setzte.

    Was, wenn Chris in die Stromschnellen geriet? Selbst erfahrene Schwimmer waren an dieser Stelle schon ertrunken. Wie eingefroren stand Nicole, das Herz erstarrt, als Chris anfing laut um Hilfe zu schreien und zappelnd hinter einer Flussbiegung verschwand.
    Nicole spürte etwas Heißes, Feuchtes über ihr Gesicht laufen. Erst begriff sie nicht, dass es Tränen waren. Geistesabwesend wischte sie sie weg und rannte los. Sie musste Chris einholen, ihr aus dem Wasser helfen – irgendwie. Hilfe holen. Schnell! Wenn sie bloß ihr Smartphone gehabt hätte, um Alarm zu schlagen.
    „Hilfe!“, brüllte sie, während sie den Uferweg entlang raste.
    Ein paar Spaziergänger blickten sich verwundert nach ihr um.
    „Meine Freundin, sie ertrinkt!“, schrie sie ihnen ins Gesicht.
    Einer griff nach seinem Handy.
    Nicole rannte weiter. Wie weit war es noch, bis zu den Stromschnellen? Sie warf ihren Blick auf den Fluss, doch sie konnte Chris nicht mehr entdecken.
    Mit voller Wucht prallte ihr Kopf gegen etwas Hartes. Nicole stürzte zu Boden. Übelkeit stieg in ihr auf. Ihr war schwindlig. Sie wollte gleich wieder aufstehen, weiter rennen, immer weiter, Chris hinterher. Doch der Schwindel warf sie zurück.

    Und dann das Lachen. Dieses helle, quietschende Lachen, das sie so gut kannte.
    „Mein Gott, Nicki!“
    Christine schüttete sich aus vor Lachen, während sie selbst ihren schmerzenden Schädel rieb, „du hast doch wohl nicht wirklich geglaubt, ich würde es nicht schaffen! Ich lach mich kaputt! Das kann auch nur dir passieren!“

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