08.06. 19:30 und 09.06. 16:30 im WZ-Theater Essen; 20.6. 11:00 und 14:00 im Schauspiel Dortmund: „Ich knall euch ab“ – Die Inszenierung einer beklemmenden Thematik

    von Oliver Bruskolini

    Der Einsendeschluss für die kommende Doppelnummer ist passé und jetzt heißt es für uns: lesen, auswerten, besprechen und vieles mehr. Die AutorInnen und LeserInnen dagegen müssen die Zeit irgendwie überbrücken, bis die neue Ausgabe endlich gedruckt ins Haus flattert. Weil wir wissen, wie schwierig das Warten ist, folgt hier eine Idee, wie man sich die Zeit verkürzen kann.

    Etwas mehr als ein Jahr ist es nun her, dass das Theaterensemble PH-Neutral „Morton Rhues Ich knall euch ab – Give a Boy a Gun“ in einer gelungenen Premiere inszenierte. Jetzt, am 8. und 9. Juni, kehrt das ausdrucksstarke Stück zurück auf die Bühne. Damals hatte ich das vergnügen, dem Spektakel beizuwohnen und mich zu dieser anschließenden Rezension inspirieren zu lassen:

    Fast zwanzig Jahre ist es her, dass Morton Rhue seinen Roman „Ich knall euch ab!“ veröffentlichte. An Aktualität hat das Thema leider nicht verloren. Im Jahr 1999 erzählt der amerikanische Schriftsteller die tragische Geschichte zweier Jugendlicher, die unter dem täglichen Druck des schulischen Alltags keinen anderen Ausweg sehen und beschließen, ihr Leid mit einem Amoklauf zu beenden.

    Auf der Grundlage des Romans inszeniert das Theater PH-Neutral unter der Regie von Richard Poser das neues Drama „Morton Rhues Ich knall euch ab – Give a Boy a Gun“.

    Die beiden Protagonisten Brandon und Gary befinden sich in einem Spannungsfeld, das jedem Zuschauer bekannt sein dürfte. Die Pubertät. Der Zustand, in dem verzweifelt nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft gesucht wird. Was passiert, wenn die Gesellschaft keinen Platz für zwei Individuen bietet? Was geschieht, wenn der einzige erreichbare Status der des Außenseiters bleibt? Wohin führt es, wenn sich zwei junge Menschen zusammentun, die sich außer in ihrer Sensibilität in nahezu allen Bereichen unterscheiden, um ihre Wut über Ungerechtigkeit, Perspektivlosigkeit und Anfeindungen zu kanalisieren?

    Den beiden Schauspielern Paul Bangert (Brandon) und Markus Petry (Gary) gelingt es, ein lebhaftes Szenario zu entwerfen, das auf diese Fragen antwortet. Unterstützt werden die beiden einzigen sichtbaren Darsteller durch eine intermediale Inszenierung. So tragen eingeschobene Filmsequenzen, musikalische Untermalungen und die aus dem Off gesprochenen Rollen Allison (Eileen Parnitzke) und Ryan (Justin Andres) zu einer fesselnden Aufführung bei.

    In einer düsteren Atmosphäre regt die Inszenierung nicht nur zum Nachdenken an, sondern versetzt den Zuschauer zurück in die potenzielle Leere alter Schulflure. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die sich auch immer wieder in der Berichterstattung zu solch schrecklichen Vorfällen finden. Hätte man die Tat verhindern können? Gibt es eine Möglichkeit, sich davor zu schützen?

    „Ich knall euch ab“ vermag es, zwei unangenehme Berührungen gleichzeitig zu leisten. Es legt den Finger auf eine alte Wunde, von der man dachte, dass sie längst verheilt wäre, indem es dazu anregt nachzudenken, auf welcher Seite man in der eigenen Schulzeit stand. Außerdem fühlt es am Zahn der Zeit. Dem Zahn, der bis auf die Wurzel offen liegt und an dem jede Berührung schmerzt. Denn die Inszenierung zeigt auf, dass es nicht nur die „durchgeknallten Amokläufer“ gibt, sondern auch den „normalen Schulalltag“. Eine zweite Seite der Medaille, die bei der Suche nach den Gründen nicht vernachlässigt werden sollte.

    Fast anderthalb Jahre später hat sich einiges geändert. Anderes dagegen leider nicht. So ist die Thematik immer noch brandaktuell. Geändert hat sich dagegen die Aufmachung der Inszenierung. So rücken mit Eileen Parnitzke und Justin Andres die beiden Off-Stage-Stimmen auf die Bühne und geben den verbalen Einwürfen nun eine körperliche Gestalt. Außerdem verstärkt Julia Heitger das Ensemble.

    Sicher dürfte dagegen sein, dass die neue Inszenierung der Premiere in nichts nachstehen wird. Deshalb erfolgt hier eine klare Empfehlung, eine der beiden kommenden Veranstaltungen zu besuchen.

     

    Veranstaltungsdaten

    Samstag, 8. Juni, 19:30
    Sonntag, 9. Juni. 16:30
    WZ-Theater
    Buschstr. 53
    45276 Essen
    Der Eintritt ist frei.
    Um eine vorherige Reservierung unter 0201 514377 oder buschhuette@ejessen.de wird gebeten.

     

    Nachtrag:
    Am 20. Juni finden um 11:00 Uhr und 14:00 Uhr zwei weitere Aufführungen im Schauspiel Dortmund statt. Zu finden am Hiltropwall 15 in 44137 Dortmund.

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