Berichte von der Insel – 12. Der Krafttrunk

    Eine Prosaminiatur von Walther

    Wenn man in Kur geht, bekommt man Unterricht in Bescheidenheit: Ich hatte das bereits an anderer Stelle erwähnt und möchte es hier wiederholen. Wer sich mit einer chronischen Krankheit rumschlägt, hat schnell den falschen Eindruck, er sei im wahrsten Sinne des Wortes „geschlagen“. Natürlich ist mittleres Asthma eine Einschränkung und damit einhergehend eine seelische Belastung. Aber wenn man meine Gesamtlage mit der anderer Menschen vergleicht, ist das Los, das ich mit mir herumtrage, eine fast vernachlässigbare Kleinigkeit.
    Nimm dich nicht so wichtig, Bub, höre ich meinen Vater selig angelegentlich sagen. Und ich kann ihm nicht wirklich im Brustton der Überzeugung widersprechen.

    An unserem Sechsertisch saß eine kleine ältere Dame, pensionierte Lehrerin, kaum mehr als anderthalb Meter groß, sehr fragil, sehr schlank, fast durchscheinend. Aber unglaublich wach und rege, mit scharfem Verstand, präziser Sprache und einem unerschütterlichen Humor ausgestattet. Und von einer faszinierenden Ausstrahlung und Autorität. Man musste sich immer vorsehen, eine kleine ironische Spitze verpasst zu bekommen. Es machte richtig Laune, sich mit ihr über alles auszutauschen, was gerade den Tisch beim Essen beschäftige. Wer ihr zuhörte, konnte etwas mitnehmen. Ich war dankbar, mit ihr dreimal am Tag an einem gemeinsamen Tisch sitzen zu dürfen während der gesamten drei Wochen hindurch.
    Sie bekam jeden Morgen einen gesonderten Trunk in einem kleinen Metallkännchen. Damit sie wieder zu Kräften komme, meinte sie schelmisch grinsend, als sie unser pensionierter Postbeamte us Kölle neugierig darob befragte. Das mit den Kräften hat sie durchaus ernst gemeint, wie sich später herausstellte. Nach und nach kam zur Sprache, dass sie zuhause einen durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmten Ehemann seit Jahren aufopferungsvoll pflegte. Sie selbst hatte seit ihrer Kindheit eine sogenannte schwere chronische Bronchitis – was, wie ich im Laufe meiner Reha-Maßnahme lernte, nichts anderes ist als Bronchialasthma.
    Wenn man sie husten hörte, war einem klar, dass die meisten Patienten in der Fachklinik nicht so krank waren wie sie. Die Kombination von Asthma, ihrer Zierlichkeit und der Tatsache, dass sowieso nichts auf ihren Rippen kleben blieb, mit der körperlich und seelisch anstrengenden Pflege macht einem deutlich, welches Schicksal diese kleine starke Person dennoch mit ihrer fast unverbrüchlichen Gleichmut und ihrer leichten Selbstironie bewältigen konnte. Ihr einziger Sohn wohnte nicht in der Nähe, er arbeitete mehrere Hundert Kilometer entfernt von ihrem Heimatort. Zum Glück war ihr Mann in seiner aktiven Zeit ebenso wie sie Lehrer, so dass zwei ordentliche Pensionen Pflege- und Krankheitskosten sowie die Unterstützung bei der Haushaltsführung abdeckten. Auch das ging noch einen Schwierigkeitsgrad härter, wie ich in anderen Gesprächen erfahren durfte.
    Spiel dich also nicht so auf, problematisiere nicht so herum – dir geht es vergleichsweise gut, mahnte ich mich, als ich auf einem meiner Spaziergänge das Erlebte reflektierte. Mein Vater wäre jetzt gerade vielleicht einmal stolz auf mich gewesen.
    Ich war es nicht.

    Wir scherzten regelmäßig mit ihr über den Kräftigungstrank, den es jeden Morgen in einer anderen Geschmacksrichtung gab und den sie mit verbissener Miene und entsprechendem Mut sich einverleibte. Auch andere am Tisch, mich eingeschlossen, hatten diätetische Sonderlocken. Jakob aß kein Schweinefleisch, und die kleine Lehrerin bekam immer wieder zum Mittagessen eine Extraportion Kohlenhydrate. Die Gedecke waren beschriftet und wie in einem First-Class-Restaurant mit einem Deckel versehen, weil diese Malzeiten nicht in der Küche der Fachklinik zubereitet, sondern von einem Spezialisten angeliefert und danach aufgewärmt wurden.
    Ich hatte mir laktosefreie Milch bestellt, um damit die Verdauung etwas von den Blähungen zu verschonen, die bei mir normale Milch erfahrungsgemäß auslöst. Quark, Kefir, Käse und Kyr sind hingegen bei mir unproblematisch, und den Kaffee trank ich aus Kalorienerwägungen seit einiger Zeit wie den Tee ohne Milch und Zucker (letzteren habe ich nur beim Latte Macchiato und bei Cappuccino beigegeben, bei den Kaffeespielarten also, die an sich bereits kleine Kalorienbömbchen sind). Der Service klappte in der ersten Woche nicht immer, ab der zweiten war alles im Lot.

    Bei den Gesprächen erfuhr ich fast nebenbei, dass auch die Familie unsere Sonnenkindes Dennis, ich berichtete im Text „Die geheimnisvolle Frau“ bereits über ihn, mit einer besonderen Beschwernis leben musste. Nicht nur hatte Dennis Bronchialasthma; die Mutter, die als Betreuungsperson ebenfalls in der Reha war, hatte ziemliche Rückenprobleme – und der Vater zuhause laborierte an einer Krebserkrankung und war noch in der Chemo, die er aber gut vertrug.
    Dennis war nur dann unleidlich, wenn sein Handy nicht funktionierte. Das tat es am Anfang, als die W-LAN-Umgebung der Fachklinik nach drei Tagen wegen der stark gestiegenen Nutzerzahl schlicht den Geist de facto aufgab. Die Angelegenheit konnte mit Hilfe der Ergebnisse der Fernanalyse durch ein dem Autor verbundenes IT-Unternehmen durch den Dienstleister der Fachklinik in zwei Tagen beseitigt werden – alle Kurgäste atmeten auf, vor allem die älteren, die mit der Situation des nichtständig verfügbaren Netzes auf ihren Smartphones und Tablets nicht zurecht kamen und schon vermuteten, sie wären selbst die Ursache.
    Nachdem das schließlich gefixt war, strahlte Dennis wieder über alle Backen und war neben der zierlichen Lehrerin der Aktivposten in Sachen guter Laune. Selbst seine nicht selten miesepetrige Mama – nachvollziehbarerweise angesichts der häuslichen Lage und einer schiefgegangenen Behandlung eines Bandscheibenvorfalls im Nackenbereich durch die Ärzte der Fachklinik und  der Klinik im Emden in der dritten Woche der Kur – konnte sich seinem Charme und seinem Spaß am Dasein nicht dauerhaft entziehen.

    Ich habe in der Kur gelernt, mir selbst klarzumachen, wie gut es mir im Verhältnis zu anderen geht. Diese Bescheidenheit war sehr hilfreich dabei, mich langsam aber sicher mit meiner Lage abzufinden, um danach den zweiten Schritt zu gehen, die Krankheit selbst aktiv und mit Engagement anzugehen. So besehen war die Kur ein voller Erfolg, allerdings auf einem Gebiet, dass man bei chronischen Erkrankungen gern unterschätzt, nämlich dem der eigenen inneren Einstellung zur Krankheit und dem dadurch „angereicherten“ Selbst.

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