Die exzentrische Dichterin

    Die exzentrische Dichterin

    Gedicht von Elisabeth Kuhs

    Nicht ich, ihr Schäfchen, bin
    das Opfer meiner Eitelkeit.
    Ihr seid es, ihr, die Glamour-Junkies,
    Ruhm-Fetischisten, Prominenz-Vasallen.
    Anbetungswürdig findet ihr
    (weil irgendwie auch unanständig),
    dass ich auf meine alten Tage noch
    reinseidne Unterwäsche trage,
    mit Stutenmilch mich pflege
    und, wie es heißt, mit jungen Kerls,
    die ich mir halte, gleich in Scharen.
    Ihr kennt die Namen meiner Lover.
    Nur meine Verse kennt ihr nicht.
    Wenn ihr was lest, dann lest ihr News
    und Posts und Tweets, wenn überhaupt.

    Ich pflege Umgang mit der Crème,
    mit Milliardären, Reichen, Schönen,
    mit Rang und Namen, mit Geblüt.
    Ich kämpfe mit den Großen meiner Zunft
    erbittert um den Wohllaut eines Reims.
    Ich lutsche Trüffel aus verborgnen Winkeln der Toskana,
    hab ein Gestüt, nur so, zum Spaß.
    Mit drei Nobelpreisträgern duz ich mich,
    der eine für Physik, die andern Literatur.

    In meinen Schränken: Kokain
    in prallen Plastiksäcken, klar,
    bedient euch, meine Lieben.
    In meinen Schmuckschatullen horte ich
    gleich zentnerweis erlesene Juwelen.
    Und meine Tagebücher triefen satt
    vor unaussprechlich Skandalösem:
    Intrigen, Dramen, hohe Politik.
    So aber bitte möcht das mit mir sein.
    O ja, o je, oho, o Gott!

    Und ich?
    Ich sitz zu Haus in Filzpantoffeln
    und trage ausgebeulte Hosen.
    Korn, Kümmel, Bier, gleichwas gleichwie
    auf einem Tischchen neben mir.
    Mit Dokusoap und Schluchzschmonzetten
    mit Casting Show und Quiz
    töt ich den Tag, erschlag den Geist.
    Bei seltnem Hunger löffl ich mir
    fad kaltes Zeug gleich aus der Dose.

    Ich scheiß auf eure Hiltons, Windsors, Glamourgirls,
    auf eure Großmogule, Kunstproleten, Medienclowns.
    Auf eure Koofmichmichels – scheiße drauf!

    Wenn ihr das wüsstet, tumbe Schwärmer,
    ihr Narren auf der Suche nach Idolen,
    mit diesem unbedingten Willen euch zu weihen,
    hohl, furchtsam und bedeutungslos,
    gott- und belanglos –  wüsstet ihr’s,
    ihr würdet ohne Zögern mich verbrennen.
    Denn nichts wiegt schlimmer als Verrat
    an euren feigen Träumen.

    Und so, ihr Schäfchen, tu ich euch
    mal wieder den Gefallen
    und geb die ewig eitle Alte
    mit Spitzenhandschuhn und Brillanten,
    mit Fuchs und Koks und Gigolos,
    ich lebe von gefüllten Täubchen
    und füttre meine sieben Pekinesen
    an jedem Donnerstag mit Austern.
    Ich tus für euch. Damit ihr träumen könnt.
    Ich tus für mich. Damit ich hoffen kann.
    Ich bin die Dichterin, die Zarin,
    exzentrisch, lasterhaft, genial,
    luxuriös, ein Luder noch mit siebzig.
    Auch ich brauch ab und zu Gesellschaft.
    Und immer wieder, jedes Mal,
    wenn ich mich unter Menschen wage
    und euch begegne, jedes Mal
    dann hoffe ich und bete ich,
    vielleicht ist da ja diesmal einer,
    der mich durchschaut. Mich wahr nimmt. Sieht.
    Und dem ich dann noch was bedeute.
    Nicht die da. Ich! Nur deshalb noch.

    Similar Category Post

    Ein Gedanke zu „Die exzentrische Dichterin“

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.