Lyrik spricht Bände

    Lyrik spricht Bände

    von Gerhard Benigni

     Dichterleben sind vor allem eines: verwerflich. Nehmen wir nur einmal mein letztes Gedicht. Es war schlechthin der Knüller. Mit gezählten 37 Versionen, gefühlt um einige mehr, landete eine geballte Ladung im Papierkorb, ehe ich mit Numero 38 ansatzweise persönliche Zufriedenheit erlangte. Es hätte ein Frühlingsgedicht mit dem Arbeitstitel „Austreiben ohne Exorzismus“ werden sollen. Letztendlich heißt es nun ein wenig weniger umtriebig „Spätsommerliche Herbstnacht“. Der darauf aufbauende Lyrikband „Tadellose Verwerflichkeit“ erscheint im Frühling 2019 im Verlag Reimund Vers.

    Bevor mein Gedichtzyklus jedoch beginnt, bin ich so frei und stelle dem Ganzen einen Auszug aus Franz Werfels mahlerischen Tränen-Hymnus voran. Welch unsägliches Glück, dass die Rechte inzwischen bereits frei sind:

    Noch meistert die Wintersonne
    Unbeleidigt und ungebrochen die Bahn.
    Die überschwenglichen Berge
    Schmiegen sich grenzenweich
    Ins dunkle Firmament.
    Im Schnee die tiefen Menschenstapfen
    Sind bis zum Rand gefüllt mit Himmel.

    Auch wenn mir so ein großer Wurf wohl nie gelingen wird, lege ich dann sofort mit dem Frühling los. Mit zumindest einem Teil der verworfenen Gedichte möchte ich einen kleinen Einblick in mein Leben als Dichter gewähren:#

    1. Triebwerk

    Zu Schmelz geronn’ne Eisesglätte
    zartfrühes Grün im Parke tränkt.
    Der Reif von Dannen ward gezogen,
    an allen Ecken Leben sprießt.
    Die alten Bäume spüren Triebe,
    ach, wie ich doch den Frühling liebe.

    KNÜLL!

    2. Tauwarnung

    Kaum der Nebel sich gelichtet,
    schon lacht die Sonne morgenfroh,
    strahlt ihre Wärme immerzu
    zur Erde hin.
    Tauende Böden.
    Die Palmen voll mit Kätzchen hängen,
    verspür auch ich ein unbändiges Drängen.

    KNÜLL!

    3. Spätfrühling

    Nimmersatt begrünte Wiesen,
    Bäume blüh’n in voller Pracht,
    aus den Ästen keimen Knospen,
    auf dem Blütenmeer liegt Bienenstaub,
    ein laues Lüftchen sachte erweht,
    lieber ein Frühling als zu spät.

    KNÜLL!

    4. Körperwärme

    Jäh vom Übergang übergangen
    breitet seinen Mantel er übers Land
    und streift zugleich ihn ab geschwind.
    Vor Wonne proppt der Mai.
    Mein Körper verspürt Sommernähe.

    KNÜLL!

    5. Unschäliert

    Geschrieben steht in keiner Bibel,
    auch nur ein Wort vom Frühlingszwiebel.
    Selbst Luther hat ihn nicht erwähnt,
    weshalb mein Dichterauge tränt.

    KNÜ… Oder nein, doch nicht. Erst mal auf den Stapel mit Sprüchen für Facebook und dann bei Gelegenheit posten…

    6. Gestrandet

    Sommerhitze flirrt am Firmament.
    Das weite Meer wogt sich im Salz.
    Im hitz’gen Sand sich
    Krustentiere schälen
    Touristen häuten
    Badetücher wälzen
    Eiscremen verschmelzen.

    KNÜLL!

    7. Erstickter Schrei

    Wärmende Sonne den Frühling erlöst
    in der Milde der Maienmitte.
    Gefühlt übergangen wandelt fortwährend
    der Mensch
    auf den Spuren des Klimas,
    ehe ihm seine Hinterlassenschaften
    bis zum Halse ragen.
    Er wird elendiglich daran zugrunde gehen.
    Ohne uns akklimatisiert sich der Erdenball.

    KNÜLL!

    8. Summer in the City

    Tropische Hitze übermannt der Städte Kern.
    Millionen Menschen in Metropolen leben dichter
    aneinander, übereinander, gegeneinander.
    Stetig enger, stetig höher, stetig mehr.
    Von Feinstaub belastet.
    Aufgedunsen.
    Die Luft zum Schneiden.
    Sie steht wie der Adler in ihr.

    KNÜLL!

    9. Herpsssst

    Eben lau noch in der Be,
    gen Ende hin der Sommer neigt.
    Der Wald im Farbenspiele rankt,
    bunt beblättert, unbesonnen.
    Die Allee leis’ auf Herbst getrimmt,
    still von der Bäume Kleid beschattet.
    Doch nicht von allen
    alsbald Kastanien werden fallen.

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