Haifischbecken

    von Jochen Bender

    „Hast du eine neue Nummer?“
    „Ja.“
    „Willst du absagen?“
    Ihre hörbare Erleichterung schmerzte.
    „Nein, ich wollte vorschlagen, uns zu einem Spaziergang zu treffen statt bei mir.“
    „Ich weiß nicht, der Himmel sieht nach Regen aus.“
    „Das Wetter wird halten.“
    „Ich…“
    „Bitte! Betrachte es als meinen letzten Wunsch!“

    Sarah zauderte. Nach so vielen Jahren kannte ich sie gut genug um zu ahnen, dass sie gleich mein Ansinnen zurückweisen würde.
    „Bitte, lass uns durch den herbstlichen Wald vor zum Mädlesfels laufen!“
    „Zum Mädlesfels?“
    Jetzt fragte sie sich, ob ich etwas wusste oder mein Vorschlag dem Zufall entsprang. Ich spürte, dass sie meinen Köder schluckte.
    „Ach, was soll´s! Unter der Woche ist oben auf der Alb nichts los und daher besonders schön. Lass uns den herbstlichen Wald genießen.“
    Ich frohlockte, gab mir aber alle Mühe, es mir nicht anhören zu lassen. Wir verabredeten uns auf dem Wanderparkplatz. Die Zeit würde gerade so reichen, den Weg bis dorthin zu radeln. Das war zwar anstrengend, aber dafür anonym. Ich nahm die rumänische SIM-Karte aus meinem Mobiltelefon, zerbrach sie und spülte die Reste in der Toilette hinunter. Dann verließ ich die Hausbrauerei Barfüßer. Nicht weit von hier residiert Oertel + Spörer, einer der ältesten Verlage des Ländles, der Sarah und mich seit fünf Jahren verbindet. Sie will unsere Verbindung beenden. Dem werde ich nicht tatenlos zusehen.
    Sarah hielt Pünktlichkeit für eine Tugend. Mein Plan baute darauf, dass sie auch heute pünktlich war. Ich war oft genug mit ihr spazieren gegangen, um zu wissen, wie lange wir vom Parkplatz zum Felsen brauchen würden. Zehn Minuten nach unserem Eintreffen am Mädlesfels würde mein Computer über meinen Festnetz-Anschluss auf ihrem Handy anrufen. Schließlich hatten wir eine Verabredung in meiner Wohnung. Der Anruf würde der Polizei gegenüber glaubhaft machen, dass sie einfach nicht aufgetaucht war und ich versucht hatte, sie zu erreichen. Nebenbei würde er mir ein Alibi verschaffen.

    Sarah war noch schöner geworden. Als sie verhalten lächelnd aus dem Auto stieg, stockte mir der Atem. Unerwartet heftige Sehnsucht, auf deren Erfüllung ich viel zu lange gehofft hatte, erfasste mich. Erst letzte Woche hatte ich begriffen, es würde nie geschehen. Hierfür brächte ich sogar noch Verständnis auf. Sarah war jünger, spielte in einer für mich unerreichbaren Liga. Trotzdem waren wir uns anfangs nahe gewesen. Vielleicht hätte ich es seinerzeit bei ihr versuchen sollen. Aus Angst, im Falle einer Abfuhr zugleich etwas noch viel Wichtigeres zu gefährden, hatte ich meine Liebeserklärung immer weiter hinausgeschoben. Nur in meinem Kopf hatte in all den Jahren unsere Liebe bestanden, hatte sie zu meinen Füßen vor einem offenen Kamin gesessen, während ein heftiger Sturm unser Holzhaus umtoste.
    Zur Begrüßung hauchte Sarah mir die zarte Andeutung eines Kusses auf die Wange, mied es jedoch mich zu berühren. Trieb sie Angst, eine Berührung könnte in mir einen Sturm entfesseln? Wusste sie denn nicht, dass dieser schon längst tobte?
    „Zünftig siehst du aus.“
    Ich wies auf ihren winzigen Rucksack.
    „Der ist für meinen Ingwer-Tee. Bei so einem Wetter gehe ich ohne ihn nicht aus dem Haus.“
    Ihr aus frischem Ingwer selbst gebrauter Tee war zugleich scharf und süß, genau wie sie, besaß sie neben ihrem verführerisch süßen Äußeren doch einen messerscharfen Verstand und eine noch schärfere Zunge.
    Erhobenen Hauptes schlug sie den Weg in Richtung Mädlesfels ein.
    „Was willst du?“
    Ihr Ton war schroff.
    „Dir ein verbessertes Angebot unterbreiten. Ich habe mich bei der Chefin für dich eingesetzt. Du erhältst eine noch höhere Marge und …“
    „Ach Jens!“
    Sie sah mich bittend an.
    „Erspare uns eine peinliche Diskussion.“

    Ich schluckte den Rest meiner Worte hinunter. Bittere Enttäuschung erfasste mich, die rasch in Wut umschlug. Soeben hatte sie ihr endgültiges Todesurteil gesprochen. Mit einem Augenaufschlag, mit dem sie bis vor kurzem alles bei mir erreicht hätte, fuhr sie fort:
    „Ich bin dir wirklich aus ganzem Herzen dankbar für die Chance, die du mir gegeben hast. Aber du weißt selbst, wie der Literaturbetrieb tickt. Ihr könnt mit den großen Verlagen der Branche nicht mithalten, und ich kann es mir nicht erlauben, dauerhaft bei Oertel + Spörer zu bleiben. Ich meine, es ist toll, dass es hier bei uns in Reutlingen so einen Verlag gibt. Euer Programm ist super, aber …“
    Sie brach ab, senkte den Kopf und lief einen halben Schritt vor mir durch den bunten Herbstwald. Ich liebte diese Jahreszeit, hatte heute jedoch keinen Blick für die Schönheiten der Natur übrig.
    „Aber?“
    Sie seufzte.
    „Ich will von Schreiben leben, richtig leben, ohne jeden Cent umdrehen zu müssen! Ich will auf Lesungsreisen durch die gesamte Republik tingeln! Du weißt genau, dass ich das Zeug dazu habe!“
    Neid erfasste mich. Ihr Traum war einst auch meiner gewesen. Aber der Literaturbetrieb war ein Haifischbecken, und daher hatte ich ihn schon vor einiger Zeit beerdigt. Sarah war nicht nur besser als ich, sondern zudem eine Frau, konnte daher die Bedürfnisse der überwiegend weiblichen Leserschaft besser befriedigen. Die Heldinnen ihrer Romane waren weiblich, jung und frech. Dank ihres wachen Verstandes setzten sie sich immer gegen ihre Widersacher, oft Männer wie mich, durch.
    „Kannst du mich nicht als deinen Lektor zu deinem neuen Verlag mitnehmen?“
    Oh Gott! Wie erbärmlich ich klang!
    „Ich muss mich erst einmal etablieren. Später lege ich ein gutes Wort für dich ein!“

    Sie berührte mich kurz am Arm. Ich verspüre den Impuls ihre Hand wegzuschlagen. Sie würde nichts für mich tun, hätte mich bald vergessen. Auch mein kleiner Traum, in ihrem Kielwasser nach oben zu kommen, war soeben zerplatzt.
    Wir erreichten den Mädlesfels. Die Aussicht über das Vorland der Alb auf die Achalm war wie immer atemberaubend. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Perfekt, in zehn Minuten würde mein Computer ihr Handy anrufen. Ohne anzuhalten ging ich bis ganz vor, an die Kante des Felsens. Außer uns war weit und breit niemand zu sehen. Ich tat, als genieße ich die Aussicht. Dabei wartete ich voller Anspannung, dass sie neben mich trat. Ein kurzer Stoß würde ihre gerade durchstartende Karriere als Krimi-Autorin abrupt beenden.

    „Wie bist du an mein neues Manuskript gekommen?“
    Ich zuckte zusammen, drehte mich zu ihr um. Sie hatte sich am Gebüsch auf den Boden gesetzt.
    „Es ist doch kein Zufall, dass du mit mir ausgerechnet hierher wolltest.“
    Ich schluckte.
    „Kommt der Mädlesfels etwa in deinem neuen Krimi vor?“
    Sie sah mich mit einer Schärfe an, die mich verunsicherte.
    „Hast du mein E-Mail-Konto geknackt und dir eine Kopie des Manuskripts heruntergeladen, nachdem ich es meiner neuen Lektorin gesendet habe?“
    Gegen meinen Willen beeindruckte mich erneut die Schärfe ihres Verstandes. Wobei ich ihren Account nicht hatte knacken müssen. Es hatte mir genügt, ihr vor Jahren bei der Anmeldung über die Schulter zu sehen und mir ihr Passwort zu merken.
    Mir blieben noch acht Minuten. Anders als in meiner Vorstellung würde sie nicht freiwillig vor an die Kante kommen. Sollte ich sie einfach packen und hierher zerren?
    „Willst du?“
    Sie bot mir eine dampfende Tasse ihres Ingwer-Tees an. Ich zögerte nur kurz.
    „Gerne.“

    Meine Entschlossenheit zu morden zerbröselte wie eine Sandburg in der Sonne. Wäre sie neben mich getreten, hätte ich ihr einen Stoß verpasst. Ganz gewiss hätte ich das! Die Vorstellung, die sich heftig wehrende Sarah vor bis zur Kante zu schleifen und dann hinabzustoßen, erfüllte mich hingegen mit Grauen. Eine solche Tat brachte ich nicht fertig. Außerdem würde ich dann verräterische Spuren wie Druckstellen oder Gewebereste unter ihren Fingernägeln hinterlassen.
    Ich nahm einen großen Schluck ihres Tees. Wie immer schmeckte er zugleich scharf und süß. Aus den Augenwinkeln sah ich sie lächeln. Etwas in mir ließ los. Ich spürte, wie ich mich mit der Situation versöhnte. Vorsichtig nahm ich zwei weitere Schlucke des heißen Gebräus. Sollte Sarah doch in die weite Welt hinausziehen und ich meine erfolgreichste Autorin verlieren. Egal, ich würde halt weiterhin jeden Cent umdrehen und eine Nachfolgerin aufbauen.
    Nanu? Nachdem die Schärfe abklang, nahm ich einen bitteren Geschmack wahr. Dieser war neu und unerwartet. Sarah musste die Zusammensetzung ihres Tees verändert zu haben. Um sicher zu gehen, nahm ich einen weiteren Schluck. Tatsächlich, etwas an dem Tee war heute anders.
    Meine Gedanken schweiften zurück zu meinem Mordplan. Er war nahezu perfekt. Bedauern erfasste mich, dass ich nicht die Eier besaß, ihn die Tat umzusetzen. In Sarah´s Manuskript war eine Frau, die ihrer besten Freundin den Typen ausgespannt hatte, von selbiger den Mädlesfels hinab in den Tod gestoßen worden. Es war mir wie ein Wink des Schicksals erschienen, als ich durch ihre E-Mails erfahren hatte, dass Sarah ihrer engsten Freundin Britta den Typen ausgespannt hatte. Die Kripo würde keinen Gedanken an mich verschwenden, sondern sich voll auf Britta konzentrieren. Auf einmal erschien es mir unendlich schade, den Plan so vorschnell aufzugeben. Noch war es nicht zu spät.
    Sarahs Handy klingelte. Sie zog es aus der Tasche.
    „Nanu? Wie kannst du mich anrufen, wo du doch hier neben mir sitzt?“
    Ich wollte aufspringen, sie packen und mit Schwung in die Tiefe befördern. Etwas lähmte mich jedoch und hielt mich am Boden fest. Panik erfasste mich. Ich war tatsächlich gelähmt, konnte nicht einmal mehr den Arm heben.

    „Übrigens habe ich mein Manuskript geändert. Jetzt stößt nicht mehr eine Frau ihre Freundin hier von diesem Felsen in den Tod. Stattdessen vergiftet sie einen Mann mittels selbst gebrauten Ingwer-Tees. Da der Arzt Herzversagen als natürliche Todesursache attestiert, wird nie gegen sie ermittelt.“
    Sarah goss den Rest des Tees zurück in ihre Thermoskanne, packte diese in ihren winzigen Rucksack und erhob sich. Voller Panik und unfähig mich zu rühren blieb ich auf dem Mädlesfels zurück.

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